Drei Äpfel für ein Halleluja: eine DTP-Geschichte der c‘t
Wir hatten ja nix: Bei den ersten c't Heften entstand das Layout noch mit Schere und Klebstoff. Bis zur heutigen volldigitalen Produktion war es ein weiter Weg.
Die erste c’t erschien im Dezember 1983 noch in der Computersteinzeit: kein Netzwerk, keine Standards, noch nicht mal PDF, sondern Schnippellayout. Der Heise-Verlag hatte auch noch keine eigene DTP-Abteilung, sondern lediglich ein Korrektorat für c’t und später auch für iX. Satz und Grafik hatte der Verlag zunächst an spezielle Dienstleister und Druckereien ausgelagert; Texte, Bilder, Druckfahnen und Lichtkopien trugen Kuriere hin und her. Über viele Jahre wuchs ein digitaler Workflow, der sich stetig weiterentwickelt. Erst mit der Coronapandemie wurde er vollständig digital.
Turnschuh-Workflow mit Disketten
Schon zu Anfang im Herbst des Jahres 1983 lieferten die c’t-Redakteure ihre Texte digital ab – allerdings noch zu Fuß. Sie speicherten ihre Artikel auf 5,25-Zoll-Disketten in einem vorgegebenen Format: Die Textvorlage enthielt für jeden Artikel zunächst den Fließtext, anschließend folgten passend ausgezeichnete Sonderformate wie Literaturangaben, Bildunterschriften, Überschrift, Vorlauftext und Zwischenüberschriften.
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Ein Kurier sammelte die Floppy Disks ein und brachte sie zu einem Dienstleister, der daraus Satzfahnen produzierte. Wenn c’t-Redakteur Andreas Stiller wieder einmal länger brauchte, bot die Redaktionsassistentin dem Kurier einen Kaffee an und verwickelte ihn in ein möglichst ausschweifendes Gespräch, das hoffentlich so lange anhielt, bis Stiller mit seiner Floppy um die Ecke gerannt kam.
Bis Ende der 1980er Jahre gossen tonnenschwere Setzmaschinen die digitalen Tastenanschläge in druckbaren Schriftsatz. Die Druckerei produzierte Fließtext in Schwarzweiß auf durchsichtigen Folien in Form einer langen durchgehenden Spalte sowie daran anschließend die Sonderformate, die sie anhand der Auszeichnungen interpretierte, um beispielsweise eine Bildunterschrift in Helvetica, 9 Punkt, zu setzen.
Zurück im Heise-Verlag fügten die Grafikmitarbeiter Dirk Wollschläger und Wolfgang Ulber die einzelnen Spalten mit Schere und abziehbarem Kleber zu einem Layout zusammen. Dabei ließen sie ausreichend Platz für Bilder, die wiederum die Druckerei einfügte. In den Anfangsjahren agierte die Grafikabteilung bei Heise also lediglich als Zwischenstufe, die Spalte für Spalte Text auseinanderschnitt und neu arrangiert zusammenklebte. Einigen älteren Artikeln sieht man diesen Workflow noch an.
Aus dem Klebelayout erstellte ein Druckdienstleister sogenannte Ozalid-Vorlagen, die als erste Kopien im Workflow tatsächlich zeigten, wie der fertige Artikel gedruckt aussehen sollte. Der Markenname steht stellvertretend für Kopien auf Lichtpauspapier, anhand derer früher Vollständigkeit, Position und Inhalt von Druckvorlagen kontrolliert wurden. Das Diazotypie genannte fotografische Lichtpausverfahren wurde der Einfachheit halber in der Regel Ozalidkopie genannt. Ozalid ist quasi das Tempotaschentuch der Lichtpauserei.
Kleine Disketten, große Dateien
Kosten und Aufwand dieses aufwendigen Turnschuhworkflows befand c’t-Gründer und erster Chefredakteur Christian Persson schon in den Anfängen für unverhältnismäßig hoch. Er verfolgte den Plan, zumindest den Schwarzweißteil des Workflows im Haus erledigen zu lassen; das betraf den gesamten Fließtext des Blatts ohne Bilder. Aussichtsreichster Softwarekandidat dafür war QuarkXPress 1.0, eine junge DTP-Software, die bis dahin ausschließlich in englischer Sprache erhältlich war. Die zweite Version erschien auf Deutsch und wurde erstmals für DTP-Zwecke bei Heise produktiv eingesetzt.
Die ersten Gehversuche machte Heise mit Rechnern von Typ Apple Macintosh. Der 1984 vorgestellte Mikrocomputer, benannt nach der Apfelsorte McIntosh, enthielt eine Motorola-68000-CPU mit 8 Megahertz, 128 KByte Arbeitsspeicher und ein Laufwerk für die stabileren 3,5-Zoll-Disketten mit 400 KByte Speicherplatz. Der integrierte 9-Zoll-Monitor erwies sich jedoch als zu klein, um eine DIN-A4-Seite zu bearbeiten. Das änderte erst der Macintosh II. Er erschien 1987 mit doppelt so schneller 16-MHz-CPU, ebenfalls mit 3,5-Zoll-Laufwerk und einer 40-MByte-SCSI-Festplatte in einem flachen Gehäuse, auf dem ein größerer Monitor Platz fand. "Diese vergleichsweise lahmen Kisten kosteten den Verlag eine Stange Geld", erinnert sich der ehemalige Heise-Grafikchef Wolfgang Otto. Über die Zeit rechnete sich die Investition aber, weil darüber langfristig nicht nur die c’t, sondern auch die iX und andere Hefte produziert wurden.
Laufwerke für 3,5-Zoll-Disketten bedeuteten einen direkten Draht vom Redakteur in die DTP. Und weil es in Zeiten von Amiga, Atari, Microsoft DOS und Mac OS Textformate ohne Ende gab, schrieb c’t-Redakteur Carsten Meyer einen Konverter in Pascal, der aus dem babylonischen Gewirr ASCII-Text mit lesbaren Umlauten erzeugte.
Bleiwüste mit Freifläche
Das Korrektorat hat fortan auf diesen Rechnern Satzvorlagen digital produziert statt mit Schere und Papier. Dabei hatte anfangs nur ein Mitarbeiter das Satzhandwerk gelernt. Alle übrigen waren Germanisten, Lehrer, Radio- und Fernsehtechniker oder anderes. Ihre Aufgabe bestand zuerst darin, die Texte möglichst fehlerfrei weiterzuverarbeiten, und dann druckfähiges Layout zu produzieren. Es hieß also: zuerst korrigieren, dann setzen, layouten und dann nochmal schlusskorrigieren, damit am Ende alles so sauber wie möglich in die Druckerei geht.
Die Grafikabteilung machte sich über die Satzvorlagen her und montierte sie inklusive freier Flächen für Bilder. Heraus kamen vorbereitete DIN-A4-Seiten in vierspaltigem Satz inklusive Kästen mit Spezialtext und Kopf- sowie Fußzeilen mit Angaben zu Rubrik und Pagina. Der Text lief von Anfang an mehrseitig. Wenn eine Seite voll war, schwappte er in die nächste Seite hinüber.
Die Monitore der ersten Rechnergenerationen zeigten nur ein Schwarzweißbild, Farbmonitore für den Macintosh II kosteten immerhin 3000 Mark. Der Verlag lieferte der Druckerei daher alles, was Schwarzfilm hieß. Sie hat in die freigeschlagenen Flächen erst die vorgesehenen Fotos montiert. Butterbrotpapier markierte das richtige Seitenverhältnis: Ein Heise-Grafiker legte das transparente Papier auf das Foto, klappte es herum und klebte es fest. Ein Rechteck markierte den aus dem Foto zu belichtenden Bildausschnitt.
Der damalige Geschäftsführer Steven P. Steinkraus äußerte Anfang der 1990er die Idee, wenn man alle Fotos im Haus hätte, könne man sie auch selbst ins Layout einsetzen. Dafür musste aber wiederum zunächst die Hardware zu den Ideen aufschließen. Ein Riesensprung für die DTP-Abteilung des Heise-Verlags bedeutete der 1999 erschienene Power Mac G4, zunächst mit einem CPU-Takt von 400 MHz. Im Jahr 2003 kam der Power Mac G5 heraus, je nach Konfiguration mit einer Taktfrequenz von mindestens 1,6 GHz, auf den Heise abermals aufrüstete.
Produktfotos auf Mittelformatfilm
Die Fotografen Lutz Reinecke, Martin Klauss und Andreas Wodrich teilten sich die Arbeit an den Zeitschriften Elrad, iX, c’t und Hifi Vision. Weil das Fotoergebnis erst nach dem Entwickeln zu sehen war, arbeiteten die Fotografen im ersten Schritt viel mit Polaroidkameras. Erst wenn das Ergebnis gefiel, fotografierten sie mit hochauflösendem Film. Die Titel für Buchbesprechungen wurden in Schwarzweiß fotografiert, alle anderen Bilder auf Farbdiafilm. Den Löwenanteil machten Produktfotos in 6 × 6 cm Mittelformat aus. Titelbilder wurden in großformatigem 4 × 5-Zoll-Film fotografiert.
Abends sammelten die Fotografen alle belichteten Filme und brachten sie in ein Fotolabor, das die Filme über Nacht entwickelte. Morgens um 8 Uhr stand ein Heise-Mitarbeiter vor der Tür und holte die Diapositive ab. Am Leuchttisch wurden die Dias aus den Rahmen geschnitten und in kleine Zellophantütchen verpackt. Auftragszettel mit Namen des Redakteurs und dem Arbeitstitel des Artikels wiesen sie den richtigen Adressaten zu. Der Redakteur bekam dieses Tütchen an seinen Arbeitsplatz und ging damit in die DTP-Abteilung, wo Jürgen Gonnermann die Dias schließlich einscannte.
Titelbilder waren schon damals Chefsache. Zur Aufnahme des Titelmotivs kamen der Chefredakteur, der Produktionsleiter und der Chefgrafiker ins Fotostudio. Auch hier entstand das Testbild zur Abnahme als Polaroid. Wenn alle zustimmten, wurde großformatig fotografiert. Es kam allerdings auch vor, dass der Fotograf nach Polaroid und allgemeinem Abnicken abbaute und erst eine Stunde später bemerkte, dass das eigentliche Foto nicht im Kasten war. Wenn möglich, entstanden Montagen als Mehrfachbelichtung. Aus dem Fotostudio kam bis Ende der Neunzigerjahre aber nur das Rohmaterial. Das Weinglas mit dem einkopierten Auge vom Titel der c’t 4/1997 wurde in separaten Aufnahmen fotografiert und anschließend von einem DTP-Mitarbeiter nach den Anweisungen der Fotografen montiert.
Screenshots fotografieren
Bis in die Neunzigerjahre ließen sich Screenshots nicht einfach über die Drucktaste erstellen. Stattdessen kam Fotograf Andreas Wodrich mit der Kamera zum Redakteur und baute sie vor dem Monitor auf. Zum Test machte er wie immer zunächst eine Aufnahme mit einer Polaroidkamera – möglichst nur eine. Bei 120 Mark für 25 Belichtungen etablierte sich das geflügelte Wort "Mach nicht so viele Polaroids".
Um durch den Bildaufbau im Zeilensprungverfahren keine sichtbaren Streifen zu erhalten, belichtete er mindestens mit einer Viertelsekunde. Da Monitore aber selbst leuchten, durfte die Kamera auch nicht überbelichten. Bei klassischer Blende 8 stellten drei unterschiedliche Belichtungen sicher, dass mindestens eine brauchbare dabei war: einmal genau wie das Polaroidfoto, dann eine halbe Blende heller und schließlich eine halbe Blende dunkler. Das Verfahren mit drei Belichtungen hatte sich auch bei Aufmachern und Produktfotos bewährt. Ein Rollfilm war gut für zwölf Fotos. Bei jeweils drei Bildern konnte man pro Film also maximal vier Objekte fotografieren.
Anfang der Zweitausender Jahre hielt eine Canon-Digitalkamera mit einer unglaublichen Auflösung von drei Megapixeln Einzug in den c’t-Workflow. Der Sensor erzeugte in Kombination mit einem Monitor jedoch grauenhafte Moiré-Muster. Bis 2003 arbeiteten die Heise-Fotografen daher hybrid: Screenshots auf Film, alles andere aber schon digital.
Für einfache Produktfotos reichte die 3-Megapixelkamera. Für rund 20.000 Mark beschaffte Heise damals ein Phase-One-Rückteil mit 6-Megapixel-Vollformatsensor für die von den Fotografen geliebte Hasselblad-Kamera, das bis 2008 im Einsatz blieb. Über Firewire war das Gerät fest mit dem Rechner verbunden. Einen Speicherkartenslot oder Flashspeicher brachte der Kamera-Aufsatz nicht mit. Das Kabel hatte eine Länge von neun Metern und dann war Schicht. Für Außentermine blieb also weiterhin nur die 3-Megapixel-Canonkamera. Nach 2008 wurden digitale Spiegelreflexkameras so gut, dass das Phase-One-Rückteil aufs Altenteil wanderte.
Skript-Orakel mit Klammeraffen
Mit den Jahren materialisierte sich so ein belastbarer Workflow, dem c’t-Redaktion und DTP-Abteilung bis Anfang 2020 treu blieben. Über viele Jahre mussten c’t-Redakteure und externe Autoren ihre Manuskripte mit Satzanweisungen spicken, die ein QuarkXPress-Skript auslas. Zunächst die Zeichenkodierung, "iso" oder "mac". Die Anweisungen entsprechen den 8-Bit-Kodierungen ISO 8859-1 (Latin-1) und Mac OS Roman. Die ersten sieben Bit geben den internationalen lateinischen Zeichensatz wieder; die Kodierung von Sonderzeichen wie Umlauten und ß weicht jedoch voneinander ab.
Anschließend folgt das Schlagwort für die Kopfzeile, dann die Rubrik. Sie wird ebenfalls in der Kopfzeile abgedruckt, bestimmt aber auch das Layout, denn jede Rubrik hat andere Formatvorlagen. Ein Vorlauftext erfüllt zwar immer dieselbe Funktion, nämlich in den Artikel hineinzuziehen, und ist daher immer fett und in einer anderen Schriftart gesetzt als der Fließtext. Aber der Vorlauftext einer Kurzvorstellung auf einer Drittelseite unterscheidet sich von demjenigen eines sechsseitigen Vergleichstests. Darunter folgt der DTP-Dateiname, der das Dokument dem richtigen Heft an der richtigen Stelle zuordnet.
Der vierzeilige Kopfteil war so wichtig, aber auch so schwer zu merken, dass der langjährige Gegenleser Harald Bögeholz auf seinem Gang durch die Redaktion eine Kaffeetasse mit sich herumtrug, auf der ein Beispiel dieses Vierzeilers abgedruckt war – ob zur Erinnerung oder um es sich selbst merken zu können, sei dahingestellt.
Die Anweisungen für die häufigsten Formatvorlagen schrieben sich im Grunde von selbst: Hinter einem @ und vor einem Doppelpunkt standen ein "t" für Titel, ein "v" für Vorlauftext, ein "bu" für Bildunterschrift oder ein Dollarzeichen für den Fließtext. Darüber hinaus gab es noch andere Textsorten und mit ihnen etliche weitere Angaben für Textkästen, Kommentare, Interviews, Hotline-Meldungen und vieles mehr. Wer nur einmal im Jahr ein Interview führte, musste sich ein PDF mit den richtigen Satzanweisungen vom richtigen Server fischen.
Hilfeschrei an die DTP
Noch komplizierter wurde es bei Sonderzeichen, die nicht im ISO-Zeichensatz enthalten waren. Eine spitze Klammer "<" markierte die Satzanweisung für den Zeichensatz. Wer sie gedruckt haben wollte, musste sie als "<<" notieren. Ganze Manuskripte brachen nach einfacher spitzer Klammer ab, weil das QuarkXPress-Skript vor die Wand fuhr.
Geradezu konfus wurde es in der Spätphase der Skript-Orakelei, als immer neue Formatvorlagen hinzukamen. Mit ihnen wurden auch die Satzanweisungen immer länger und konnten schonmal ein falsches Bild von der eigentlichen Textlänge vermitteln. So gab es beispielsweise für die Textkästen zur Vorstellung eines Einzelprodukts in Vergleichstests die Anweisung "@Info.t:" für den Kastentitel, "@Info.oe1:" für den ersten Absatz eines Testkastens ohne Einzug und "@Info.Normal:" für die weiteren Absätze mit Einzug. Den Bewertungsteil leitete "@bewt:" ein, nebst großem Ä für Daumen hoch und kleinem ä für Daumen runter, eingebunden in eine Hieroglyphenkombination, die niemand verstand außer der Skriptmeister selbst, insgesamt für ein positive Bewertung also "@bewt:<@po>Ä<@$p>" – alles klar? Wehe dem, der nicht das Manuskript des letzten Vergleichstests noch zur Hand hatte.
Ein Hilferuf an DTP-Mitarbeiter, Gegenleser und Vertreter gleichermaßen waren, sind und bleiben drei Ausrufezeichen. !!! weist nicht auf ein Detektiv-Trio hin, sondern auf einen Satzhinweis von der Redaktion an die DTP oder auch einen Fingerzeig von der DTP an die Redaktion, wobei sie sich im gesetzten QuarkXPress-Dokument als drei Apfelsymbole niederschlagen – dem Symbol für Gefahr im gesamten Workflow-Prozess. Wer drei Äpfel sieht, hat etwas zu erledigen und sei es nur, die Satzanweisung noch einmal zu überprüfen. Und auch wenn die mittlerweile Geschichte sind: Die drei Äpfel bleiben im c’t-Workflow das Symbol für Rat und Hilfe.
Mit der Einführung eines neuen CMS und dem Wechsel von QuarkXPress zu Indesign hat sich in jüngster Zeit einiges geändert. Wie die c’t heute entsteht, haben wir für Sie zusammengefasst.
(akr)