Der fliegende Holländer
Das Sicherheitssystem Flughafen ist, auch wenn sämtliche Erfahrungen dagegen sprechen, im wesentlich noch immer eine Black Box, die auf dem Prinzip „Sicherheit durch Geheimniskrämerei“ beruht. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen – daran ändern auch Nacktscanner nichts.
Manchmal ist die Realität besser als jeder Drehbuchschreiber: Da schlägt bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen München der Sprengstoffsensor an. Der Besitzer des fraglichen Laptops hat offenbar weder Zeit noch Lust, das Problem mit irgendwelchen Sicherheitsbeamten zu diskutieren – er schnappt sich seinen Computer, geht einfach weiter – und wird trotz ausgelöstem Sicherheitsalarm nicht mehr gefunden.
Eigentlich ist die ganze Sache nicht wirklich erstaunlich: Das Sicherheitssystem Flughafen ist, auch wenn sämtliche Erfahrungen dagegen sprechen, im wesentlich noch immer eine Black Box, die auf dem Prinzip „Sicherheit durch Geheimniskrämerei“ beruht. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen – daran ändern auch Nacktscanner nichts.
Allgemein verfügbare Informationen sind dünn gesät – und bleiben meist recht oberflächlich. Wo sie verfügbar sind, tragen sie nicht zur Beruhigung bei. So berichtete beispielsweise die FAZ vom 22.1.2010 auf Seite drei : „Die auf deutschen Flughäfen eingesetzten Detektoren stammen in der Mehrzahl von der Thermo Electron Corporation und bestehen aus einem Hochgeschwindigkeits-Gaschromatographen, um Sprengstoffe aus einer Probe zu extrahieren, sowie einer Messeinheit für die Chemielumineszenz. So werden auch kleinste Mengen Sprengstoff mit einem Gewicht von nur einem Billionstel Gramm erkannt... Sprenstoffdetektoren der Egis-Gerätegeneration, wie sie in der Regel auf deutschen Flughäfen eingesetzt werden, benötigen für die gaschromatographische Untersuchung etwa eine halbe Minute. Der Abgleich mit den in einer Datenbank hinterlegten Sprengstoffsignaturen dauert noch einmal zehn Sekunden.“
Laut Firmenbroschüre erkennt der EGIS-Detektor eine ganze Palette handelsüblicher Explosivstoffe: EGDN, NG, DNT, TNT, PETN, RDX, ANFO (optional) und die Markierungsstoffe DMNB, O-MNT und P-MNT bis zu einer Mindestmenge von 100 Pikogramm. „Die Fehlalarmquote," so die FAZ weiter, „ist kleiner als 0,2 Prozent..." Wenn der Sprengstoffdetektor also Alarm schlage, dann sei mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,8 Prozent davon auszugehen, dass der überprüfte Fluggast Sprengstoff oder andere verbotene Stoffe bei sich gehabt habe.
An dieser Stelle hatte ich mich an einer kleinen Überschlagsrechnung versucht, die aber leider, wie mir aufmerksame Leser mittlerweile versichert haben, auf einem Trugschluss beruht: Laut Wikipedia-Eintrag hat der Flughafen München eine Kapazität von 50 Millionen Passagieren pro Jahr, die zur Zeit zu etwa 60 Prozent ausgelastet ist. Das macht etwa 80.000 Passagiere pro Tag. Multipliziert man die Fehlalarmquote mit der Anzahl der durchgeschleusten Passagiere, kommt man auf 160 Fehlalarme pro Tag – natürlich alles ganz grob im Mittel gerechnet.
Stimmt leider nicht, denn die Aussage in der FAZ bezieht sich leider nur auf die falsch-oositiven Ereignisse. Wie oft falsch negative Ereignisse auftreten, kann ich daraus leider nicht ableiten. Ist aber nicht so schlimm, denn erstens: habe ich im Verlauf dieser Diskussion was spannendes dazu gelernt. Und zweitens stimmt die Folgerung noch immer: Wenn ich einer von bösen Jungs wäre, würde ich diese Gelegenheit, Furcht, Unsicherheit, Zweifel und Verwirrung zu stiften, jedenfalls ganz gezielt nutzen. Das bringt maximale Wirkung bei minimalem Einsatz – und das Beste ist: Man muss sich nicht mal selbst in die Luft blasen. „Wer mit dem Teufel essen will“, hat meine Oma immer gesagt, „braucht einen langen Löffel“. (wst)