Schach-Skandal: Niemann muss Carlsen und Chess.com erneut verklagen
Magnus Carlsen und andere beschuldigen Schachspieler Hans Niemann des Betrugs, ohne Beweise. Der muss seine Verleumdungsklage noch einmal beginnen.
(Bild: Daniel AJ Sokolov)
Einen Rückschlag vor Gericht hat der des Betrugs beim Schach bezichtigte Großmeister Hans Moke Niemann erlitten. Er muss bestimmte wettbewerbsrechtliche Vorwürfe fallen lassen und bezüglich seiner Verleumdungsvorwürfe ein anderes Gericht anrufen. Das geht aus einer Entscheidung des ursprünglich angerufenen US-Bundesbezirksgerichts hervor. Beklagt sind Ex-Weltmeister Magnus Carlsen, die größte Schachwebsite Chess.com, deren Chef, der Internationale Meister Daniel Rensch, deren beliebtester Spieler, Großmeister Hikaru Nakamura, und deren Schwesterplattform Play Magnus, Sie haben Niemann des laufenden Betrugs bezichtigt, ohne Beweise vorzulegen.
Außerdem haben Chess.com und Play Magnus Niemann ausgeschlossen. Damit kann er weder auf den zwei wichtigsten Schachwebseiten noch auf den meisten Turnieren des Schachweltverbandes FIDE antreten – denn diese Turniere werden mehrheitlich von Chess.com oder Play Magnus gesponsert. Das ruiniert nicht nur Niemanns Ruf, sondern auch seine Einkünfte. Der junge Mann wehrt sich juristisch.
Klage teils zurückgewiesen, teils abgewiesen
Im Oktober hat Niemann Carlsen, Nakamura, Rensch und Chess.com wegen Verleumdung verklagt, und zwar beim US-Bundesbezirksgericht für das östliche Missouri (Niemann v. Carlsen, Az. 22-cv-01110). Weitere Vorwürfe der Letztversion der Klage sind Vertragsverletzung (nur gegen Chess.com) sowie wettbewerbswidrige Behinderung des Geschäftserwerbs durch unrechtmäßigen Gruppenboykott sowie Versuch der Bildung eines Monopols. Nur die letzten beide Punkte entspringen US-Bundeswettbewerbsrecht, die übrigen Staatenrecht.
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Die einschlägigen Bestimmungen im US-Bundesrecht dienen allerdings nicht dem Schutz betroffener Wettbewerber, sondern dem Schutz des Wettbewerbs schlechthin. Niemann habe nicht dargelegt, wie das den Beklagten vorgeworfene Verhalten den Wettbewerb an sich schädige. Zwar sei er selbst betroffen, nicht aber der Wettbewerb im Markt für professionelle Schachturniere an sich, führt der Richter aus.
Und selbst wenn Play Magnus und Chess.com gemeinsam bestimmte Schachspieler ausschließe, sei das zwar schlecht für die Betroffenen, schade aber nicht den Mitbewerbern. Mitbewerber sind nämlich andere Online-Schachplattformen, nicht die betroffenen Schachspieler. Mit diesen und weiteren Begründungen streicht das Gericht die wettbewerbsrechtlichen Klagepunkte aus der Klage. Übrig bleiben damit nur Vorwürfe, die sich nicht auf Bundesrecht, sondern auf das Recht eines US-Bundesstaates stützen. Solche Klagen behandelt das Bundesbezirksgericht in der Regel nicht, weshalb es das Verfahren einstellt und Niemann an ein Gericht eines Bundesstaates verweist.
Die Beklagten bejubeln das Urteil. Niemann kündigt an, seine Verleumdungsklage nun eben bei einem Gericht eines US-Bundesstaates einzubringen. Mit Ausnahme Carlsens und Play Magnus sind alle Beteiligten in den USA ansässig, Niemann selbst im US-Staat Connecticut.
Shooting-Star des Schachs
Niemann hat in Präsenzpartien den schnellsten und steilsten Aufstieg aller Schachspieler der letzten Jahre hingelegt, hat 2021 aber auch besonders viele Partien gespielt. Bei Online-Partien ist er beim regelwidrigen Einsatz eines Schachcomputers erwischt worden. Er hat zugegeben, bei freundschaftlichen Spielen einmal im Alter von 12 Jahren und einmal im Alter von 16 Jahren auf diese Weise betrogen zu haben. In Präsenzpartien oder Online-Turnieren habe er das jedoch nie getan, versichert der vorige Woche 20 Jahre alt gewordene Niemann.
Am 4. September gewann Niemann eine Präsenzpartie gegen Carlsen bei einem Turnier in St. Louis, Missouri. Diese Niederlage war für den Weltmeister eine Schmach, hatte er doch erst im Juli angekündigt, seinen Weltmeistertitel nicht zu verteidigen. Stattdessen wollte er seinen eigenen Weltrekord von 125 unbesiegten Partien bei FIDE-Turnieren brechen und ein noch von niemandem erreichtes FIDE-Rating von 2900 Elo schaffen. Beide Ziele rückten durch die Niederlage in weite Ferne.
Carlsen beschuldigte Niemann des Betrugs, und verlangte, dass Niemann aus dem Turnier ausgeschlossen werde. Da es dafür keine Beweise gibt, lehnten die Veranstalter das ab, woraufhin Carlsen abreiste. Der Skandal war perfekt. Die FIDE hat Carlsens Verhalten verurteilt, da sein Verhalten dem Schachsport schaden könnte. Der Norweger ist aber nach wie vor Nummer 1 der FIDE-Weltrangliste; Niemann hat sich seit September von Platz 49 auf 36 vorgearbeitet, in der Juniorenrangliste von Platz 6 auf 5.
- Gerichtsentscheidung in Verfahren Hans Moke Niemann vs Sven Magnus Øen Carlsen , US District Court Eastern Missouri, 22-cv-01110
(ds)