Toyota tritt auf die Bremse
Der japanische Autokonzern Toyota hofft, den Beschleunigungsproblemen bei einem Großteil seiner Flotte mit einem sogenannten smarten Pedal zu begegnen. Experten sind sich uneins, ob das gelingen kann.
- Kristina Grifantini
Der japanische Autokonzern hofft, den Beschleunigungsproblemen bei einem Großteil seiner Flotte mit einem sogenannten smarten Pedal zu begegnen. Experten sind sich uneins, ob das gelingen kann.
Es ist ein gigantischer PR-Alptraum: Die Sicherheitsprobleme bei zahlreichen Modellen des PKW-Riesen Toyota wollen nicht enden. Erst musste der Konzern Millionen von Autos zurückrufen, weil sich Fußmatten, unter dem Gaspedal verkeilen konnten. Die Matten wurden ausgetauscht, Pedale, die aufgrund von Verschleiß "kleben" bleiben konnten, ersetzte man ganz. Zuletzt musste der japanische Konzern Untersuchungen in zwei weiteren Fällen in den USA einleiten – allein in der vergangenen Woche. Diesmal waren zwei Prius-Modelle betroffen, die unkontrolliert beschleunigten und Unfälle in New York und Kalifornien provozierten - ingesamt muss Toyota bereits 5,4 Millionen Autos nachbessern.
Nun sollen bald die ersten Toyotas zusätzlich mit einem sogenannten smarten Pedal ausgerüstet werden, mit dem sich auch im Fall unkontrollierter Beschleunigung ein Nothalt einleiten lässt. Allerdings ist auch das nicht unumstritten. So wurden Vorwürfe laut, das elektronische Geschwindigkeitssteuersystem sei grundsätzlich anfällig – was der Autokonzern stets zurückwies. Einer der Kritiker ist David Gilbert, Professor für Automobiltechnik an der Southern Illinois University in Carbondale, der kürzlich vor dem Toyota-Untersuchungsausschuss des US-Kongresses aussagte. Er gab an, ihm sei es gelungen, die Elektronik hinter dem Gaspedal eines Toyota Tundra zu überbrücken. Seinen Angaben zufolge konnte er automatisch beschleunigen, ohne das Sicherheitssystem zu aktivieren. Neutral ist Gilbert allerdings nicht: Sein Gutachten wurde von Safety Research & Strategies in Auftrag gegeben, einer Firma, die von den Anwälten von Toyota-Opfern bezahlt wird.
Toyota engagierte seinen eigenen Gutachter, das Beratungsunternehmen Exponent. Dessen Ergebnisse wurden nun am vergangenen Dienstag präsentiert. Demnach gelang es in Experimenten nur mit deutlichen Modifikationen an der Elektronik, die von Gilbert beschriebene Fehlfunktion auszulösen. Christian Gerdes, Professor für Maschinenbau am Center for Automotive Research der Stanford University, das Toyota nahesteht, sagte, sein Kollege aus Illinois habe schlicht einen zweiten Pedalsteuerkreis geschaffen. Im Realbetrieb sei dies nicht nachzuvollziehen.
Brian Lyons, Sicherheitsmanager bei Toyota, sieht ebenfalls keine Probleme mit der Steuertechnik. "Wir haben sie durch und durch getestet – in vielen Fahrzeugen, bei denen sich die Fahrer zuvor beschwerten." Deshalb würden die smarten Pedale bis Ende des Jahres in jedem Toyota in den USA installiert und bis Ende 2011 weltweit.
Neu ist die Sicherheitslösung sowieso nicht: Es handelt sich um eine Software, die Sensoren in den Gas- und Bremspedalen überwacht. Werden beide Pedale ab einer bestimmten Geschwindigkeit gleichzeitig heruntergedrückt, gibt das Fahrzeug der Bremse den Vorzug – der Wagen wird langsamer. Lyons zufolge arbeitet Toyota schon seit längerem an einer solchen Lösung. "Es sollte eine Funktion sein, die wir in Zukunft in unseren Autos einbauen wollten." Die US-Regierung hat sich mit großer Deutlichkeit für die Technik ausgesprochen. Verkehrsminister Ray LaHood sagte, man erwäge eine Empfehlung, nach der künftig alle Autos derart ausgestattet werden sollten.
"Das smarte Bremspedal nimmt Leistung vom Motor, so dass sich das Auto schneller verlangsamt", erklärt Thomas Plucinsky, Produktmanager bei BMW Nordamerika. Aus diesem Grund setze sein Unternehmen das Verfahren bereits seit 1988 ein. Dabei kommen zwei elektronische Positionssensoren im Bremspedal und im Gaspedal zum Einsatz. Auch Chrysler verbaut die smarten Pedale in 97 Prozent seiner Fahrzeuge. Hier reduziert sich die Motorleistung nach zwei bis vier Sekunden, wenn beide Pedale gleichzeitig gedrückt werden. Andere Firmen, etwa Mercedes-Benz, Volkswagen und Nissan, setzen die Technik ebenfalls seit Jahren ein.
Toyotas Version nutzt einen Positionssensor im Gaspedal, den Geschwindigkeitssensor des Fahrzeuges und den Bremslicht-Schaltkreis. Wenn das System erkennt, dass sowohl Bremse als auch Gaspedal betätigt wurden – etwa dadurch, dass das Gaspedal an der Fußmatte hängenbleibt, während der Fahrer zu bremsen versucht – schaltet der Motor in den Leerlauf. Die Technik aktiviert sich nur dann, wenn das Gaspedal zu mindestens 25 Prozent heruntergedrückt wurde und sich das Auto mehr als 8 km/h schnell bewegt. So kann das System ausschließen, dass der Fahrer nur eine Anfahrt am Berg versucht oder beim Beschleunigen kurz abbremst. "Es ist ein sehr kluges System und stört den Fahrer dabei überhaupt nicht", glaubt Toyota-Sicherheitsmann Lyons.
Allerdings gibt es auch Kritiker. Sean Kane, Gründer von Safety Research & Strategies, ist skeptisch, dass das smarte Pedal von Toyota das Problem wirklich löst, das habe sein Gutachter Gilbert ja gezeigt. "Mir kommt es nicht so vor, als ob dieses System das erreicht, was es erreichen soll."
BMW-Mann Plucinsky hat unterdessen einen Tipp für all jene, deren Auto ein smartes Bremspedal besitzt: "Wenn es sein muss, sollte im Notfall möglichst schnell gebremst werden – so fest wie möglich, um auch schnell anzuhalten. Gleichzeitig sollte man in den Leerlauf schalten."
(bsc)