Was war. Was wird.
Wenn Mc Nealy und Gates die Friedenspfeife kreisen lassen, guckt auch Hal Faber verdutzt: Was haben die denn geraucht? Aber es gibt ja auch noch andere VerrĂĽckte in der IT-Branche und der groĂźen weiten Welt.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Gleich gehen sie tanzen: Developers! Developers! Es ist das erste Mal, dass ich den WochenrĂĽckblick mit einem Bildchen beginne. Denn bei Sun wird gejubelt: Fenster machen nur dort Sinn, wo die Sonne scheint; wo es Geld aus Fenstern regnet. Zuerst war mir das nicht ganz klar. Die deutsche Pressemitteilung von Sun liest sich wie ein Aprilscherz eines Bekloppten mit verstelltem Datum:
"1. Sun Microsystems ernennt Jonathan Schwartz zum Chief Operating Officer, der in seiner neuen Position direkt an Scott McNealy, Chief Executive Officer Sun Microsystems Inc. berichtet.
2. Sun Microsystems schlieĂźt ein circa zwei Millionen US-Dollar umfassendes Kooperationsabkommen mit Microsoft Inc.
3. Sun Microsystems gibt vorläufiges Ergebnis für das 3. Quartal des Fiskaljahres 2004 bekannt."
Bei Jonny Schwartz und zwei Millionen Dollar rührt sich eigentlich kein Journalistenfinger in dieser Branche, die eigentlich darauf wartete, dass Borland von Microsoft vernascht wird. Deals mit 2 Millionen Dollar, das sind IT-Häppchen, die in Angola und Ghana ausgegeben werden, aber Sun? Erst bei dem "vorläufigen Ergebnis", in dem immerhin die Kündigung von 3300 Programmierern und Technikern versteckt ist, steckt der Zündstoff. Wenig später folgte eine korrigierte PR mit zwei Milliarden: Bei der Pressearbeit kann Sun Microsystems noch von Microsoft lernen.
*** Sun geht es schlecht, so schlecht, dass Microsoft wie weiland bei Apple mit Stützkäufen das Kriegsbeil als Friedenspfeife voller Kinnikinnik umdekorieren kann. Wer hat da zuviel Kinnikinnik geraucht, wenn von dem gegenseitigen Respekt für die Patente die Rede ist? 1,95 Milliarden für Sun als Hersteller teurer proprietärer Computer sind selbst für einen Bill Gates viel Geld, zumal dieser gerade proklamierte, dass Hardware bald nahezu kostenfrei sein werde. Wo die Sonne scheint und die Fenster offen sind, da ist auch ein Platz für die Vögelchen von SCO. Fragt sich nur, ob Sun ähnliche Volten schlägt und das unter die LGPL gestellte OpenOffice zum Codeklau erster Güte stilisiert.
*** Nun darf Scott McNealy sein Geld sichern. Für die besseren Sprüche ist ohnehin seit geraumer Zeit der große Darl vom Stamme der McBrides zuständig, der neuerdings sogar David Bowie und Queen bemüht, als ob Software und Musik identisch wären. Wobei es für mich, der ich mich niemals über den 1. April lustig machen würde, peinlich genug ist, auf einem Foto auf der Homepage von McBride in der Masse des Publikums aufzutauchen, das gebannt auf den nächsten Pu^H^H Coup wartet.
*** Bleiben wir bei der Musik und wenden uns von Ice Vanilla, Bowie und Queen der leidenden deutschen Musikindustrie zu, die in ihrer Not das Kriegsbeil ausgegraben hat. Wer nicht versteht, dass wieder einmal der zyklische Wechsel der Musikformate abläuft, muss wohl kriminell werden und den Zorn rechtschaffen(d)er Fans aushalten. Ach, das waren noch schöne Zeiten, als sich vor 30 Jahren Abba aufmachte, die Welt zu beträllern. Übrigens gegen den Widerstand besagter Industrie, die Waterloo ablehnte. Was ist von einer Industrie zu halten, die es nicht schafft, den heute sich jährenden Todestag von Arthur Russell zu begehen, einem der wichtigsten Musiker des ausgelaufenen Jahrhunderts, der in vielen Welten zu Hause war? Wie sang noch Frau von Kappelhoff, die Jubilarin: Que sera, sera? -- the future is not ours to see.
*** TAFKAP heißt längst wieder Prince oder The Artist, was hierzulande Talkline zum Vorbild nimmt, ein Kürzel rauszuwerfen. Bei "W A N T E D: Neuer Name für UMTSGPRSWLANHSCSDETC" hat meinem Geschmack nach der mehrfach genannte Forumsvorschlag "Toll Connect" gewonnen, doch dürfte dieser einfach zu merkende Name nicht das nötigen Alleinstellungsmerkmalspotenzial gegen TM3 haben. Tja, da bleibt nur noch der ehemalige Microsoft-Lobbyist Hunzinger übrig, wo man ebenfalls einen neuen Namen sucht. Wie wäre es mit TAFKASP? The Agency Formerly Known at Sharping's Pool?
*** Während es um Hunzinger still wird, fängt die Küche an zu quasseln: "Der Dampfgarer lässt sagen, dass die Beilagen servierfertig sind. Der Herd signalisiert, dass die leere Kochfläche nun wirklich abgeschaltet werden sollte und der Gefrierschrank beschwert sich, dass die Tür immer noch nicht geschlossen wurde." So freute man sich in dieser Woche bei Miele über die "Revolution in der Küche". So ist das in Deutschland: Wenn es eine Revolution gibt, dann kauft man Bahnsteigkarten oder überlässt sie den Kühlschränken. Die Menschen freuen sich derweil über die Mehrarbeit, die gesamtgesellschaftlich nötig ist, damit der Innovationsstau endlich beseitigt wird. Wo bleibt das handliche kleine Gerät zum Geburtstag unseres Kanzlers, das ihm nach Italien funkt, was die Menschen wirklich von den Reförmchen halten. Es muss ja nicht gleich ein ganzer neuer digitaler Polizeifunk sein, dessen Fehlen in der Rückschau auf die Ereignisse in Erfurt so bitterlich beklagt wird. Die direkte Kommunikation mit Mayonnaise ist auf jeden Fall unangenehmer und lässt obendrein Raum für Interpretationen.
*** Von der Mayonnaise zum Ketchup, das ist nur ein kleiner Griff zur Flasche, aber ein großer Sprung für den Kolumnisten. Drüben, bei unseren vorsichtigen Freunden hat im Vor-Wahlkampf nach den Geständnissen von Richard Clarke ein großer Streit darüber eingesetzt, was die Regierung an Aufklärungsarbeit geleistet hat. Was wird vertuscht, das ist eine heftig debattierte Frage. Mittlerweile machen Gerüchte die Runde, dass die Regierung Hacker eingestellt haben soll, unliebsame Webseiten zu verschönern.
*** Bei abweichenden politischen Meinungen war Peter Ustinov zu Hause. Er gehört zu den Toten der Woche, genau wie der Fotograf Dirk Reinartz. Ihnen ein Lied, das manchereiner unpassend finden wird, das aber ein heute vor 89 Jahren geborener großer Musiker schrieb. Stand around crying.
*** Politische Meinungen sind so eine Sache. So mag Ustinov -- und in diesem Fall ist dieses Wort keineswegs despektierlich gemeint -- im wahrsten Sinne des Wortes ein Gutmensch gewesen sein, das Geburtstagskind Marlon Brando würde sich derart sicher nicht titulieren lassen wollen, obwohl er auch das war. Seine Figuren von Terry über Don Corleone bis zu Colonel Kurtz sind der Gegenentwurf zu den Bewohnern eines glattgebügelten Amerika, mag es nun von der konservativen Revolution eines George W. Bush, den New-Economy-Yuppies eines Bill Clinton oder den sowohl Kriegs- wie Antikriegs-Veteranen eines John Kerry beherrscht sein. Nein, Brando ist nicht Kowalski, Brando arbeitete kaum fürs Fernsehen -- aber das Spiel bei Vito, Paul oder Johnny sei unser aller Bundespräsident noch einmmal ans Herz gelegt, sprach er doch bei einem seiner letzten Auftritte vor der Übergabe der Amtsgeschäfte an den Wirtschaftsliberalen und Ruck-Fortsetzers Köhler von der "Humanisierung des Fernsehens". Humanisierung? Da ist noch viel zu tun -- und nicht nur im Fernsehen. Und während Robert Spaemann ganz ciceronisch den liberalen Totalitarismus und das Gerede vom Staat als Wertegemeinschaft beklagt, ergeht sich derweil Generation-Golf-Illies in monopolistischer Beliebigkeit. Das ist sie also, passend zur neuen deutschen Fernsehlandschaft, die einen Marlon Brando nicht mehr kennt: Die neue deutsche Magazinlandschaft, die endlich einmal an die US-Vorbilder von Atlantic Monthly bis zu New Yorker heranreichen will. Auch wenn die aus der konservativen Ecke mahnend erhobenen Zeigefinger des neuen "Cicero" auf mehr zu verweisen scheinen als die pure Anti-68-Alles-Egal-Attitüde der Möchtegerne vom "Monopol", bleibt doch noch einiges zu tun bis zur Humanisierung. Immerhin: Bernd, das Brot, bekam den Adolf-Grimme-Preis. Das ist schon einmal ein Anfang. Wem das nicht reicht, der kann sich ja bei Peter Weiss bedienen, dessen filmische Biografie der Grimme-Jury auch einen Preis wert war. Die Ästhetik des Widerstands ist mehr als nur ein Buchtitel -- vielleicht fehlt manchen Leuten nur ein Angebot, das sie nicht ausschlagen können.
Was wird.
Es gibt Softwarefirmen, die 40 Jahre lang gegen einen Monopolisten anstinken und durchhalten, auch wenn bei ihnen niemand reich geworden ist. Am kommenden Mittwoch ist der 40. Geburtstag des System/360, wegen der 360 Grad im Namen immer noch als das perfekteste und teuerste Stück Computerhard- und Software aller Zeiten gepriesen. Mit dem System/360 und seinem dazugehörigen Betriebssystem ging freilich auch die Ära freier Software zu Ende. Die Entdeckung eines undokumentierten Sortier-Befehls in IBMs Betriebssystem für die /360 bedeutete das Aus für die damals frei verschenkte Software -- und den Beginn kommerzieller Softwareentwicklung. Dem Entdecker Duane Whitlow gelang es, ein Patent auf den IBM-Code zu bekommen und mit seinem Programm Sync-Sort eine erheblich schnellere Sortierfunktion zu verkaufen, die zum Standard wurde. Wer sich für diese Rechnerfamilie interessiert, der sei auf das nächste Festival der Computer-Trabbis verwiesen, das einen Vortrag darüber präsentiert, wie schwierig es schon 1982 war, den perfekten Computer zu verstehen.
Patente stehen im Mittelpunkt einer zweitägigen Veranstaltung in Brüssel, Demonstration inbegriffen. Sie findet zwar erst nach Ostern in der übernächsten Woche statt, aber grenzüberschreitende Ereignisse brauchen neuerdings ihre Zeit. War das unfair? Bitte, hier ist das bayerische Gegenstück, die Konferenz der "IT-Leuchtürme im Meer des Wissens", wie die Süddeutsche titelte und leider nicht ins Web stellte. Also Leute, in München steht ein IT-Leuchtturm, der Signale aussendet und der mit anderen die Weltmeere des Wissens sichert. Was wären wir, leuchtturmlos und ohne klare Peilung, wenn es nicht die Software-Offensive Bayern gäbe, die die hellsten Köpfe der Branche, die hervorragendsten Computerexperten Deutschlands versammelt?
Zum Ausgleich ein Berliner Quickie. Die RFID-Technik ist schwer in der Diskussion, während die ersten RFID-Enthusiasten nach dem Hype realistischer urteilen. Doch wenn es mit den Dosen nicht klappen will, warum nicht einfach die blöden Passagiere nehmen, die mit Fingerabdruck und Gesichtserkennnung an der Grenze nur unzureichend gesichert sind? Wo ein Leuchtturm ist, da ist auch ein Weg. Oder ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann. (Hal Faber) / (jk)