Wem kann man noch trauen?

Die sogenannte Climategate-Affäre und das Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft und Informationsgesellschaft.

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Ich weiß, ich weiß, eigentlich will das kein Mensch mehr lesen: Ich schreibe hier trotzdem noch einmal über Klimawandel, die sogenannte Climategate-Affäre und das Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft und Informationsgesellschaft.

Denn bislang kannte ich diesen Mechanismus nur aus schlechten Filmen: Da sagt der – natürlich irgendwie ein bisschen tiefgründige und philosophische – Held im Verlauf des Filmes zum Schurken so etwas wie: "Auch wenn Du Deine Lügen immer wieder wiederholst, werden sie davon nicht wahr". Doch der Held hat natürlich erst mal unrecht mit seiner Einschätzung: Die bösen Lügen und Verschwörungen des Schurken setzen sich durch – bis der Held im finalen Showdown alle Zweifler überzeugen kann.

Wie gesagt: Gibt's nur im schlechten Film. Im echten Leben haben die Leute ja einen Kopf zum Denken. Und so habe ich die sogenannte "Climategate"-Affäre im Dezember auch nicht sonderlich ernst genommen: Gut, da hatten einige sogenannte Hacker behauptet, von den Rechnern der Climate Research Unit (CRU) der University of East Anglia Dokumente gestohlen zu haben. Die wurden natürlich prompt im Internet veröffentlicht, um zu zeigen, dass die Geschichte mit dem Klimawandel manipuliert und übertrieben ist.

Aber die ganze Aktion war meiner Meinung nach total durchsichtig: eine mit einer gehörigen Portion Verschwörungstheorie aufgeblasene, nicht einmal sonderlich gut gemachte, Räuberpistole kurz vor der Eröffnung der Klimakonferenz in Kopenhagen. Wer soll das glauben? Hacker, die selbstverständlich nur im Dienst der Informationsfreiheit gehandelt haben?

Ich muss zugeben: Ich habe mich geirrt. Eine wachsende Zahl von Menschen "glaubt" mittlerweile nicht mehr an den Klimawandel. Und der "Spiegel" hat in seiner Online-Ausgabe kürzlich der ganzen Geschichte noch einmal eine längliche Story gewidmet ("Die Wolkenschieber"), die mal eben den wissenschaftlichen Konsens der letzten zehn Jahre in Frage stellt nach dem Motto: Eigentlich wissen wir gar nichts – und wenn wir es recht bedenken, ist dieser ganze Öko-Mist auch verdammt teuer. Außerdem: So ist das Leben – es gibt immer Gewinner und es gibt immer Verlierer.

Was ich offenbar total unterschätzt habe, ist der Mechanismus der "Street Credibility", der sich in den sozialen Netzwerken des Internet etabliert hat: Die Beurteilung der Qualität einer Information ist ganz eng mit der Herkunft dieser Information verknüpft – ein Netz des Vertrauens, das enorme Stärken hat. Es schützt gegen den alltäglichen "Information Overflow" und hilft uns, Dinge zu entdecken, auf die wir selbst nie im Leben gestoßen wären. Aber diese Netzwerk-Kultur hat auch eine ganz gewaltige Schwäche: Objektivität wird zunehmend unwichtiger. Wenn ich eh keinem Menschen mehr trauen kann, weil tendenziell alle Informationen unvollständig und verzerrt sind, dann glaube ich halt nur noch meinen Kumpels.

Nun könnte man fragen: Was soll es denn? Sollen sich die Trolle im Internet doch mit sich selbst beschäftigen! Doch ich fürchte, der hier beschriebene Mechanismus reicht weit über das Netz hinaus: Auch die "Informationseliten" der westlichen Welt sind mittlerweile von dieser Art des Denkens infiziert. Ich bin gespannt, wo das noch hinführt. (bsc)