Fahrplan für den grünen Kapitalismus
Erneuerbare Energien als Hauptenergiequelle für Europa und 80 Prozent weniger CO2-Emissionen? Das geht, zeigt die "Roadmap 2050" der European Climate Foundation. Gerade in ihrer realpolitischen Argumentation ist sie aber zwiespältig.
- Niels Boeing
Erinnert sich noch jemand an das Energiekonzept des kurzzeitigen hessischen Wirtschaftsministers in spe Hermann Scheer? Der wurde 2008 angefeindet, weil er Hessen innerhalb von zwei Jahrzehnten vollständig auf Erneuerbare Energien ausrichten wollte. Geht nicht, völlig utopisch, hieß es (siehe dazu auch das Streitgespräch zwischen Hermann Scheer und DENA-Chef Stephan Kohler in TR 06/2009).
Geht doch. Das ist das wesentliche Ergebnis "Roadmap 2050" für den Umbau des europäischen Energiesystems, die die European Climate Foundation (ECF) gestern in Brüssel vorgestellt hat. Zwar nicht innerhalb von zwei, aber doch innerhalb von vier Jahrzehnten.
Als die Studie im August letzten Jahres begann, sei die gängige Meinung gewesen, Szenarien mit einem hohen Anteil an Erneuerbaren würden keine zuverlässige Versorgung ermöglichen, seien unwirtschaftlich und viel teurer als der heutige Strommix, schreibt die ECF. Aber: "Roadmap 2050 ist zu dem Ergebnis gekommen, dass all diese Annahmen falsch sind." Vier Monate nach dem Scheitern der Klimakonferzenz von Kopenhagen ist dies ein echter Paukenschlag – umso mehr, als an der Studie sowohl Energieversorger als auch grüne Institutionen mitgearbeitet haben.
Die ECF hat vier Szenarien durchrechnen lassen, in denen 2050 die Energieversorgung zu 40, 60, 80 oder gar 100 Prozent auf Erneuerbaren beruht. Den Rest teilen sich jeweils hälftig Atomkraft und fossile Energieträger mit CO2-Einlagerung. In jedem dieser Szenarien seien die Energiekosten in 40 Jahren einem CO2-intensiven business as usual vergleichbar, so die ECF, und könnten die CO2-Emissionen um 80 Prozent gesenkt werden. Dabei hat sie nicht einmal angenommen, dass demnächst noch eine Wundertechnologie aus dem Hut gezaubert wird, sondern ist von den existierenden technischen Möglichkeiten ausgegangen.
Die Studie hebt auch hervor, dass in den nächsten 40 Jahren der europäische Kraftwerkspark (EU, Schweiz, Norwegen) bis auf Wasserkraftwerke ohnehin erneuert werden müsse. Das heißt: Es muss in den kommenden Jahrzehnten ohnehin investiert und erneuert werden. Warum dann also nicht gleich richtig? Darauf hatte bereits Greenpeace in seinem im August 2009 veröffentlichten "Klimaschutz: Plan B 2050" hingewiesen, der – für die Bundesrepublik – ebenfalls eine Roadmap für 100 Prozent Erneuerbare Energien aufgezeigt hatte.
Die Studie kommt außerdem zur selben Einschätzung wie der so genannte Stern-Report zum Klimawandel von 2007: Je später der Umbau in Angriff genommen wird, desto mehr Kapital muss dann in einem kürzeren Zeitraum aufgebracht, um das Ziel von 80 Prozent weniger CO2-Emissionen im Jahre 2050 zu erreichen. Im kommenden Jahrzehnt müssten die jährlichen Investitionen in neue Kraftwerke und den Ausbau des europäischen Stromnetzes auf 45 bis 55 Millarden Euro erhöht werden, je nach dem Anteil an Erneuerbaren, der langfristig erreicht werden muss. Angesichts der Rettungspakete für die Banken in der aktuellen Finanzkrise, man muss es noch einmal hervorheben, erscheint diese Summe für die beteiligten 29 Staaten geradezu läppisch.
Die Stärke der Studie ist, dass sie die Realpolitik berücksichtigt und darauf hinweist, dass die CO2-armen Energieszenarien langfristig ein höheres Wirtschaftswachstum als im business as usual versprechen und Europa in der Energietechnik wettbewerbsfähiger machen.
Das ist für mich zugleich auch ihre Schwäche: Sie rüttelt nicht am heiligen Gral des fortgesetzten Wirtschaftswachstums, und sie macht die deutsche Exportbesessenheit zum europäischen Ziel. Der Kapitalismus soll einfach nur grün werden. Das mutet seltsam an. Denn zur selben Zeit peilen auch die USA und China an, mit dem Umbau ihres Energiesystems zum globalen Champion für Energietechnik zu werden. Nach dieser Logik wird der Rest der Welt zum glücklichen Netto-Importeur von CO2-armen Technologien – wie aber soll er das bezahlen?
Der Verweis der ECF, die Europäer müssten in Zukunft nicht mehr, sondern eher weniger für ihren Strom bezahlen, ist ebenfalls problematisch. Denn es ist seit langem bekannt, dass effizientere neue Technologien zu einem Rebound-Effekt führen: Sie werden billiger und deshalb stärker konsumiert, was die Effizienzgewinne häufig mehr als auffrisst (Paradebeispiel: das "papierlose" Büro). Die ECF kalkuliert immerhin einen gewissen Rebound mit ein. Soll der aber nicht zu hoch werden, müssten die europäischen Verbraucher ihr Konsumverhalten ändern.
Für mich wäre es vor allem ein Wunder, wenn sich die 29 europäischen Länder zusammenraufen und gemeinsam einem der Roadmap-Szenarien folgen würden. Betrachtet man nur die Renationalisierung der deutschen EU-Politik, die Gerhard Schröder begann und die Angela Merkel jetzt weitertreibt, ist es unwahrscheinlich, dass der Umbau in naher Zukunft angeschoben wird – trotz aller realpolitischen Argumente, die die ECF aufbietet. Ein Gewinn ist die Studie in jedem Fall. Ab jetzt kann man bei jeder Debatte um Stromlücken und Erneuerbare Energien einwerfen: Geht nicht, gibt's nicht.
(nbo)