OpenStreetMap: 20 Jahre offene Alternative zu Google, Apple und Co.​
Seite 2: Anwendungsfall Nahverkehr
(Bild:Â Screenshot)
Auch im Nahverkehr findet OpenStreetMap mittlerweile regelmäßig Anwendung. Wer in einer Straßenbahn in Poznań sitzt, der wird dort Echtzeitanzeigen entdecken, die die aktuelle Fahrzeugposition auf dem Bildschirm in der Straßenbahn anhand der OSM-Karte darstellt.
Auch deutsche Verkehrsbetriebe nutzen OSM als Grundlage ihrer Anwendungen. Die Fahrplanauskunft der Hannoverschen Verkehrsbetriebe Ăśstra etwa basiert auf OSM. Interessanterweise setzt die Ăśstra auf eine relativ schwache Darstellung der Eisenbahninfrastruktur, obwohl man sich in Hannover insbesondere an der StraĂźenbahninfrastruktur gut orientieren kann.
OpenStreetMap selbst bietet weitere Ansichten speziell fĂĽr Radfahrer und fĂĽr den Ă–PNV. Doch es muss nicht immer OpenStreetMap.org sein, wenn man die Daten verwenden will. Gerade im Bereich Eisenbahn gibt es einige hochspezialisierte und gleichzeitig interessante Kartendienste.
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Dazu gehört etwa die OpenRailwayMap, die Eisenbahninfrastruktur auf der ganzen Welt abbildet. Die Qualität ist zwar von Region zu Region sehr unterschiedlich, denn das korrekte Mapping erfordert eine Community, die sich auch mit Eisenbahnsystemen auskennt. Dafür kann man sich etwa in Europa hervorragend anschauen, welche Spurbreiten es gibt, wie viele Stromsysteme – und wie komplex Zugsicherungssysteme sind.
Mit Railwayhistory befindet sich ein Projekt im Aufbau, das nicht mehr genutzte Bahninfrastruktur verzeichnet, von der es in Deutschland recht viel gibt. Der Fokus liegt aktuell auch auf Deutschland, wobei zahlreiche Nachbarländer auch schon integriert sind. Ein ähnliches Projekt gab es 2022 von der Tageszeitung WAZ. Auf Basis von OSM-Daten wurde gezeigt, wie stark das Schienennetz in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten geschrumpft ist.
Der ÖPNV ist derzeit noch eine Schwäche von OpenStreetMap. Die Karten von Apple, Google oder Here arbeiten mit Echtzeitdaten. Selbiges gilt für erweiterte Linienführungen, auch wenn das bei Google mitunter chaotisch wirkt. Apple Maps hingegen bietet Kartendaten, die im ÖPNV-Bereich fast handgezeichnet wirken.
Crisismapping: Eine Stärke von OpenStreetMap
Ein wichtiger Aspekt von OpenStreetMap ist die Community. Die beweist sich insbesondere im Katastrophenfall, wenn gutes Kartenmaterial mitunter überlebenswichtig ist. Bei ärmeren Regionen mit ohnehin schlechter Infrastruktur darf man etwa im Falle eines Erdbebens nicht erwarten, dass die kommerziellen Anbieter aktuelles und detailliertes Kartenmaterial haben.
OpenStreetMap ist dabei auf Freiwillige angewiesen. Wenn es zu einem tragischen Ereignis kommt, dann sammeln sich weltweit Crisismapper und kartografieren in Windeseile eine Region, in der auch das Straßennetz – oder was davon schlimmstenfalls übrig ist – neu erfasst werden muss.
Das Humanitarian OpenStreetMap Team kümmert sich dann etwa darum, Rettungskräfte vor Ort mit guten Kartendaten zu versorgen. Insgesamt haben bisher fast 500.000 Menschen am Rechner in solchen Situationen geholfen und 3,4 Millionen Kilometer Straßennetz in OpenStreetMap aufgesetzt.
Bei großen Erdbeben wird das Team schnell aktiv. Das zeigte das schwere Erdbeben in Syrien und der Türkei Anfang Februar 2023. Das aktualisierte Kartenmaterial half den Rettungsteams vor Ort beim Durchkommen. Auch in frühen Jahren konnte das Crisis Mapping zeigen, welche Stärken OpenStreetMap hat. 2010 – nur sechs Jahre nach Entstehen von OSM – war das Erdbeben in Haiti einer der ersten großen Einsätze für das Crisis Mapping.
Wettbewerb mit Google und Apple
An solche Detailqualität kommen die großen Konkurrenten nicht heran. Google gelingt es aber, Nutzer einzubeziehen, die etwa Öffnungszeiten korrigieren oder Bewertungen abgeben. Google hat Stärken bei anderen Daten in der Karte, allerdings wird die Anwendung auch immer weiter überfrachtet.
Apple Maps setzt mit Partnern auf Ähnliches, doch gerade in diesem Bereich ist die Datenqualität oft fragwürdig – es ist besser, sich nicht auf Informationen etwa zu Geschäften zu verlassen.
In der Praxis heißt das oft, mehrere Kartendienste zu nutzen. Ob es einzelne Länder oder bestimmte Funktionen sind – mal ist der eine vorne, mal der andere. OpenStreetMap ist manchmal eine Ergänzung, manchmal auch die wichtigste Orientierungsmöglichkeit.
Heute ist OpenStreetMap kaum noch aus dem Alltag wegzudenken - und bleibt dabei oft unsichtbar. Die Daten des Projekts sind längst in allen möglichen Anwendungen zu sehen und reichen von Longyearbyen in Spitzbergen bis zur McMurdo Station in der Antarktis – auch wenn die Darstellung der Regionen etwas verzerrt ist, da das Rendern eines Globus OpenStreetMap.org noch fremd ist.
(vbr)