Android Automotive OS: Lässt Google Autoherstellern noch eine Chance?

Seite 2: Open Synergy

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Wir sprachen mit Open Synergy, einem Software-Systemzulieferer der Autoindustrie, den Endkunden kaum kennen, obwohl zum Beispiel rund die Hälfte aller Autohersteller deren Bluetooth-Stack verwenden. Für AAOS und die dazugehörigen Entwicklungen in der Autotechnik interessiert vor allem Open Synergys Virtualisierungstechnik rund um das COQOS Hypervisor SDK (Software Development Kit).

Um etwa Android betriebssicher zu machen, schützt der “IC Guard” sicherheitsrelevante Systeme vor als unsicher markierten VMs. Wenn die Mittelkonsole also Fahrzeugdaten anzeigen will, fordert sie diese im Client-Server-Betrieb an, damit eine sichere VM sie ihnen liefert. Der IC Guard selber läuft dabei selbst in einer VM. AAOS muss somit keinen direkten Zugriff aufs Fahrzeug-Gateway erhalten, kann jedoch trotzdem Fahrzeugdaten von den systemkritischen Bus-Systemen anzeigen oder Daten an andere Steuergeräte schicken (zum Beispiel eine Kartenanzeige auf eine Tachoeinheit). Auf diese Art kann der Systemhersteller Android gut im Griff halten, muss also weder Google vertrauen noch selber einen Android-Port ohne Google-Dienste basteln und warten.

Open Synergy schlägt zum Beispiel vor, Tachoeinheiten auf Linux laufen zu lassen. Da Linux die für einen Tacho nötigen Sicherheitsanforderungen nicht selber erfüllt, hievt die Kontrolle des IC Guard das Gesamtsystem auf das nötige Sicherheitsniveau. Der Watchdog kontrolliert dabei anhand von Informationen aus dem Fahrzeug-Bus, ob die vorgeschriebenen Leuchten korrekt und zeitnah leuchten. Sollte das System nicht reagieren, schaltet er dann etwa die Hintergrundbeleuchtung aus und bootet die VM neu.

Multinationales Auto: kleine europäische Marke, skandinavisches Design, großer chinesischer Hersteller, amerikanische Infotainment-Technik. Der Polestar 2 setzt aus diesem globalen Geflecht heraus einen Benchmark für angenehme Kabinen, den die meisten größeren Hersteller nicht erreichen.

(Bild: Clemens Gleich)

Überhaupt können so alle möglichen Betriebssysteme aller möglichen Sicherheitsanforderungen ohne Interferenzen parallel auf einer kräftigen Hardware-Einheit laufen. Auf dem chinesischen Markt etwa könnte das AliOS sein, ein lokaler Android-Fork mit Schwerpunkt auf Cloud-Apps. Open Synergy bezeichnet die eigene Technik als "vollkommen OS-agnostisch". Die Strukturen aus Hypervisor, VMs und Watchdogs sollen mit so vielen Betriebssystemen wie möglich funktionieren – alle friedlich nebeneinander, ein jedes nach seinen Bedürfnissen, ein jedes nach seinen Fähigkeiten. Hier gibt es also auch einen Platz für Automotive Grade Linux, den nächsten Kandidaten dieser losen Serie über Mittelkonsolen-Betriebssysteme.

In einer nahen Zukunft konkurrieren die Systeme der Autohersteller nicht mehr nur indirekt, sondern direkt mit den ganz Großen der Unterhaltungselektronik-Branche. Consumer-zentrierte SoC-Designs können (siehe Volvo) mit kleinen Anpassungen die Umgebungsvorgaben von Automotive erreichen oder Consumer-Hersteller bieten Auto-Varianten an (siehe Nvidia Drive). Darauf läuft dann Software aus dem Silicon Valley. Die Kunden versorgen sich aus den USA mit Apps aus dem Google-Ökosystem.

Wenn die europäische Autoindustrie dem etwas entgegensetzen will, das nicht über die eigenen Füße stolpert, müssen die Mitspieler hier branchenweit oder besser: branchenübergreifend kooperieren. Anders verliert Deutschland einen erheblichen Teil der Fahrzeug-Wertschöpfungskette. Technisch habe ich keine Bedenken. Wer sich ansieht, was allein die vergleichsweise kleine Firma Daimler mit MBUX anbietet, wird sofort verstehen.

Doch sozial/politisch gibt es derzeit noch wenige kooperative Ansätze. Selbst Volkswagen will, dass Andere ihnen ins VW.OS folgen, um es zu Relevanz zu bringen. Die Software-Plattform soll aber ihrer alleinigen Kontrolle unterliegen. Wieso sollte ein Daimler oder eine BMW AG da mitmachen? Vielleicht erfolgt hier einmal ein Umdenken, bevor auch dieses Geschäft ins Ausland abgewandert ist.

(cgl)