Blick in die Werkstatt: Wie Oldtimer zu E-Autos werden
Puristen dĂĽrften sich gruseln, aber oft ist es gerade die Liebe zu automobilem Kulturgut, die zu einer UmrĂĽstung von Klassikern auf Elektroantrieb motiviert.

Elektrifizierter Rover aus den 1960er-Jahren: Der Kunde wollte den Wagen auch im Alltag fahren – statt ständig nur zur Werkstatt.
(Bild: Stefan Effner)
Eine große Szene an Dienstleistern hat sich darauf spezialisiert, gebrauchte Autos oder Nutzfahrzeuge zu elektrifizieren. Das berichtet das Magazin MIT Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 8/2022 (im heise shop und ab sofort im Handel erhältlich). Oft steht einfach Liebhaberei dahinter, doch es gibt auch rationale Gründe: Die in das Fahrzeug geflossenen Ressourcen bleiben erhalten, es gibt eine größere Auswahl und weniger Elektronik als bei Neuwagen.
Marco Lorey, 42, ist einer der Pioniere. Schon seit 15 Jahren baut er Verbrenner zu E-Autos um. Mehr als 200 Fahrzeuge sind seitdem über seine Hebebühnen gewandert: VW-Bullis, Mercedes-Limousinen, Land Rover, diverse Porsches, Minis, Boote, Traktoren, ein Rennmotorrad. Das älteste von ihm elektrifizierte Fahrzeug war ein BMW AM1 von 1932 und sein persönliches Highlight ein DeLorean, bekannt aus der Filmreihe "Zurück in die Zukunft". Sein Brot- und Buttergeschäft sind Enten, Renault R4 und VW Käfer. Dutzende davon hatte Lorey bereits unter seinen Fittichen. Dazu kommen noch unglamouröse Gebrauchsautos wie Renault Kangoo oder Citroën Berlingo.
Britischer Auto-Klassiker mit vier Akkupacks
In seiner unscheinbaren Werkstatt am Rande von Offenbach steht aktuell ein gut erhaltener Rover 95 aus den 1960er-Jahren auf der Hebebühne. Geschwungene Formen, üppiges Chrom, edles Holz – ein Traum für Fans britischer Klassiker. Doch im Motorraum blinken die Ladelämpchen von vier Akkupacks vor sich hin, verbunden mit dicken orangen Kabeln.
Darf man das? Puristen dürften sich gruseln. Lorey kennt die Diskussion. Für seine Kunden sei es oft gerade die Liebe zum automobilen Kulturgut, die sie zu einem Umbau motiviert. Aus der Klassikerszene kämen jedenfalls, so Lorey, überwiegend positive Signale. "Klar, wer sich so ein Auto in die Vitrine stellen will, kann das gerne machen", sagt er mit Blick auf den Rover. "Aber dieser Kunde wollte seinen Wagen auch im Alltag fahren." Gerade betagte Verbrenner seien jedoch oft so anfällig, dass sie ihre meisten Kilometer auf dem Weg zur Werkstatt sammeln – und im Zweifel lieber in der Garage gelassen werden.
Bei Marco Lorey ist der Umbau einer Ente oder eines Käfers ab 16.000 Euro zu haben, für Einzelprojekte wie den Rover sind es rund 25.000 Euro (jeweils ohne Basisfahrzeug). Die Hälfte davon, sagt Lorey, seien allein die Kosten für die Akkus. Wer Geld sparen will, kann auch selbst mitschrauben – je nach Kompetenz mit mehr oder weniger Betreuung. "Wir merken schnell, wer Ahnung hat. Aber auch, wer noch nie selbst geschraubt hat, der kann viele einfache Arbeiten erledigen, die uns einiges an Zeit sparen."
Auto-Klassiker unter Strom (11 Bilder)

Umrüstung zum E-Auto wird in Frankreich gefördert
Eine staatliche Förderung für solche Umbauten gibt es nicht, im Gegensatz zu fabrikneuen E-Autos. In Frankreich ist das anders: Wer dort wohnt, vor mindestens einem Jahr einen Verbrenner gekauft hat und ihn von einer Fachwerkstatt umrüsten lässt, bekommt je nach Einkommen bis zu 5.000 Euro Förderung. Das Auto muss mindestens fünf Jahre alt, in gutem Zustand sowie in Frankreich zugelassen sein. Aufgrund dieser Gesetzeslage hat sich das französische Start-up Transition One auf Umbausätze von sechs populären Kleinwagen zu einem Festpreis von 5.000 Euro spezialisiert. Der Umbau selbst soll dank genormter Teile nur vier Stunden dauern.
Wer baut was um? | ||||||
Anbieter | neu | gebraucht | Bausatz | Basisfahrzeuge | Anmerkungen | Link |
Nutzfahrzeuge | ||||||
Designwerk | x | Volvo FH, FM, FMX; MB Econic; 18 – 44 t | www.designwerk.com | |||
eCap Mobility | x | v.a. 3,5- bis 7,5-Tonner, Kommunalfahrzeuge, Boote | auch Einzelumbauten, Brennstoffzellen | ecap-mobility.com | ||
Orten | x | x | LKW: MB Sprinter, Atego, Econic, Iveco DailyBus: MB Sprinter | auch Brennstoffzellen | electric-trucks.de | |
Paul Group | x | v.a. Kommunalfahrzeuge, u.a. MB Vario | paul-passau.de | |||
Pepper | x | x | x | LKW: MB Actros, Atego; Busse: MB Citaro, Iveco Crossway | auch Brennstoffzellen | peppermotion.com |
Quantron | x | x | LKW: Iveco Daily, MAN TG3, MB Econic, DAF CF; Bus: EV Dynamics | auch Brennstoffzellen | quantron.net | |
IAV | x | Doppeldeckerbus MAN SD 200, 202 | v.a. fĂĽr Stadtrundfahrten | iav.com/iavcars/elcty | ||
PKW | ||||||
E Drive Solution | x | Ente, VW T2, Audi 100, DeLorean, VW Caddy, etc. | Komponenten frei konfigurierbar | e-drive-solution.de | ||
Electric Classic Cars | x | Ferrari, Porsche, BMW, Mercedes, DeLorean, etc. (1950er – 1980er) | electricclassiccars.co.uk | |||
Fleck | x | x | v.a. individuelle Old- und Youngtimer, Boote | fleck-elektroauto.de | ||
Lorey | x | x | v.a. individuelle Old- und Youngtimer, Boote | elektroauto-umrĂĽstung.de | ||
Naext Automotive | x | VW T5 / T6, weitere in Planung | naext.de | |||
Transition One | x | Fiat 500, Twingo, Kangoo, Clio, Mini, Polo (2005 – 2016) | Umbau zum Festpreis | transition-one.fr | ||
Zelectric | x | VW Käfer, Bulli, Porsche, etc. (1950er – 1970er) | zelectricmotors.com | |||
Zero Labs | x | Ford Bronco (1966 – 1977) Land Rover Series III (1971 – 1985) | auch individuelle Projekte | zerolabs.com | ||
Bikes | ||||||
Évo retrofit | x | Vespa PK50, V50 (bis 1994) | derzeit ausverkauft | evo-retrofit.com | ||
LM Creations | x | x | BMW-Boxer bis 1995 (R45 – R100) | Preorder, Auslieferung ab 2023 | luucmuiscreations.com | |
Noil Motors | x | x | Solex, Peugeot 103, diverse 50ccm-Roller | auch als Leasing | noil-motors.com | |
Second Ride | x | Simson S50, S51; Schwalbe KR 51/2 | Crowdfunding läuft | second-ride.de |
Bei Nutzfahrzeugen sind die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Umrüstung auch hierzulande besser: Nach Vorgaben der EU soll der Schwerlastverkehr bis 2030 gut ein Drittel weniger Kohlendioxid ausstoßen. Oft sind ab Werk elektrifizierte LKWs oder Omnibusse aber nicht verfügbar. Oft lohnt sich eine Umrüstung auch deshalb, weil aufwendige Sonderaufbauten, etwa bei Kommunalfahrzeugen, auf diese Weise länger genutzt werden können. Entsprechend groß ist das Angebot an Dienstleistern, die fabrikneue oder gebrauchte Nutzfahrzeuge elektrifizieren.
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(grh)