Undercover-Story: Wie Heilpraktiker einen Krebspatienten behandeln

Seite 4: Ich laufe benebelt aus der Praxis

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Nach dieser Vorrede dreht sich mir der Kopf, dabei beginnt nun erst die eigentliche Behandlung. Ich lege mich auf eine Liege. Schuhl streicht mit ihren Händen über meinen Bauch, hält meine Schulter. Dabei spricht sie Gebete. Sie wechselt in das ausgestorbene Aramäisch, das manchmal in christlichen Gottesdiensten genutzt wird. Dann lässt sie mich allein. Später empfiehlt mir ihr Partner, ein approbierter Arzt, ich solle mich über Vitamin B17 informieren, einmal im Monat zu ihnen kommen und in einer Kölner Kirche eine Kerze anzünden.

Ich laufe benebelt aus der Praxis. Später mit dem Gesagten konfrontiert, antworten die beiden nicht. Warum legt ihnen niemand ihr gefährliches Handwerk? Maia Steinert, Fachanwältin für Medizinrecht in Köln, hat oft die Hinterbliebenen von Kranken vertreten, die sich in ihrer Not an Alternativmediziner gewandt hatten und gestorben sind – obwohl sie durch die Schulmedizin hätten gerettet werden können.

Wer einem jungen Menschen mit Heilungschancen von über 50 Prozent von einer rettenden Therapie abrät, wie in meinem konstruierten Fall, macht sich der arglistigen Täuschung und Körperverletzung strafbar, sagt Steinert. Allein bei Patienten, bei denen die Möglichkeiten der Schulmedizin enden, sei eine alternative Therapie vertretbar – wenn nicht zu horrenden Kosten nutzloses Zeug angedreht wird.

Doch es ist sehr schwer, vor Gericht eine Strafe durchzusetzen, sagt Steinert. In der Regel sagten die Richter: "Selbst Schuld", wer sich sehenden Auges von einer etablierten Therapie abwende. "Es ist sehr schwierig, einem leidenschaftslosen Juristen beizubringen, dass es Niederungen des Menschen gibt." Dass man bei Todesangst besonders anfällig ist für das Charisma und die Überzeugungskraft der Alternativmediziner, die auch ich erlebt habe. Zudem fehlt den Angehörigen in ihrer Trauer oft die Kraft, um vor Gericht zu ziehen. "Das ist das Schwerste für die Familie: Sie versucht immer wieder, den Patienten von dem Scharlatan abzubringen. Und schafft es am Ende nicht."

Die Behandelnden sichern sich juristisch ab. Sie lassen die Patienten Verträge unterzeichnen, in denen steht, dass der Patient über die Schulmedizin aufgeklärt wurde und diese eigenwillig ablehne, auch wenn die Aufklärung oft nicht der Rede wert ist. Was wäre die Lösung?

Die Anwältin Maia Steinert will keine Verschärfung der Gesetze. Sie wünscht sich, dass den Alternativheilern der Boden entzogen wird – etwa indem Arztgespräche besser von den Krankenkassen honoriert werden. "Die Medizin besteht heute oft nur noch aus einem Handschlag, einem Rezept und hochtechnischen Geräten."

Es gibt zum Glück auch ungefährliche Alternativpraxen. Von den acht, die wir besucht haben, hat uns nur die Stadtwaldpraxis Köln ganz korrekt beraten. Auch hier wird ein ganzes Arsenal alternativer Behandlungen angeboten. Doch es wird unser kürzester Besuch. Die Ärztin sagt schnell und direkt: Bei Hodgkin ist Chemotherapie die einzig sinnvolle Behandlung, der Arzt, der mir die Diagnose ausgestellt hat, sei eine Koryphäe.

Wie gesagt: eine Ausnahme. Der Arzt Achim Schuppert in Bonn vermutet Handystrahlung als Ursache meines Tumors und will meine magnetische Aura messen. Ihm war es wichtig, "Elektrosmog als möglichen Schädigungsfaktor auszuschließen", schreibt er später.

Lothar Hollerbach, der eine Alternativpraxis in einer Heidelberger Stadtvilla betreibt, hält einen philosophischen Vortrag: "Wir sind geistige Wesen und nur für kurze Zeit in einem Wohnmobil, das wir Körper nennen." Jede Krise sei eine Lektion, vielleicht sei diese Lektion aber für das nächste Leben bestimmt. Er empfiehlt mir zur Gesundung unter anderem die Vorträge von Rudolf Steiner. Wie viele Patienten hat er erfolgreich behandelt? Er zähle sie nicht, winkt Hollerbach ab. Und es gehe schließlich nicht nur darum zu überleben. Manche seiner Patienten hätten "bei der nächsten Inkarnation" ein total anderes Leben führen können. Wer sich nach dem Tod sehnt – dem sei seine Praxis ans Herz gelegt. Eine Stellungnahme von Lothar Hollerbach ging nicht ein.

Im 3E-Zentrum in Remshalden schlieĂźlich, malerisch im Nordosten von Stuttgart gelegen, wieder der ganze Hokuspokus von Schuld und SĂĽhne. Die "medizinische Leitung" Elke Tegel, eine blonde Heilpraktikerin, fĂĽhrt mich durch das lichte Haus, zeigt mir den "Innenweltreiseraum", in dem traumatische Situationen bearbeitet werden, den Raum fĂĽr die "Heilmusik", und auch die beeindruckende Maschine fĂĽr die "Hochfrequenztherapie", bei der den Zellen elektrische Energie zugefĂĽhrt werde. Kosten: 13670 Euro fĂĽr fĂĽnf Wochen.

Krebs, sagt die Heilpraktikerin, sei "unterdrückte Wut und unterdrückter Ärger", gerade bei einem Hodgkin-Lymphom gehe es um Schuld. Sie fragt: "Wo fühlen Sie sich schuldig? Schuldig, ein Mann zu sein?" Später rät sie zu einer "biologischen Chemotherapie" aus hoch konzentriertem Vitamin C. Das sei einer herkömmlichen Chemo weit überlegen. Die Krönung: Sie verwechselt mein gut behandelbares Hodgkin-Lymphom mit dem grundsätzlich unterschiedlichen Non-Hodgkin-Lymphom. Und rechtfertigt sich: "Bei uns geht es nicht nach Diagnose, das interessiert nicht."

Geschäftsführer Klaus Pertl verteidigt sich später schriftlich damit, dass wir nur eine "Hausführung" gemacht und kein Beratungsgespräch bekommen hätten. Der Preis beinhalte "das gesamte 5-Wochen-Programm plus Abholung von Stuttgart, plus Infusionen und Nahrungsergänzungsmittel." Therapieempfehlungen könnten nur die zwei Ärzte des Hauses aussprechen, und mit denen hätte ich ja nicht gesprochen. "Wir sind keine medizinische Praxis und kein Krankenhaus. Das bedeutet ganz automatisch, dass Sie bei uns auch keine medizinische Beratung erhalten können!", schreibt Pertl. Das Haus sei lediglich ein "Seminarzentrum".

Die Patienten sehen das ganz offensichtlich anders. Wir essen mit ihnen zu Mittag, bekommen wie sie die "Öl-Eiweiß-Kost" aus Quark und Nüssen, die den Tumor bekämpfen soll. Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint durch die Fenster, wir schauen auf den idyllischen Garten voll blühender Obstbäume. Doch es wird der bedrückendste Moment auf meiner Reise. Tischgespräch ist die Hoffnung auf die Therapie, die Heilmusik, die Innenweltreisen, die Darmspülungen. "Ich habe vieles versucht", sagt eine Patientin, "aber ich habe endlich das Gefühl, am richtigen Platz zu sein." Eine andere hat lange gespart, um sich die Therapie leisten zu können.

Ich fühle mich schäbig, will etwas sagen. Aber wer bin ich denn, diesen Menschen die Hoffnung zu nehmen? Kann es denn nicht sein, dass ein Ort wie dieser der richtige ist?

Natürlich ist die Schulmedizin nicht allmächtig, auch sie scheitert ständig an der Krankheit Krebs. Sie ist menschlich, macht Fehler, hat finanzielle Interessen, ist teils schroff und arrogant zu ihren Patienten. Sie verwirft sicher Geglaubtes, verleibt sich Neues ein, manchmal sind es auch die Theorien von Außenseitern. Doch das geschieht, der Idee nach zumindest, nach ausgiebiger Prüfung und Forschung. Die alternativen Methoden entbehren dagegen meist jeglicher Plausibilität. Sie stützen sich auf Wunschdenken und Anekdoten – und auf Angst.

Es ist diese Angst, die ich in den dürren Gesichtern meiner Tischgenossen sehe, die es macht, dass wir uns an jede scheinbar einleuchtende Erklärung klammern, an jeden möglichen Sinn, an jede noch so vage Hoffnung. Es ist diese Angst, an der sich andere Menschen bereichern.

(jle)