Missing Link: 100 Jahre Fernsehen – von der drehenden Scheibe zum Streaming

Seite 2: Aus dem Bunker und vom matschigen Berg

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Nach dem Krieg machten sich die laufenden Bilder endgültig auf den Weg in die Wohnzimmer. Mit den Worten „Friede auf Erden“ begrüßte Ende 1952 der erste ARD-Intendant Werner Pleister die Zuschauer zum Programm des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Gesendet wurde unter miserablen Bedingungen aus einem Hamburger Hochbunker. Vorbild war die BBC als öffentlich-rechtlicher Sender mit einem Programmmix aus Information und Unterhaltung – und unabhängig von der Politik.

Es dauerte aber gar nicht lange, bis die Politik versuchte, mehr Kontrolle über das Fernsehen zu erlangen. Die Bemühungen des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, ein vom Bund kontrolliertes „Deutschland-Fernsehen“ einzuführen, wurden jedoch 1961 vom Bundesverfassungsgericht gestoppt.

Im sogenannten ersten Rundfunkurteil entschieden die Richter, auch aufgrund der Erfahrungen während des Nationalsozialismus, dass Rundfunk Sache der Bundesländer ist und staatsfern organisiert sein muss. So gründeten die Länder auf Basis eines gemeinsamen Staatsvertrags das öffentlich-rechtliche ZDF.

Dessen Start am 1. April 1963 war jedoch alles andere als verheißungsvoll. Weil es an Frequenzen mangelte, begann das ZDF mit erheblichen Reichweitenproblemen. Während die ARD auf die Rundfunkinfrastruktur der Bundesländer zugreifen konnte, fing das ZDF wortwörtlich auf der grünen Wiese an – in Gestalt einer Baustelle am Mainzer Lerchenberg. Zufahrten gab es noch nicht. Wer die Baracken erreichen wollte, in denen Studios, Büros und Technik untergebracht waren, watete durch den Lerchenberger Matsch.

Insbesondere in den 1950er- und 1960er-Jahren gab es für das Fernsehen erhebliche Reichweitensteigerungen. 1953 sahen etwa 280 Millionen TV-Zuschauer die Krönung Elisabeths II. Diese Übertragung gilt als erstes globales TV-Großereignis. 1967 startete BBC 2, der erste regelmäßig in Farbe ausgestrahlte TV-Sender Europas. Im selben Jahr strahlte die BBC mit „Our World“ die weltweit erste Live-Fernsehsendung via Satellit aus. Zwischen 400 und 700 Millionen Menschen aus 14 Ländern sollen sich Aufnahmen von Garnelenfarmen sowie einen Auftritt der Beatles angesehen haben.

Das Fernsehen war nicht mehr aufzuhalten. Den ersten Schritt eines Menschen auf dem Mond verfolgten 1969 650 Millionen Menschen am Fernseher. Beim 16-stündigen Benefiz-Festival „Live Aid“ saßen 1985 weltweit 1,5 Milliarden Menschen vor den TV-Geräten.

Rund eine Milliarde Menschen starrten 2001 fassungslos auf die Bildschirme. Sie wurden entweder live Zeugen, wie Flugzeuge in die TĂĽrme des World Trade Center flogen oder erfuhren davon aus den Nachrichten. MTV und Viva unterbrachen damals das Programm und sendeten rein gar nichts. In Deutschland machte man die Erfahrung, was unter Breaking News zu verstehen ist.

Auch technisch machte das Fernsehen gewaltige SprĂĽnge. Bairds Bilder besaĂźen lediglich 30 Zeilen. Das elektronische System von Manfred von Ardenne verfĂĽgte bereits ĂĽber 441 Zeilen. Zu Zeiten des Physikers existierten jedoch auch Systeme mit 60, 180, 240, 405 oder 819 Zeilen. Die Fernseher waren daher nur regional brauchbar.

Schließlich einigte man sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa auf das PAL-System mit 625 Zeilen, von denen aber nur 575 sichtbar waren. Frankreich und Großbritannien sowie die Länder Osteuropas verwendeten stattdessen SECAM, ebenfalls mit 625 Zeilen. In den USA wurde NTSC mit 525 Zeilen genutzt. NTSC lieferte ein vergleichsweise schlechtes Bild, was ihm den Beinamen „Never The Same Color“ einbrachte.

In Deutschland kam dann am 25. August 1967 Farbe ins Spiel. Der damalige Vizekanzler Willy Brandt drĂĽckte auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin auf einen symbolischen Knopf. In der Technik hielt man es aber wohl nicht mehr aus, denn bevor Brandts Daumen den Schalter berĂĽhrte, leuchtete das TV-Bild schon in Farbe auf. Am 3. Oktober 1969 wurde auch das erste Fernsehprogramm in der DDR in Farbe ausgestrahlt.

Im Westfernsehen war „Der goldene Schuss“ die erste TV-Sendung in Farbe. Aus heutiger Sicht wirkt sie so, als hätte man versucht, sämtliche Farben des Regenbogens um Moderator Vico Torriani zu versammeln. Das wahrhaft bunte Stelldichein verfolgte damals aber kaum jemand, denn von den 12 Millionen Fernsehern in deutschen Wohnzimmern konnten anfänglich nur etwa 6000 ein Farbbild wiedergeben. Ein Grund dafür war, dass diese Luxusmodelle so viel wie drei Monatsgehälter kosteten. Die Preise sanken jedoch mit der Zeit und Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 sorgten für den Siegeszug des Fernsehens.

Dennoch bestand das TV-Angebot in Deutschland bis Anfang der 1980er-Jahre nur aus der ARD, dem ZDF und den Dritten Programmen. Sie wurden terrestrisch verbreitet und konnten ĂĽber eine Antenne empfangen werden. 1984 erweiterte sich die Programmauswahl. Werbefinanzierte Programme wie RTLplus und Sat.1 starteten in den Kabelpilotprojekten. Zusammen mit dem Ausbau der Kabelnetze verbreitete sich auch der TV-Empfang via Satellit. Die Programmvielfalt legte weiter zu, es entstanden Pay-TV- und Spartensender wie MTV.

Das duale Rundfunksystem mit den Säulen öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk war geboren – auch weil Bundeskanzler Helmut Kohl das Fernsehen zu links war. Ob er jedoch an Chaos-Shows wie „Alles Nichts Oder“ und schlüpfrige Liebesgrüße aus der Lederhose dachte, ist nicht überliefert. Der einstige RTLplus-Chef Helmut Thoma hielt sich an sein Motto: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Angesichts des Erfolgs privater TV-Sender schmeckte er anscheinend ganz gut.