Missing Link: 100 Jahre Fernsehen – von der drehenden Scheibe zum Streaming
Seite 3: Von analog zu digital
Anfang der 1990er-Jahre wurde im Fernsehen das 16:9-Format als Kompromiss zu den breiteren Kinobildern eingeführt. Das neue Bildformat lief auch auf Fernsehern mit 4:3-Bildschirmen, allerdings mit schwarzen Balken am oberen und unteren Bildschirmrand. Besitzer dieser TV-Geräte riefen erbost bei TV-Sendern an, man habe ihnen Teile des Programms abgeschnitten.
Das 16:9-Format wurde mit der Einführung des digitalen Fernsehens zum Standard. Die Programmvielfalt legte ein weiteres Mal zu. Anstatt über einen Kanal ein analoges Programm zu verbreiten, konnten sich dank Digitalisierung mehrere Programme die Bandbreite eines Kanals teilen. Das digitale Fernsehen war zudem weniger fehleranfällig. So wurde in Deutschland zuerst die Terrestrik zwischen 2008 und 2009 komplett digitalisiert. 2012 folgte der Satellit und 2019 wurde das letzte analoge TV-Programm im Kabel verbreitet.
Das einzige Relikt aus analogen TV-Zeiten ist der Teletext, der 1980 von ARD und ZDF eingefĂĽhrt wurde. Offline, aktuell und anonym war der Teletext schlicht schneller als Radio und Fernsehen. Selbst gegenĂĽber dem Internet war er lange Zeit resistent. SchlieĂźlich existiert er heute noch, wenngleich inzwischen doch in abgespeckter Form.
Fernseher werden größer und flacher
Abgesehen von einer robusteren Übertragung war auch die Bildqualität der Digitalsender höher als bei ihren analogen Pendants. Die Bildschirme wurden größer. Jedoch setzte die Braunsche Röhre diesem Wachstum technische Grenzen. LCD- und Plasma-Fernseher traten an ihre Stelle. Sie waren weniger energiehungrig, flacher und günstiger. Bis 2010 hatten die Flachbildfernseher ihre Röhrenbrüder von den Verkaufsflächen verdrängt.
Die Wende zugunsten der LCD-Fernseher brachte vor allem die LED-Technik. Höhere Bildraten und erweiterte Farbräume beseitigten die einstigen Schwächen. Die letzten Plasma-Fernseher wurden in Deutschland um 2014 verkauft. Was heute unter LED-TV vermarktet wird, fußt auf LCD. Das perfekte Schwarz bietet hingegen OLED, eine selbstleuchtende Technologie, die nichts mit LCD zu tun hat. OLED-Fernseher sind allerdings noch deutlich teurer als LCD-Geräte.
Schärfere Bilder, aber nicht fürs Handy
Mit dem Wachstum der Bildschirmdiagonalen nahm auch die Bildqualität zu. Aus den 575 sichtbaren Zeilen des analogen PAL-Bilds (Standard Definition TV, SDTV) wurden 720 und 1080 Zeilen (High Definition TV, HDTV, Full-HD). Kein Wunder, dass niemand Interesse daran hatte, Fernsehen auf kleinen Handybildschirmen zu empfangen. Bevor es erste Smartphones gab, scheiterten sämtliche Bemühungen – auch weil die meisten Handyhersteller nicht bereit waren, ein TV-Empfangsteil in ihre Produkte zu integrieren. Schließlich hatten sie davon keinen wirtschaftlichen Nutzen.
Eine andere TV-Innovation war wesentlich erfolgreicher und sorgte für die Verbreitung einer noch höheren Bildqualität: Im Streaming wurden erstmals Bilder mit 2160 Zeilen (4k, Ultra-HD, UHD) gezeigt. Netflix & Co. sowie Mediatheken der TV-Sender wurden durch ausgeklügelte Datenkomprimierungen und den Bandbreitenzuwachs bei Internetanschlüssen möglich. Vorherige Versuche, TV und Internet zu interaktivem Fernsehen zu verschmelzen, scheiterten allesamt.
Streaming erobert alle Bildschirme
Streaming individualisierte den TV-Konsum, der nun nicht mehr nur über den Fernseher im Wohnzimmer möglich war, sondern auch am PC, Laptop, Tablet oder Smartphone. Der Zuschauer ist nicht länger an eine Programmabfolge gebunden. Stattdessen folgt er den Empfehlungen seines Streaming-Anbieters oder schaut in die Mediathek des TV-Senders, wenn er eine Sendung verpasst hat oder die neue Folge seiner Lieblingsserie vor der Ausstrahlung im linearen Programm sehen will.
Bewegte Bilder waren nicht länger eine Domäne der Fernsehsender. Deren Nutzung hält sich zwar auf einem hohen Niveau. Im Durchschnitt schaut ein Erwachsener täglich über drei Stunden Fernsehen. Aber das Wachstum findet im Streaming statt. Nach Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Nielsen ist der Anteil des Streamings an der gesamten Sehdauer etwas höher als der des linearen Fernsehens (44,8 zu 44 Prozent).
Suggestion, Reichweite und Aktualität
Daher ist es kein Wunder, dass der größte Anbieter für Bewegtbild hierzulande kein deutscher TV-Sender, sondern YouTube ist. Amerikanische TV-Inhalte prägten schon jahrzehntelang die deutsche Fernsehlandschaft, bevor es überhaupt Katzenvideos gab. Speziell durch die Einführung des Privatfernsehens schwappten mangels eigener Sendungen noch mehr US-Serien und -Filme über den großen Teich auf deutsche TV-Geräte.
Heute wird darüber diskutiert, die großen US-Tech-Konzerne zurückzudrängen, zu groß scheint ihre Meinungsmacht, die auch auf Bewegtbildern fußt. Videoinhalte verfangen schneller, bleiben länger im Gedächtnis. Ihre Wirkungsmacht basiert auf ihrer Suggestionskraft, der enormen Reichweite und ihrer Aktualität. Diese Aspekte erklären einerseits den Erfolg des Fernsehens, andererseits aber auch, warum es reguliert ist und nicht jeder einfach alles senden darf.
In 100 Jahren ist viel mit dem Fernsehen passiert. Dass sich dieses Medium weiterentwickeln wird, steht außer Frage – in welche Richtung, werden wir sehen.
(vbr)