Missing Link: Hans Blumenberg als Denker der Technik

Seite 4: Die Frage nach auĂźerirdischem Leben und dem Status der Vernunft

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Manuskript "Arbeit am Mythos" (1979)

(Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbach)

Die Genesis der kopernikanischen Welt schließt überraschend mit einer Erörterung der Frage, ob es außerirdisches und gar intelligentes Leben im All gebe und ob eine Kontaktaufnahme denkbar sei.

Blumenberg hält dies für höchst unwahrscheinlich. Er zeigt sich vielmehr erstaunt über die Annahme, dass extraterrestrische Intelligenzen ein "dem unsrigen vergleichbares Bedürfnis haben könnten, ihrerseits nach Signalen aus dem All zu forschen und unter ungeheurem Aufwand Energiequanten ins All zu senden". Zudem wundert er sich über die verbreitete Erwartung, dass eine außerirdische Intelligenz der unseren überlegen sei.

Er sieht hier Fragen auftauchen, die "von größerer Radikalität" sind als jene, "ob wir je verstehen werden, was uns übermittelt werden könnte": Warum, so fragt er, sollten wir überhaupt annehmen dürfen, dass kosmische Intelligenzen uns ähnlich und zugleich zivilisierter sein als wir? "Denn man muß annehmen, dass auch sie Produkte eines Entwicklungsprozesses sein werden, einer organischen Selektion im Kampf ums Dasein, die nun einmal nicht die Qualitäten begünstigt, die wir als den unseren überlegen anerkennen ... würden".

Blumenberg unterstellt extraterrestrischen Kommunikationsforschern, dass sie die Entstehung von Vernunft für eine nahezu zwangsläufige Folge organischen Lebens hielten. Er vermeint darin einen gut getarnten Anthropozentrismus zu erkennen und hält dagegen: "Alle Indikatoren der Anthropologie weisen darauf hin, daß der ... Mensch insofern die Ausnahme der Natur ist, als er seine Existenz nur durch eine unverhoffte, nach den Regeln der organischen Natur höchst unzweckmäßige Reparatur einer Deviation erhalten konnte. Die Vernunft wäre dann ... die riskante Behebung eines Anpassungsmangels, eine Ersatzanpassung, ein Behelfsorgan..."

Die Bezeichnung als "Behelfsorgan" markiert aber keine Abwertung der Vernunft: Blumenberg bezeichnet deren Geschichte als eine der "Selbstaufwertung", die aus einer Behelfsfunktion das "Bessere und Beste zu machen, aus der Sicherung die GewiĂźheit, ... aus dem BewuĂźtsein das SelbstbewuĂźtsein".

Diese Sichtweise geht trefflich zusammen mit dem Blumenbergschen Grundgedanken von der Selbstbehauptung des Menschen gegenüber der absolutistischen Wirklichkeit: Der Mensch sieht sich einem sinnlosen Universum ausgesetzt, und die Schöpfung von Sinn und Wert ist das unabschließbare Werk des Menschen – das dürfen wir als Aufforderung verstehen.

Falls Sie dieser Beitrag zu einer weiteren Beschäftigung mit Hans Blumenberg animiert hat, können wir zwei Titel der Sekundärliteratur und einen Film uneingeschränkt empfehlen: Das ist einmal die bewährte, gerade in aktualisierter Neuauflage erschienene Einführung von Franz Josef Wetz aus dem Junius Verlag. Pünktlich zum Jubiläum hat Rüdiger Zill eine intellektuelle Biografie mit dem Titel "Der absolute Leser" bei Suhrkamp vorgelegt. Auch der Verlag Matthes & Seitz hat kürzlich ein gewichtiges Blumenberg-Portrait herausgebracht, das wir allerdings noch nicht in Augenschein nehmen konnten. Christoph Rüter lieferte 2018 mit "Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph" ein Beispiel für einen gelungenen Dokumentarfilm über Philosophie ab.

Schwieriger wird es, ein bestimmtes Buch von Blumenberg selbst zu empfehlen. Die Antworten von Expertinnen und Experten nach dem wichtigsten Buch oder dem besten Einstieg zeigen keine eindeutige Tendenz. Blumenberg selbst nannte die Genesis der kopernikanischen Welt ein Hauptwerk. Die ausfĂĽhrlich hier zitierten Texte zur Technik finden sich in dem bei Suhrkamp erschienenen Titel "Schriften zur Technik".

(tiw)