Missing Link: Roboter verändern die Zukunft - Wer nimmt darauf Einfluss?

Seite 2: Roboter als Arbeitskräfte und Partner

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Mit der Integration von Fußball oder ähnlichen Wettbewerben könnte der WRS erheblich attraktiver für Zuschauer sein. Ein anderer Mangel – den er mit allen anderen bislang existierenden Roboterwettbewerben teilt – wäre damit allerdings noch nicht behoben: Die Zuschauer würden weiterhin in einer passiven Position bleiben. Sie können sich anschauen, was Ingenieure und Informatiker sich ausgedacht haben und wie deren Vorstellungen über die zukünftige Nutzung von Robotern aussehen. Das können die Zuschauer für gut oder nicht so gut befinden, für interessant oder nicht so interessant. An der Gestaltung der Technologie sind sie damit jedoch nicht beteiligt und ein gesellschaftlicher Gedankenaustausch kommt so ebenfalls nur schwer in Gang.

Hinzu kommt, dass die beim WRS gestellten Aufgaben sich insbesondere in den Kategorien Industrie- und Servicerobotik um Tätigkeiten drehten, die dem Menschen abgenommen werden sollen. Es ging darum, Regale einzuräumen, Gegenstände zu transportieren, Toiletten zu putzen oder Montagearbeiten durchzuführen. Begründet wird die Notwendigkeit solcher Technologien mittlerweile routinemäßig mit demografischem Wandel und Arbeitskräftemangel. Angeblich gibt es nicht mehr genügend Menschen, die diese Aufgaben übernehmen könnten, daher müssten Roboter einspringen. Eine solche Argumentation kann aber kaum darüber hinweg täuschen, dass Roboter hier letztlich als Universalwerkzeuge im Dienst der kapitalistischen Verwertungslogik auftreten. Mit ihnen verbunden ist die Drohung, immer weitere Bereiche des menschlichen Lebens dieser Logik der permanenten Optimierung und Effizienzsteigerung zu unterwerfen und eine allgemeine kulturelle Verarmung voranzutreiben. Es braucht schon eine ausgesprochen stark ausgeprägte Liebe zur Technik, um sich für solche Roboter zu begeistern.

Die erklärte Intention des WRS mit dem Motto "Robotics for Happiness" ist eigentlich eine ganz andere. "Robotik ist wie eine andere Lebensform, mit der wir diesen Planeten teilen und die jeden Tag ein wenig wächst", heißt es in einer Art Präambel. Und weiter: "Das Ziel dieser Herausforderung ist simpel: das Wohl der Menschheit. Dass jede einzelne Person auf dieser Welt ihr Leben mit Robotern teilen und glücklich werden kann wie nie zuvor." Das klingt eher nach respektvollem Zusammenleben mit den von uns selbst geschaffenen Maschinenwesen als nach kultureller Bereicherung durch die Integration fremdartiger, neuer sozialer Akteure in die menschliche Gesellschaft. Dieser Aspekt hat beim WRS jedoch lediglich in der Junior-Kategorie ansatzweise eine Rolle gespielt, wo Schülerinnen und Schüler bis zum Alter von 19 Jahren aufgerufen waren, Szenarien für die Nutzung von Robotern zuhause und in der Schule zu entwickeln.

Das ist gut, aber das reicht nicht. Die Entwicklung und soziale Integration von KI und Robotik muss zu einer Angelegenheit der gesamten Gesellschaft werden. Dafür braucht es neue Wettbewerbe, die den Zuschauern eine aktivere Rolle einräumen als bisher. Während bisher Ingenieure und Informatiker der Öffentlichkeit vorführen, wie ihre Roboter selbst gestellte Aufgaben bewältigen, könnten diese Aufgaben zukünftig zumindest teilweise vom Publikum definiert werden. Mit seinem Turnus von vier Jahren wäre der WRS hervorragend geeignet, einen solchen neuen Ansatz zu erproben, vielleicht in einer eigenen Wettbewerbskategorie: In den ersten ein oder zwei Jahren würde im Rahmen eines Schreib- oder Kunstwettbewerbs nach Geschichten und Szenarien gesucht, die das Zusammenspiel und mögliche Konflikte von Mensch und Roboter/KI thematisieren. Neben der erzählerischen und künstlerischen Qualität der Einreichungen wäre für die Auswahl der besten Beiträge ein weiteres Kriterium, inwieweit aus ihnen Aufgabenstellungen für einen technischen Wettbewerb abgeleitet werden können, der dann zwei oder drei Jahre später beim WRS ausgetragen würde.

Für den WRS 2020 wird sich das nicht mehr umsetzen lassen. Aber 2024 könnte auf diese Weise die Öffentlichkeit ganz neu an der Entwicklung der Robotik beteiligt und der gesellschaftliche Diskurs über diese Technologie einen großen Schritt vorangebracht werden. Auch die Zuschauer dürften ein Ereignis, das sie selbst mit gestaltet haben, mit sehr viel mehr Aufmerksamkeit verfolgen als bisher. Den Versuch wäre es auf jeden Fall wert, vielleicht auch in einem eigenen Rahmen außerhalb des WRS.

Robotik und KI sind mächtige Technologien. Grundlegende Entscheidungen über Design, Architekturen oder Betriebssysteme werden das Leben aller nachfolgenden Generationen beeinflussen. Diese Entscheidungen können und dürfen Ingenieure, Informatikern und Wirtschaftspolitiker nicht allein treffen. Roboterwettbewerbe können ein sehr wirksames Werkzeug sein, um eine größere Öffentlichkeit an der Entwicklung dieser Technologien zu beteiligen und eine wirklich demokratische Willensbildung zu ermöglichen. Sie müssen dafür aber richtig gestaltet sein. (bme)