App ermittelt Fahrdaten von US-Versicherten und beschert teurere Prämien

US-Datenanalyseunternehmen versorgen Versicherungen mit Fahrdaten – direkt vom Autohersteller – von Fahrzeugen. Das wirkt sich auf Versicherungsprämien aus.

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(Bild: Jirsak/Shutterstock.com)

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Dass Fahrinformationen von Versicherten per OBD-Dongle (On-Board-Diagnose) oder Smartphone-App an den Versicherer übermittelt werden, um so bessere Konditionen (Telematik-Tarife) zu bekommen, ist nicht neu und wird auch in Deutschland schon seit einigen Jahren praktiziert. In den USA werden die Daten allerdings schon seit langer Zeit direkt vom Autohersteller an ein Datenanalyseunternehmen übertragen, das wiederum die Versicherer beliefert – oftmals ohne Wissen des Fahrzeugbesitzers. Einem Bericht zufolge hat das Auswirkungen auf die Versicherungsprämien, die US-Autofahrer zahlen müssen.

Ein 65-jähriger Softwareunternehmer aus Seattle, der sich selbst als "vorsichtigen Fahrer" seines geleasten Chevrolet Bolt von General Motors (GM) einstuft, war überrascht, als er vor zwei Jahren 21 Prozent mehr für seine Versicherung zahlen musste. Vergleiche mit anderen Versicherungsgesellschaften fielen ähnlich höher aus als zuvor. Ein Faktor für die höheren Policen, erklärte ihm ein Versicherungsvertreter, sei sein LexisNexis-Bericht. Das berichtet die New York Times (NYT) diese Woche.

LexisNexis ist ein in New York ansässiger globaler Datenmakler, der Autounfälle und Strafzettel erfasst sowie Informationen zum Fahrstil direkt von den Autoherstellern bekommt und die Kfz-Versicherer mit den gesammelten Daten versorgt. Daraufhin bat der Softwareunternehmer um seinen "Consumer Disclosure Report" und bekam von LexisNexis eine 258-seitige detaillierte Auswertung von jeder Fahrt der vergangenen sechs Monate, die er oder seine Frau mit dem Bolt unternommen hatte, so die NYT.

Von 640 Fahrten in dem Zeitraum seien minutengenau etwa Fahrtbeginn und -ende, zurückgelegte Strecken, Geschwindigkeitsüberschreitungen, Vollbremsungen und starke Beschleunigungen von jeder Fahrt dokumentiert worden. Einzig die Standorte sollen nicht enthalten gewesen sein. All die Informationen wurden demzufolge direkt vom Hersteller über dessen App Smart Drive von OnStar, das zum Autohersteller GM gehört, zur Verfügung gestellt. LexisNexis analysiere die Fahrdaten und erstelle Risikobewertungen, "die Versicherer als [...] Faktoren verwenden können, um einen individuelleren Versicherungsschutz zu schaffen", erklärt ein Sprecher des Unternehmens.

"Das fühlt sich wie Verrat an", sagte der versicherte Softwareunternehmer, dass derartige Informationen – von denen er nicht gewusst habe, dass sie weitergegeben werden – von den Versicherungen verwendet werden. Acht Versicherer hätten in einem Monat seine Daten bei LexisNexis angefordert.

Spezielle Dongles für die On-Board-Diagnose und Smartphone-Apps zeichnen mit Zustimmung der Versicherten ebenfalls die Fahrweise auf – allerdings sind sich die Versicherten dessen meistens bewusst. Die App Smart Driver von OnStar scheint in den USA andere Wege zu gehen.

Der OnStar-Fahrzeug-Kommunikationsdienst gehört zu GM und wurde bereits im Jahr 1996 eingeführt. Damals nutzte OnStar, das in zuerst in Cadillac-Fahrzeugen eingeführt wurde, laut einem Bericht bereits Mobilfunk- und Satellitentechnologie für die Kommunikation mit einem Fahrer oder beim Auslösen des Airbags in Unfallsituationen. 2003 stand der Service auch für Fahrzeuge von Volkswagen, Toyota und Honda zur Verfügung und hatte den Angaben GM zufolge zwei Millionen Kunden. Im selben Jahr machte GM erstmals Geld mit OnStar und wollte den Umsatz von 750 Millionen Dollar (2001) auf 4 Milliarden Dollar bis 2005 steigern, berichtete die NYT.

In einer 2022 veröffentlichten Patentanmeldung von Ford (PDF) heißt es zu den von OBD-Dongle erfassten Daten, die für Telematik-Tarife von den Versicherern ausgegeben und ans Fahrzeug angebracht werden: "In der Vergangenheit haben sich die Fahrer nur ungern an diesen Programmen beteiligt". Versicherer – die in dem Patentantrag als Kunden bezeichnet werden – könnten bestimmte Fahrzeugmerkmale wie die Fahrgestellnummer missinterpretieren und der Credit Score lasse nicht zwingend auf das Fahrverhalten schließen. Diese Daten nutzen Versicherer demzufolge in den USA zur Risikoeinschätzung.

Stattdessen sammeln die Autohersteller die Informationen direkt von den mit dem Internet verbundenen Fahrzeugen, die dann von der Versicherungsbranche genutzt werden können. Zur Überwachung der Fahrgewohnheiten werden Dongle oder Smartphone-App überflüssig.

Moderne mit dem Internet verbundene Fahrzeuge bieten Zugang zu Diensten wie etwa Navigation, Pannenhilfe oder auch Smartphone Apps. Letztere ermöglichen den Autobesitzern etwa die Ver- und Entriegelung aus der Ferne und bieten Informationen zum Füllstand des Tanks, der Reichweite oder Fahrdaten und Fahrzeugzustand sowie Terminierung eines Werkstattbesuchs bei einem Servicepartner. Zusätzlich können über die jeweiligen Fahrzeugs-Apps kostenpflichtige Dienste hinzugebucht werden – das wird auch in Deutschland schon seit einiger Zeit praktiziert.

In den USA haben die Autohersteller, darunter GM, Honda, Kia und Hyundai, damit begonnen, in den Connected-Car-Apps optional die Bewertung der Fahrweise des Fahrers anzubieten. Wird diese Funktion aktiviert, werden die so gesammelten Daten über das Fahrverhalten an Datenmakler wie LexisNexis weitergegeben – oftmals ohne das Wissen der Fahrzeugbesitzer, schreibt die NYT. Die Zustimmung erfolge über die kleingedruckten und undurchsichtigen Datenschutzbestimmungen, die Autoherstellern und Datenbrokern das Sammeln detaillierter Informationen von Millionen amerikanischer Autofahrern ermögliche.

Ein Rechtsprofessor der Cornell University zeigte sich demnach überrascht: "Da der Durchschnittsverbraucher dies nicht erwarten kann, sollte es in der Branche üblich sein, darauf hinzuweisen." Die Politik habe ebenfalls ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht. Die kalifornische Datenschutzbehörde untersuche derzeit die Datenerfassungspraktiken der Autohersteller und der Senator Edward Markey aus Massachusetts habe im vergangenen Monat die Federal Trade Commission (Handelskommission) aufgefordert, eine Untersuchung diesbezüglich durchzuführen.

"Das 'Internet der Dinge' dringt wirklich in das Leben aller Amerikaner ein", sagte Senator Markey in einem Interview. "Wenn es jetzt eine Absprache zwischen Autoherstellern und Versicherungsgesellschaften gibt, die die von einem unwissenden Autobesitzer gesammelten Daten nutzen um dessen Versicherungstarife zu erhöhen, ist das aus meiner Sicht per se ein potenzieller Verstoß gegen Abschnitt 5 des Federal Trade Commission Act." Das Bundesgesetz verbietet unlautere und betrügerische Geschäftspraktiken, die den Verbrauchern schaden.