Klartext: Das Hohelied der Cruiser

Moderne Fahrwerke lassen dem Landstraßen-Motorradfahrer viel durchgehen bei Linienwahl, Radlastverteilung und Gewichtsverlagerung. Da Cruiser absichtlich ohne moderne Fahrwerke gebaut werden, eignen sie sich nicht nur zum Spaß, sondern auch als effektive Lernhilfe

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Klartext
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Der Amerikaner hat ein gutes Wort für jene prekäre Situation, in der dich der Entwickler eines Cruiser-Motorrads fragt, wie du das Fahrverhalten des Eimers findest: "awkward". Immerhin hat er diesen Cruiser mit voller Absicht so konstruiert, dass er zugunsten der modischen Einschränkungen der Cruiser-Szene scheiße fährt. Er hat das aber auch mit Stolz und Kompetenz getan. Ein "fährt scheiße" wäre daher unhöflich. Bei Triumphs Vorstellung der Bonneville Speedmaster setzte sich die ausweichende Antwort "I'm not a cruiser kind of guy" auf breiter Front durch. Ich bin auch nicht der Cruiserkindofguy. Aber, und das sollte vielleicht besser unser Geheimnis bleiben, ich weiß, dass Cruiserkindofguys eine Menge Spaß haben und warum.

Wenn der normale Hobbyfahrer auf, sagen wir: eine Ducati Panigale steigt und damit durch den Schwarzwald donnert, dann wird ihm dieses Fahrzeug meistens ein sehr eindeutiges Feedback geben: "laaaangweilig!" Moderne Fahrwerke können so viel, dass sie dem Fahrer ein deprimierendes Gefühl der Unterfordertheit anzeigen bei dem, was er so maximal von ihnen verlangt. Da die menschliche Psyche zum Selbstschutz stets ein übertrieben positives Weltbild anstrebt, treibt so eine Konfiguration die Person im Extremfall bis auf einen Cruiser. Der kann nämlich fast nichts, dem Ego ist also schnell geschmeichelt.

Klartext: Das Hohelied der Cruiser (8 Bilder)

Der Cruiserkindofguy fährt sozial ganz ungezwungen nur bei bestem Wetter. (Bild: Triumph)

Hinter dieser einfach klingenden Wahrheit steckt jedoch eine ganze kleine Welt mehr, die alle Bereiche guten Motorradfahrens umfasst. Es beginnt bei der Linienführung. Auf einem Motorrad mit normalen Schräglagenreserven kannst du auf der Landstraße fast immer fast alle möglichen Linien fahren und mittendrin nachkorrigieren, weil es üblicherweise genügend Reserven dazu gibt. Deshalb gibt es so viele, die jahrzehntelang auf haarsträubenden Linien überleben. Bei wem wirklich kaum Reserven bleiben, der ist gut damit beraten, sich Rennstreckenfahren anzuschauen. Auf einem Cruiser dagegen gibt es so wenig Schräglage, dass dir der Kackstuhl in jeder Kurve beibringt, eine gute Linie zu fahren, denn sonst sind seine geringen Reserven sehr schnell am Ende. Wer einen Cruiser zügig bewegen kann, ist nicht zwangsläufig ein schneller Motorradfahrer, wird aber immer eine gewisse Linienfertigkeit zeigen.

Ein weiteres großes Thema des guten Fahrens: die Achslast-Balance. Das typische Motorrad ist mit seinem breiteren Hinterrad dazu gebaut, unter etwas Zug aus der Kurve zu fahren, der etwas Gewicht auf den hinteren Latsch bringt, der in der Folge die Antriebskräfte überträgt, die wiederum die seitliche Kurvendrift ausgleichen oder ausgangs zur Beschleunigung verfügbar sind. Die Speedmaster gibt hierzu ein sehr eindeutiges Feedback. Ohne Zug sacken ihre Rasten noch tiefer, sodass dir noch weniger Schräglage bleibt. Bremsen erledigst du am besten vor dem Einlenkpunkt, immer vor dem Scheitelpunkt, denn es verschiebt Last nach vorne, wo die Rasten hängen, über Umwege an einer Gabel, die Yamaha in dieser Rohrdicke an eine 125er baut.