Es ist was faul im E-Mail-Land: Zwischen Komplexität und ungleichen Machtverhältnissen

Seite 2: Private Mail-Server unerwĂĽnscht

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Seinen eigenen Mailserver zu betreiben, was aus Datensparsamkeitsgründen durchaus Sinn ergeben kann, wird angesichts solcher Entwicklungen zunehmend schwieriger. Wolfgang Tremmel, beruflich beim deutschen Internet-Knoten DeCIX, betreibt als Privatmensch "seit ewigen Zeiten" seinen eigenen Mailserver: Für eingehende Mail zeigt ein MX-Rekord auf den selbst gewählten Namen. Ein DynDNS-Service sorgt dafür, dass die IP-Adresse aktuell ist. Nach einem Providerwechsel funktionierte das Ausliefern plötzlich nicht mehr. Der neue Provider, T-Online, versorgte Tremmel mit IP-Adressen aus dem T-Online-Bereich – und die wurden von einer Reihe von Blacklist-Betreibern schlicht als "residential" Blöcke verzeichnet. "Da darf kein Mailserver sein", hatte Spamhaus entschieden.

Tremmel löste das Problem dadurch, dass er sich einen virtuellen Server bei Hetzner mietete. Diese IP-Adressen wurden von Spamhaus akzeptiert, allerdings, erklärt Tremmel, hatte offenbar der Vorbenutzer mit der IP "komische Dinge" gemacht, sodass Talosintelligence.com die IP gelistet hatte. "Das Entfernen dort war allerdings kein Problem", lobt er. Zwar komme es nach wie vor noch vor, dass eine ausgehende E-Mail hängen bleibe. Aber: "Es ist selten geworden."

Wer privat einen Mailserver betreiben will, muss sich überdies mit viel mehr als SMTP befassen. Auch für kleinere Provider werden immer neue Standards zu einer Hürde, mahnt Jaeger. Von zunehmender Verschlüsselung – TLS wird mittlerweile für über 90 Prozent der Verbindungen zwischen Mailservern eingesetzt – über die verschiedenen Verifikations-/Authentisierungsverfahren – SPF, DKIM, DMARC, ARC oder DANE – bis hin zu Rate Limiting bei ausgehenden und eingehenden E-Mails sowie dem, was Jaeger den wachsenden "Mailheader-Zoo" nennt, steht einiges auf der To-do-Liste des Mailadministrators. Für Jaeger sorgt diese Komplexität für eine zunehmende Konzentration im Mailgeschäft.

Auch Klensin erkennt die Konsolidierungstendenzen und nennt die eigenmächtigen Regeln, die die Großen schaffen, einen der größten Kostenfaktoren. Das von Yahoo, Microsoft und Google durchgedrückte DMARC brachte selbst die Standardisierungsorganisation IETF beziehungsweise deren Mailinglisten total durcheinander.

Für Klensin ist die Ursache der Konsolidierung aber nicht die Komplexität. Vielmehr seien die Geschäftsmodelle schuld, sagt er. Vor allem die Kostenlos-Mentalität ist ein Problem, meint er: "Wir haben eine Entwicklung von E-Mail im Bündel mit ISP-Dienstleitungen – und durch die Konsolidierung von Providern gab es natürlich mehr Konzentration bei Maildienstleistungen – hin zu Maildiensten, die praktisch werbefinanziert waren."

Weil Provider die durch Mail verursachten Kosten los werden wollten, hätten viele ihre Kunden gleich in Richtung FreeMail- beziehungsweise "Verkauf deinen Kunden"-Optionen abgeschoben. "Das reicht aus meiner Sicht vollständig, um die wachsende Konzentration zu erklären. Man muss die Komplexität, die bei anderen Diensten wie Content Delivery Networks ein Grund für die Konsolidierung ist, meiner Meinung nach hier gar nicht bemühen." Selbst Universitäten verlassen sich mehr und mehr auf die großen Mailanbeiter anstatt eigenes Personal anzuheuern, auszubilden und zu bezahlen.

Erst wenn es noch viel schlimmer wird, wird sich etwas ändern, fürchtet Klensin. Notwendig wäre etwa, dass etwa die Universität oder der Mailprovider für massiven Missbrauch mit zur Rechenschaft gezogen wird, lautet sein Urteil. Im Prinzip wisse man das auch. Nur mit FreeMail-Angeboten sei es ein bisschen wie mit dem Geist aus der Flasche: "schwer, den wieder rein zu bekommen."

Allenfalls mit dem Kartell- oder Wettbewerbsrecht gäbe es vielleicht noch einen anderen Hebel: "Wenn etwa E-Mail-Anbieter wie Posteo in Deutschland anfangen würden, sich zu beschweren, dass konspirative Absprachen zwischen den Großen ihr Geschäft erheblich behindern oder fast unmöglich machen und damit Gehör finden, könnte sich vielleicht etwas ändern."

Jaeger empfiehlt einen anderen Weg. Statt die E-Mail-Technik ohne weiteres den großen Playern zu überlassen, sollte die öffentliche Hand in Forschung und Entwicklung von guter, einfach zu bedienender Mail-Serversoftware investieren. 100 bis 500 Stellen EU-weit könnten in hundert Projekten für fünf Jahre Vorschläge erarbeiten, wie der Betrieb des kleinen Mailservers kein Hexenwerk bleibt. Das klingt ein bisschen nach Utopie, aber zum neuen Jahr hat man ja vielleicht auch als geplagter Mail-Nutzer einen Wunsch frei. (jk)