Fix und Fertig: Reparatur fĂŒr die Zukunft
(Bild: Mark Phillips / Runder Tisch Reparatur (CC 4.0 BY-SA))
Am Wochenende startete auf dem Fixfest Reparatur-Festival eine EU-weite Kampagne zum Recht auf Reparatur. 250 nutzen die Chance zum Austausch.
Die Maker und Reparateure aus ganz Europa waren sich einig: Ein Recht auf Reparatur muss sein. DafĂŒr muss es noch mehr Zusammenarbeit und Austausch geben. Um beides ging es beim Fixfest Reparatur-Festival. Vom 20. bis 22. September trafen sich etwa 250 Maker, Aktivisten und Bastler aus 14 LĂ€ndern an der TU Berlin, um ĂŒber das Reparieren und Kreislaufwirtschaften zu diskutieren.
Eine neue EU-weite Kampagne fĂŒr das Recht auf Reparatur wurde am Samstag vorgestellt, zusammen mit einem Bericht der detailliert darlegt, wie groĂ die Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt sein könnten. Ziel der Kampagne Right to Repair [1] ist das Recht auf Reparatur fĂŒr alle â nicht nur Reparatuprofis.
Wenn die Lebensdauer von Smartphones, Staubsaugern, Laptops und Waschmaschinen jeweils um ein Jahr verlĂ€ngert wĂŒrde, könnten wir in der EU jedes Jahr 4 Millionen Tonnen CO2 vermeiden, etwa soviel wie 2 Millionen Autos im Jahr in die Luft pusten, so der Bericht von CoolProducts [2] und dem EuropĂ€ischen Netzwerk von Umweltorganisationen EEB. Forscher haben auĂerdem die Lebenszyklen der GerĂ€te analysiert, und ausgerechnet, wie lang man sie nutzen sollte, um ihren Anteil an der ErderwĂ€rmung von der Produktion ĂŒber die Nutzung bis zum Verschrotten auszugleichen. FĂŒr Smartphones, die im Durchschnitt nur drei Jahre benutzt werden, wĂ€ren das mindestens 25 Jahre.
Eine Frage der WertschÀtzung
"Sobald etwas verkauft ist, verliert es sein Wertâ, erklĂ€rte Melanie Jaeger-Erben, Professorin fĂŒr Nachhaltigskeitsforschung der TU Berlin und plĂ€dierte dafĂŒr "die stĂ€ndige kulturelle Produktion von Wertlosigkeitâ zu beenden. Um der Kultur der Veralterung zu widerstehen, brauche es auch Leute, die GegenstĂ€nde sammeln und neu verteilen. Reparieren sei auĂerdem Sorgearbeit: In Oldenburg, einer Stadt mit 165.000 Einwohnern, finden inzwischen acht Reparatur-Cafes statt, an sechs Tagen der Woche. Da geht es nicht nur ums Reparieren, sondern auch um Umtausch und Kontakt.
GrundsĂ€tzlich wĂŒrden 77 Prozent aller EU-BĂŒrger lieber ihre vorhandenen Objekte reparieren, statt neue zu kaufen, so die CoolProducts-Forscher. Aber dazu fehle es an Kenntnis, Werkzeugen oder gar der Erlaubnis. Der Norweger Henrik Huseby etwa steckt seit 2018 in einem Rechtsstreit mit Apple [3], da sein Reparaturbetrieb angeblich gefĂ€lschte BildschirmglĂ€ser nutze und das Markenrecht verletze. TatsĂ€chlich sei es ein Angriff auf die Reparaturkultur [4], meint eine Aktivistin aus Norwegen.
Fixfest Reparatur-Festival 2019 (0 Bilder) [5]
Kampf ums Smartphone
Seit knapp einem Monat erlaubt Apple in den USA den ersten freien Dienstleistern, Reparaturen mit Originalersatzteilen anzubieten [7]. In der Reparaturcommunity ifixit vermisst man das Engagement von Apple weiterhin. Auf der Seite gibt es inzwischen mehr als 50.000 Reparaturanleitungen, aber auĂer Motorola ist kaum ein Smartphone-Hersteller dabei. Immerhin erzĂ€hlt ifixit-GrĂŒnder Kyle Wiens âFĂŒr alles was in der Welt kaputt ist, gibt es jemand, der weiĂ, wie man es repariert.â
Smartphones sind nicht nur die Produkte mit der gröĂten Reparatur-Nachfrage, es gibt auch viele VorwĂŒrfe der geplanten Obsoleszenz [8] â das gezielte Begrenzen der Lebensdauer von Produkten. Die Nonprofit-Vereinigung HOP (Halte Ă l'obsolescence programmĂ©e) aus Frankreich verklagt Druckerhersteller Epson, nachdem ihre Recherchen zeigten, dass deren Drucker sich frĂŒhzeitig ausschalten oder nach mehr Tinte bitten, wenn die Patronen noch zu 20 bis 40 Prozent gefĂŒllt sind.
Der Weg zum Recht auf Reparatur
Was gilt es nun zu beachten auf dem Weg zum Recht auf Reparatur? Nathan Proctor, der die US-amerikanische Right-to-Repair-Kampagne [9] leitet, erklĂ€rte, es sei leichter mĂ€chtige UnterstĂŒtzer im US-Kongress zu gewinnen, wenn man starke Geschichten erzĂ€hlen kann.So seien die Republikaner, die in Deutschland FDP wĂ€hlen wĂŒrden, schwierig zu ĂŒberzeugen. Daher hĂ€tten die Aktivisten in den USA MilitĂ€rtechniker gefunden, die Panzer um die halbe Welt schicken mĂŒssen, statt sie selbst zu reparieren. Ein weiteres Beispiel seien Bauern, die gar nicht mehr an ihren eigenen Traktoren arbeiten dĂŒrfen.
Reparatur im Wandel
Heike Weber, Professorin fĂŒr Technikgeschichte an der TU Berlin, warf einen Blick in die Geschichte des Reparierens. Im 20. Jahrhundert sei das Reparieren nicht verschwunden, hĂ€tte sich aber verĂ€ndert. Reparieren und Pflegen seien vorher wichtige Aspekte des Eigentums gewesen, besonders wenn man nicht so viel hatte. Als sie in den Hintergrund rĂŒckten, seien sie auch geschlechtsspezifischer geworden: Die MĂ€nner machen alles fĂŒrs Haus und die Frauen kĂŒmmern sich mit dem NĂ€hkĂ€stchen um das Innenleben.
Mitverantwortlich fĂŒr den RĂŒckgang der Reparatur sei dazu die sogenannte "VergehĂ€usung" vieler GerĂ€ten. Die VergehĂ€usung passierte im Namen der Sicherheit, hĂ€tte aber auch dazu gefĂŒhrt, dass Leute weniger selber reparieren können. So wurde es schlieĂlich leichter, etwas Neues zu kaufen und manchmal sogar billiger, als Dinge reparieren zu lassen.
Traditionelle Ăkonomen vom Wert des Wiederverwendens und der Reparatur zu ĂŒberzeugen, sei schwierig, meinte Niko Paech der UniversitĂ€t Siegen in seinem Vortrag. âMeine Kollegen sagen, âJa, es ist schön, dass Kinder und VerrĂŒckte so etwas machen, aber wo sind die Zahlen?ââ Dazu zeigte er eine Powerpoint-Folie mit einer kaum zu erfassenden Formel. Was hĂ€ngen bleiben sollte: wir brauchen ein neues Wirtschaftssystem, das weniger wachstumsabhĂ€ngig ist.
Reparatur-Festival als GegenmaĂnahme
Mit dabei waren auch Janet Gunter und Ugo Vallauri, MitgrĂŒnder des Restart Projects, das die Idee des Fixfests entwickelt und erste Veranstaltungen in London und Manchester organisiert hat. "Das System ist manipuliertâ, meint Gunter. âAber wir haben etwas, das kein Unternehmen hat oder jemals kaufen kann: AuthentizitĂ€t.â
Daher war die Veranstaltung selbst sehr DIY-organisiert und setzte auf kooperative AtmosphĂ€re: die Festivalbesucher wurden gebeten, fĂŒr das Mittagessen mit GemĂŒse vorzubereiten. Ein Zimmer war offen fĂŒr eine Unconference ohne fest geplante Themen, sondern frei fĂŒr spontane GesprĂ€che und Vorstellungen. Kaputte ElektronikgerĂ€te konnten im Reparatur-CafĂ© wieder zum Leben erweckt werden und ein eigene T-Shirt oder Jutebeutel per Siebdruck verschönert werden.
Veranstalter des Berliner Reparatur-Festivals [17] war der Runde Tisch Reparatur, der sich mit weiteren Initiativen fĂŒr das EU-weite Recht auf Reparatur einsetzt. Das nĂ€chste Fixfest soll erst 2021 stattfinden, wobei der Veranstaltungsort noch offen ist. Bis dahin sind regionale Veranstaltungen in Belgien und Skandinavien geplant.
Wie die Recht-auf-Reparatur-Kampagne lĂ€uft, wird man sehen, aber die Aktivisten glauben, dass die neue EU-Kommission von Ursula von der Leyen [18] viel offener fĂŒr ihre Forderungen. "Die Zeit ist jetztâ, meint Vallauri. "Wir können nicht noch zehn Jahre warten.â (hch [19])
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Links in diesem Artikel:
[1] http://repair.eu/
[2] https://eeb.org/library/coolproducts-briefing/
[3] https://www.heise.de/news/Streit-um-Ersatzteile-Apple-haelt-an-Klage-gegen-freien-Reparatur-Shop-fest-4442788.html
[4] https://www.heise.de/news/Apple-weiter-gegen-Right-to-Repair-4491970.html
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/2756075.html?back=4536905;back=4536905
[6] https://www.heise.de/bilderstrecke/2756075.html?back=4536905;back=4536905
[7] https://www.heise.de/news/Kehrtwende-bei-Apple-Freie-Werkstaetten-duerfen-iPhone-Originalteile-beziehen-4509647.html
[8] https://www.heise.de/news/Apples-Akku-Affaere-Untersuchung-wegen-geplanter-Obsoleszenz-in-Frankreich-3936618.html
[9] https://www.heise.de/news/Recht-auf-Reparatur-IT-Industrie-appelliert-gegen-Gesetzesplaene-3635843.html
[10] https://www.heise.de/thema/werkstattberichte
[11] https://www.heise.de/make/inhalt/2015/5/98/
[12] https://www.heise.de/ratgeber/Die-Dinge-mit-anderen-Augen-sehen-2840994.html
[13] https://www.heise.de/hintergrund/Analyse-So-werden-Makerspaces-nachhaltiger-und-inklusiver-5055760.html
[14] https://www.heise.de/news/Wie-werden-Makerspaces-barrierefrei-2776573.html
[15] https://www.heise.de/news/Studie-Neue-Produktionsmodelle-in-offenen-Werkstaetten-3504625.html
[16] https://www.heise.de/thema/Maker-Faire
[17] https://www.heise.de/news/Anmeldung-moeglich-fuer-das-Berliner-Reparatur-Festival-Fixfest-4488960.html
[18] https://www.heise.de/news/Von-der-Leyens-EU-Kommission-Wettbewerbshueterin-Vestager-auch-Digitalchefin-4518962.html
[19] mailto:hch@make-magazin.de
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