Lee Iacocca: Work hard, play hard

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Doch allen Experten zum Trotz überlebte Chrysler. Auch weil Iacocca ein Baukastensystem für die Kompaktklasse installierte, das Ford abgelehnt hatte. Daneben folgten Modelle wie der Jeep Cherokee und der Chrysler Voyager, die jeweils das richtige Auto zur richtigen Zeit auf dem richtigen Markt waren. Es folgte, was schier unmöglich schien: 1982 meldete Chrysler erstmals wieder Gewinn. Immerhin 170 Millionen Dollar. Die basierten zwar vor allem darauf, dass der Staat für Kreditzinsen Chryslers aufkam und deren Buchhaltung dank saftiger Verlustvorträge aus den vergangenen Jahren keine Steuern zahlen musste – aber immerhin. Und 1986 bekam die Buchhaltung vor lauter Überschuss ohnehin die Tür nicht mehr zu: 2,3 Milliarden Dollar.

Iacocca hatte ein Gespür für Marketing. Es wurden Werbespots mit ihm als Hauptfigur gedreht, in denen er den Kunden empfahl: „Wenn Sie ein besseres Auto finden, kaufen Sie es.“ Es war dieser Zeitraum, in dem Iacoccas Karriererakete die nächste Stufe zündete und sein Ego die irdische Umlaufbahn verließ. Denn 1985 hatte Iacocca seine Autobiographie veröffentlicht: „Eine amerikanische Karriere“. Einerseits eine Abrechnung mit Henry Ford II, andererseits ein Managementhandbuch. Das Buch verkauft sich sieben Millionen Mal und machte Iacocca zum populärsten Firmenlenker seiner Zeit.

Seine Verehrung wuchs ins Lächerliche. Das Magazin People fragte seine Leser, mit wem sie gerne für 24 Stunden das Gehirn tauschen würden. Nach Einstein, Kennedy und Reagan folgte schon Iacocca. Immerhin noch vor Gott, Edison und Mozart. Iacocca galt als Genie. Als Wunderwaffe. Eltern schrieben ihm Briefe, in denen sie fragten, wie sie ihren Sohn von den Drogen wegbringen könnten. Oder wie sie ihre Hunde am besten aufziehen sollten. Die Vereinigung der „Hog Callers“, also der Schweinerufer, wollte ihn als Ehrengast. Nie in seinem Leben hatte er ein Schwein gerufen. Er selbst schrieb einmal: „Dem Kerl, der ich sein soll, dem würde ich gerne mal begegnen. Ich würde ihn sofort engagieren.“

1986 schaffte es Iacocca auf das Cover der Business Week - als höchstbezahlter Manager Amerikas – und damit, nach dem eigenen Selbstverständnis, wohl auch der Welt. Den Titel sicherte er sich mit einem Salär von 20,5 Millionen Dollar.

Darauf Iacocca: „Eine Million hier, eine Million dort – und ehe Sie es merken, haben Sie tatsächlich Geld.“ So spektakulär das klingen mag, gerade zur damaligen Zeit, so bodenständig hatte er sich diese Summe verdient. Sein Grundgehalt betrag nämlich „nur“ 1,7 Millionen Dollar, weitere 975.000 Dollar stammten aus Prämien. Der Rest? Dividendenzahlungen. Anfangs hatte sich Iacocca nur einen symbolischen Dollar Jahresgehalt und wertlose Aktienpakete ausgezahlt. Letztere brachten bei einem Überschuss von 2,3 Milliarden aber rund 18 Millionen Dollar Dividende. Vom Kursgewinn (etwa 860 Prozent) ganz abgesehen.

Immer wieder mischte sich Iacocca wortgewaltig und öffentlichkeitswirksam in die Politik ein. Die Demokraten boten ihm angeblich den Posten des Präsidentschaftskandidaten an. Vor allem die Handelspolitik hatte es ihm angetan. Er führte einen kleinen Privatkrieg gegen Japan. Die lieferten Jahr für Jahr milliardenschwere Handelsüberschüsse ab. Iacocca sah darin eine Gefahr für die USA und kritisierte alle Beteiligten heftig. Das brachte ihm auf der einen Seite den Spitznamen „Japanfresser“ ein, hielt ihn auf der anderen Seite aber nicht davon ab in Japan, Taiwan und Südkorea auf Zuliefererjagd zu gehen.

Ende 1992 musste Iacocca bei Chrysler zurücktreten. Der Aufsichtsrat wollte eine jüngere Firmenspitze. Der Abgang schmerzte ihn. Auch, weil er Robert Eaton als Nachfolger Platz machen musste, obwohl er eigentlich seinen Wunschkandidaten Bob Lutz schon in Stellung gebracht hatte.

Wohl auch deswegen fiel ihm das Loslassen schwer. 1995 plante er zusammen mit einem Finanzinvestor die feindliche Übernahme Chryslers, scheiterte aber. Stattdessen kooperierte Chrysler mit Daimler-Benz. Bis heute in der Betriebswirtschaftslehre ein Musterbeispiel dafür, wie so ein Merger nicht ablaufen sollte. Iacocca diente sich Jürgen Schrempp, dem damaligen Konzernchef an, blitzte aber ab. Erst 2005 – Iacocca war zu diesem Zeitpunkt bereits 80 Jahre alt – durfte er nochmal als Werbefigur ran. Er bewarb „The Deal“. Eine Preisschlacht-Aktion Chryslers.

Für jedes verkaufte Auto erhielt die Iacocca-Diabetes-Stiftung einen Dollar. Der Manager hatte sie gegründet, nachdem Mary McCleary, seine erste Frau, 1983 im Alter von 57 an den Folgen des Diabetes starb.

Bis vor kurzem kommentierte Iacocca immer wieder Politik und Wirtschaft. Er rief Plattformen ins Leben, die den gesellschaftlichen Wandel diskutierten und brachte Themen wie das Gesundheitssystem oder die Entwicklung umweltschonender Fahrzeuge auf die politische Agenda.

In den vergangenen Jahren – quasi seit er 2012 die Kandidatur von Mitt Romney unterstützte – wurde es allerdings ruhiger um ihn. „Drei Jahre Ruhestand sind schlimmer als 47 Jahre Automobilindustrie“, schrieb er einmal. Aber vielleicht hatte er doch Einsehen. (fpi)