So funktioniert der Allradantrieb des Ferrari FF

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Die schwerpunktgünstige Position des V12 hinter der Vorderachse nutzten die Ingenieure nämlich dazu, um vorne, ans andere Ende der Kurbelwelle ein zweites kleines Getriebe und zwei Kupplungen zu bauen, um somit die Vorderachse anzutreiben. Laut Ferrari wiegt das Gesamtsystem unter 50 kg und damit kaum mehr als die Hälfte konventioneller Allradantriebe. Es verkraftet allerdings auch nur 20 Prozent des Drehmoments, das die Hinterachse auf die Straße bringt – für Ferraris Auslegung als Traktionshilfe ausreichend. Ebenfalls zu bedenken: Wir sprechen hier von 660 PS Nennleistung.

Das vordere kleine Getriebe hat einen Rückwärtsgang und zwei Vorwärtsgänge. Der erste davon ist rund 6 Prozent länger ausgelegt als der zweite Gang des Hauptgetriebes, der zweite rund 6 Prozent länger als dessen vierter Gang. Ab dem fünften Gang fährt der FF ausschließlich mit Hinterachsantrieb. In den unteren Gängen verteilen zwei Mehrscheiben-Ölbadkupplungen Drehmoment auf die Vorderräder. Diese Kupplungen erlauben ein mit der Hinterachse kombiniertes Torque Vectoring und übernehmen elektronisch geregelt gleichzeitig die Funktion des Vorderachsdifferenzials. Die Entscheidungsgrundlage der Drehmomentverteileralgorithmen bilden die Daten der Onboard-Sensorik: ESP-Gyrometer, Beschleunigungssensoren, Raddrehzahlmesser, Motor-Parameter.

Anhand der Auslegung wird deutlich, dass die Kupplungen während des Allradbetriebs praktisch ständig am Schleifen sein müssen, um das Drehmoment zu verwalten. Das ist für Ferrari kein großes Problem, denn der Vorderachsantrieb schaltet sich erst dann zu, wenn der Schlupf hinten zu groß wird, läuft also nur zu einem sehr geringen Prozentsatz der Fahrzeit.

Ferrari erreicht mit dieser Lösung seine widersprüchlichen Ziele: Der FF bleibt ein GT-Wagen, dessen sich die Firma am Handling-Kurs nicht schämen muss. Ferraris CEO Amedeo Felisa verspricht, dass der FF auf einem trockenen Kurs vergleichbare Rundenzeiten wie ein Ferrari 599 einfährt. Trotzdem haben die Gimmick-Kunden ihren Allradantrieb bekommen. Realistisch betrachtet hätte es auch eine wesentlich einfachere Lösung getan, oder sogar einfach nur ein Aufkleber, auf dem "Allrad" steht. Doch wie bei den wilden Lancias aus der Glanzzeit dieser Firma werden wir in zwei Dutzend Jahren vor dem FF stehen und uns immer noch wie heute über eine technisch wilde, interessante, italienische Lösung freuen, die man gerade deswegen lieben muss, weil sie so überflüssig ist. Es ist ein kleines Stück Kunst für Maschinenbauer. (cgl)