Die Welt in Vektoren

Seite 3: Tele Atlas

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Bereits seit 1984 ist das niederländisch-belgische Unternehmen Tele Atlas im Kartografierungsgeschäft tätig. Die Firma beschäftigt weltweit etwa 2000 Angestellte und gehört seit diesem Jahr zum Navi-Spezialisten TomTom.

Auch Tele Atlas arbeitet mit Messfahrzeugen, allerdings kommen hier ausschließlich umgebaute Wohnmobile mit Multikamerasystemen zum Einsatz. Sechs Kameras zeichnen während der Fahrt Bilder von der Vorder-, Rück- und Seitenansicht auf. Die Fahrzeuge enthalten zur Positionsbestimmung einen Differential-GPS-Empfänger, Radumdrehungs-Sensoren und ein 3D-Gyroskop, das auch die Straßenneigung erkennt. So können auch Steigungen erfasst werden und bei Abriss des GPS-Signals erhält man trotzdem eine Positionsangabe. Des Weiteren bringen die Fahrzeuge einen PC samt Tastatur, Bildschirm plus Backup-System und unterbrecherfreie Stromversorgung mit. Etwa 22 Wohnmobile dieses Typs sind zurzeit in Europa unterwegs.

Tele Atlas treibt technisch einen etwas höheren Aufwand als Navteq, denn anders als beim Konkurrenten kann die Kartografierungssoftware hier per Mustererkennung einen großen Teil der Verkehrsschilder selbst einpflegen – das erfordert allerdings eine bessere Technik. Hierfür darf das Wohnmobil je nach Lichtverhältnissen eine vom System vorgegebene Höchstgeschwindigkeit, die von einem Lichtsensor ermittelt wird, nicht überschreiten. Bei trübem Wetter können die Kartografen bei optimaler Mustererkennung mit maximal 80 km/h durch die Gegend fahren. Bei hellem Sonnenlicht sind bis zu 130 km/h drin. Auf dem Bildschirm des Fahrzeug-PC weisen grüne Strecken auf zu befahrene Routen hin. Beim Abfahren werden diese Linien geschwärzt.

Nach den abgeschlossenen Messungen laufen alle Daten in der Zentralstelle im polnischen Lodz zusammen. Beim Filmen der Routen mit sechs Kameras gleichzeitig bei drei Bildern pro Sekunde und 1,3 Megapixel Auflösung kommen beträchtliche Datenmengen zusammen. Alleine das Filmmaterial, auf dessen Grundlage Änderungen für eine neue Version der Deutschlandkarte erstellt werden, füllt mehr als 2000 DVDs. Die Filme für eine komplette Ausgabe des deutschen Kartenmaterials belegen mehrere Aktenschränke.

Am Monitor kann der Kartograf alle Kamerabilder an jeder Stelle der abgefahrenen Strecken einsehen und so leicht anhand von Beschilderungen und Markierungen entsprechende Attribute vergeben.

Die Sichtung des Materials erfolgt zu einem Großteil in Indien. Etwa hundert Mitarbeiter sind dort allein für die Attribut-Einträge in der Deutschlandkarte zuständig. Alle Angestellten müssen die deutschen Verkehrsregeln beherrschen.

Hinterher werden fünf Prozent des Kartenmaterials stichprobenartig in der deutschen Zweigstelle überprüft, bevor die neue Ausgabe freigegeben wird. Wie bei Navteq werden auch hier die Karten mit Verkehrsfluss-Erfahrungswerten und einigen 3D-Objekten versehen. Durch ein Exklusiv-Abkommen mit der Deutschen Post erhält Tele Atlas ein Hausnummernverzeichnis für sein Kartenmaterial. Postboten prüfen bei jedem Rundgang für Tele Atlas, ob eine Adresse noch existent ist. Dadurch können Navigationsgeräte zu jeder beliebigen Adresse in Deutschland navigieren. Navteq muss sich selbst um das Einpflegen von Hausnummern kümmern.

Die Deutschlandkarte wird bei Tele Atlas in zwei Versionen angeboten: Mit einer Standard-POI-Datenbank, die etwa 300 000 Einträge enthält oder mit einer erweiterten, die eine Menge von über drei Millionen Points of Interest fasst.