Motorrad-Marke KTM geht nach Konkurs an ihren indischen Auftragsfertiger Bajaj
Der indische Motorradhersteller Bajaj bekommt 100 Prozent der KTM-Aktien für die fälligen 600 Millionen Euro Schulden und will das Werk Mattighofen erhalten.
(Bild: KTM)
- Ingo Gach
Die indische Marke Bajaj übernimmt den in die Insolvenz geratenen österreichischen Motorradhersteller KTM. Beteiligt war Bajaj bereits seit Jahren mit 49,9 Prozent an der Pierer Bajaj AG, die wiederum 74,5 Prozent an der Pierer Mobility AG hält, zu der die Motorradmarken KTM, Husqvarna und Gasgas gehören. Bajaj ist einer der größten Motorradhersteller der Welt mit über drei Millionen verkauften Motorrädern im letzten Jahr und übernimmt nun den Rest der Anteile an der Pierer Bajaj AG.
"Heute haben wir die Chance bekommen, die Geschichte von KTM fortzuschreiben. Gemeinsam mit unserem langjährigen Partner Bajaj konnten wir eine Strategie ausarbeiten, mit der zusätzlich zu den bereits zur Verfügung gestellten 200 Millionen Euro nochmals 600 Millionen Euro für unseren Neustart aufgebracht werden können", teilte KTM-Chef Gottfried Neumeister in einer ersten Stellungnahme mit. 450 Millionen Euro des Darlehens bekommt die KTM AG, weitere 150 Millionen Euro die Pierer Mobility AG. Die erlösende Nachricht für die rund 3000 Mitarbeiter in Österreich ist, dass der Standort in Mattighofen erhalten bleiben soll. In welchem Umfang ist noch nicht bekannt.
Irrwitzige Überproduktion
KTM-Boss Stefan Pierer hatte in den letzten Jahren eine irrwitzige Überproduktion gefahren, im November 2024 standen weltweit sagenhafte 265.000 Motorräder unverkauft auf Halde und bei den Händlern. Zusätzlich hatte sich KTM aufgrund zahlreicher Kundenreklamationen den Ruf schlechter Qualität eingehandelt. Innerhalb weniger Monate fiel der Kurs der KTM-Aktie ins Bodenlose, die Neuverschuldung stieg auf rund 1,5 Milliarden Euro und der Pierer Mobility AG ging schließlich das Geld aus. Die seit Ende November bestehende Insolvenz in Eigenverwaltung bereitete der Geschäftsführung mächtige Probleme.
KTM von Bajaj übernommen (6 Bilder)

KTM
)Während rund 1850 Mitarbeiter seit Beginn letzten Jahres entlassen wurden, die Bänder von Mitte Dezember bis Mitte März stillstanden (Ende April wurde die Produktion erneut eingestellt, weil viele Zulieferer nur noch gegen Vorkasse liefern wollten), Stefan Pierer seinen Posten als CEO räumen musste und Gottfried Neumeister als neuer Geschäftsführer kam, suchte KTM verzweifelt nach Investoren.
Bedingung: Pierer muss gehen
Mit den rund 4000 Gläubigern (Banken, Lieferanten, Dienstleister) einigte sich KTM im Februar auf eine Quote von 30 Prozent, die der Hersteller von seinen Schulden zurückzahlen muss. Die gewaltige Summe von 600 Millionen Euro muss bis zum 23. Mai auf das Konto des Insolvenzverwalters Peter Vogel überwiesen werden. Bajaj hat in den letzten Tagen 566 Millionen Euro als Darlehen bei mehreren Banken aufgenommen, um KTM auszulösen.
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Rajiv Bajaj, Managing Director von Bajaj, soll nach Angaben von Insidern lediglich eine Bedingung für die Rettung von KTM gestellt haben: Stefan Pierer darf in Zukunft keine Rolle mehr bei KTM spielen. Er wird deshalb nach dem Abschluss des Sanierungsverfahrens im Juni 2025 aus dem Vorstand ausscheiden. Seine Nachfolgerin als Co-CEO wird Verena Schneglberger-Grossmann, die schon seit 2015 für die Gruppe tätig ist.
Stefan Pierer hatte 1992 KTM aus der damaligen Insolvenz übernommen und die Marke seitdem zum zweitgrößten europäischen Motorradhersteller nach der Piaggio Group ausgebaut. Doch er leitete seinen Konzern, die Pierer Industrie AG, wie ein Patriarch und wurde von seinen Mitarbeitern nur ehrfürchtig der "Oanser", also "Einser", genannt. Gegenüber Warnungen, die Produktion wäre viel zu hoch, zeigte er sich beratungsresistent. Das war auch der Grund, warum vor allem die Gläubigerbanken in der Insolvenz darauf drängten, Pierer müsse seinen Posten als CEO abgeben. Doch über seine Pierer Industrie AG hätte er immer noch – wenn auch sehr geringen – Einfluss auf die Geschicke von KTM. Das will Rajiv Bajaj jetzt offensichtlich unterbinden.
KTMs kommen schon lange aus Indien
Bajaj baut in Indien seit 2012 die kleinen KTM-Modelle von 125 bis 399 cm3 Hubraum, die sich weltweit gut verkaufen. Um den laufenden Betrieb in Mattighofen aufrechtzuerhalten, schoss Bajaj in den letzten Monaten sukzessiv 200 Millionen Euro hinzu. Doch zögerten sie bei Verhandlungen offensichtlich lange, KTM weitere Zusagen zu machen. Möglicherweise, weil noch andere Investoren im Spiel waren, unter anderem wurde immer wieder der kanadische Bombardier-Konzern genannt, der mit BRP-Rotax bereits in Österreich ein Tochterunternehmen besitzt.
Es dürfte spannend werden, wie es in Zukunft bei KTM unter der Regie von Bajaj weitergeht. Die Boston Consulting Group hatte Ende letzten Jahres eine Analyse von KTM durchgeführt und gab sich zwar vorsichtig optimistisch, aber nur wenn einige drastische Einschnitte vorgenommen würden. So bemängelten sie, dass KTM auf zwar firmennahe, aber teure Zulieferer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz setze, für Komponenten, die sie global deutlich günstiger erwerben könnten, was zu hohen Produktionskosten führen würde. Verbesserungsmöglichkeiten bestünden bei der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, was nichts anderes heißt, als dass einige Modelle im Vergleich zur Konkurrenz zu teuer seien.
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Marktführer im Motocross-Sportenduo-Sektor
Dieser Einschätzung dürfte sich Bajaj wohl anschließen und die Produktion der kleinen KTM-Modelle bis 399 cm3 (Duke, Enduro, Adventure) in Indien behalten und die 790er-Modelle, die bisher CFMoto in China gebaut hat, vermutlich auch nach Indien holen. Einige Modelle, die kaum nachgefragt werden, dürften wohl eingestellt werden. Was noch in Mattighofen produziert werden könnte, wären vor allem die Motocross- und Sportenduro-Modelle, wo KTM weiterhin Weltmarktführer ist.
Die Boston Consulting Group prognostiziert hier eine Wachstumsrate von etwa 3,5 Prozent. Außerdem ergäbe der Verbleib der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Österreich Sinn, denn die genießt einen exzellenten Ruf und ließe sich auch nicht ohne Weiteres verlegen. Hinter der Zukunft der Marken Husqvarna und Gasgas steht ein dickes Fragezeichen. Die Boston Consulting Group empfahl, die Plattformstrategie zu reduzieren, nach der aus einem Modell drei gemacht wurden, die sich nur marginal unterschieden. Zudem seien für den Motorsport 95 Millionen Euro ausgegeben worden und das sei "außergewöhnlich hoch" für ein Unternehmen in der Größe von KTM.
Immer noch prekär
Die Marktsituation für KTM ist immer noch prekär. Die Marke muss nicht nur neue Motorräder verkaufen, um wieder Geld zu verdienen, sondern auch die Massen an immer noch unverkauften Bikes aus den letzten beiden Modelljahren verhökern. Viele Händler sind inzwischen verzweifelt und bieten die KTMs, Husqvarnas und Gasgas von 2024 und sogar 2023 zu Dumpingpreisen an, um sie nur irgendwie loszuwerden.
Ende letzten Jahres gab es deshalb bereits einen Run auf die ultrabilligen KTMs, und trotzdem sind noch viele übrig. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Verkauf von KTM in Deutschland 2025 um über 80 Prozent eingebrochen. Kaum jemand will jetzt ein 2025er-Modell kaufen, wenn es das identische Modell vom letzten Jahr immer noch erheblich günstiger gibt. Hinzu kommt die bange Frage nach der Ersatzteilversorgung und den Garantieansprüchen. Die Übernahme von KTM durch ein finanzstarkes Unternehmen könnte ein wichtiges Signal an die Kunden werden, wieder Vertrauen in die Marke aufzubauen.
(fpi)