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Was war. Was wird.

Gibt es ein Leben nach dem Fernsehen? Aber ja, selbst wenn die IT-Branche nun das totale TV vom sensationsgeilen auf den technikaffinen Zuschauer ausrichtet: Man lebt ja zwei Mal, weiĂź Hal Faber auf Grund der Geschichte, die sich als Farce wiederholt.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Willkommen, verehrtes Publikum, beim Heiseticker, dem nervösesten Ticker westlich vom Ural. Wie immer findet sich hier der Wochenkommentar von Hal Faber, die wesentlichen Worte zur Nacht. Ab sofort begleiten heilige Kühe unsere Nachtsichten, doch sie sind nicht unsere Schwarzbunten, kommen nicht aus der norddeutschen Tiefebene. Natürlich hat auch Heise den Trend der Zeit erkannt und verlagert seinen Ticker nach Bangalore. Viel billiger ist es, dort die letzten News über die Chipfabrik, das Service Pack 2 und das Quarken von SCO abzufüllen. Auch gestandene deutsche Redakteure nehmen gerne einen Ein-Rupien-Job als Ausgleich für die Chance, den markerschütternden Temperaturen eines deutschen Landes zu entkommen. Und deutschsprechende Inder gibt es nach dem Platzen der Greencard-Blase auch noch zur Genüge, die B2B-Erfahrungen (Back to Bangalore) haben und nicht als Dabawallas schuften wollen.

*** Das bringt mich zur letzten erfolgreichen Unterschriftenaktion der CDU, die seinerzeit auch schon einmal mit dem Spruch Kinder statt Inder begleitet wurde. Bekanntlich hat Frau Merkel ihre Unterschrift unter "Deutsche Döner sind schöner" zurückgezogen, nachdem sich NPD und DVU bei der Achse des Guten eingefunden haben. Das kennen sie in Indien. Pest und Cola liegen hier nah beieinander.

*** Hier unten sind die Nachrichten übrigens viel interessanter. Nehmen wir nur den Streit um Eunuchen als Bürgermeister, der in dieser Woche die lokale Presse beschäftigte. Ein Problem, das auch Deutschland angeht, wenn das robuste Kerlchen verkündet: "Wenn die Welt einen Eunuchen zum Bahnchef wollte, wäre ich der Falsche." Ja, man muss halt beide Eier haben, wenn es an die Rauswürfe geht. Freuen wir uns darum mit der Bahn, dass sie in dieser Woche den Max-Spohr-Managementpreis vom Völklinger Verband schwuler Manager gewonnen hat. Pünktlich und zuverlässig kommen, das ist immer auch eine Frage der Einstellung, auch wenn man andersherum gepolt ist. Ach, bin ich wieder witzig heute. Aber Indien ist nicht Italien

*** Zurück ins kalte Deutschland: Ja, nun haben sie Judenwitze im Fernsehen gebracht, entrüstet sich die südliche Zeitung, ohne überhaupt am 227. Tag dabei zugeschaut zu haben. Derweil hadert die etwas nördlichere Zeitung mit dem Coup und nennt die ganze Debatte hysterisch und verlogen. Ich habe dutzendweise Witze dieser Art gehört, von meiner Boben besser erzählt und ungleich bitterer, böser, verzweifelter. Groß wird nun über Big Brother hergezogen, man gibt sich einfach, simpel und schlicht gutmenschentümelnd, während ein Stefan Raab und seine Denunziation einer ihr Kind einschulenden Türkin als Drogendealerin anscheinend problemlos durchgeht.

*** Ja, so ist das auch mit dem Anti-Antisemitismus: "Wenn jemand mit mir übereinstimmt, habe ich stets das Gefühl, dass ich Unrecht habe", meinte Oscar Wilde, der vor 150 Jahren geboren, von öffentlichkeitswirksamen Spießern vom Schlage eines Raab ins Gefängnis gebracht -- und damit vor knapp 104 Jahren in den Tod getrieben wurde. Soweit gehen sie heute nicht mehr, will man eigentlich hoffen, diese Medienleute, die Bildung und logisches Denken als herrenwitztauglichen Geschlechterkampf praktizieren und gegen die Aufklärung als Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit lieber das totale TV ausrufen. Aber wie so oft ist alle Hoffnung vergebens. Gegen die Zumutungen des deutschen Fernsehens hilft keine Unterschriftenaktion, nur der komplette Rauswurf des Gerätes.

*** Doch kaum ist die Glotze draußen, ist sie wieder drinnen. Aufgehübscht als Media Center kommt der olle PC und überträgt GEZ-gerecht das Fernsehen im ganzen Haus. Ja, da kann Bill Gates mit Queen Latifah lachen, weil Windows das natürliche Element für alle Entertainmenterfahrungen wird.

*** Prickelnder geht es eigentlich nur mit Tobit Software, die in dieser Woche in ihrem westfälischen Ahaus eine Parallelwelt eröffnete, gegen die freiherrliche Paintball-Ballereien Kinderkrams sind. "Fassen Sie selbst eine echte MIG23 an und erleben Sie an Ihrem eigenen Körper, wie aufregend ein echter Luftkampf ist." Das Ganze wird als Erlebnis-Gastronomie der neuen Güteklasse angeboten, alles nur, um David unter das Volk zu bringen.

*** Der kleine David mit der Schleuder, an den muss auch der gute William Gibson gedacht haben, der nach langer Abwesenheit sein Blog wieder führt, weil es gegen einen Präsidenten geht, gegen den selbst Richard Nixon sich wie ein Abraham Lincoln ausnimmt. Doch kann das Blog dabei helfen, dem Albtraum ein Ende zu bereiten? Können nicht-amerikanische Mitbürger dabei helfen? Letztendlich sind die USA autonom und können nicht mit einem Disneyland befriedet werden.

Was wird.

Wenn der Montag kommt, starten die Hartz-Attacken im großen Computersystem der Bundesagentur für Arbeit. Noch läuft es nicht rund, viele Daten müssen händisch gepflegt werden. Eine Republik auf dem Weg in die Armut, dass ist eine Aufgabe, die die besten Programmierer überfordert. Wie man unter Hartz leben kann und ob nicht das vegetieren die zutreffendere Bezeichnung ist, darüber wird noch gestritten. Den Beschäftigten von Opel und Karstadt wird unterdessen mit AlgII gedroht. Wer fliegt, bekommt nichts mehr und landet bald bei den Parias.

Otto Schily, deutscher Minister für Heimatschutz und Sport, bald oberster Dienstherr der Blauen von der Bundespolizei, hat in Osnabrück den DFB und den gemeinen Fußballgucker beruhigt: Die Weltmeisterschaft der Balltreter wird perfekt abgesichert. Zum Beispiel mit dem völlig veralteten Polizeifunk, der abgehört werden kann. Bei der digitalen Neuanschaffung ist man in der Technik wie der Finanzierung des BOS-Netzes so zerstritten, dass man bei der Fachmesse PMRexpo in Leipzig nächste Woche lieber auf die ausländischen Besucher setzt denn auf den deutschen Förderalismus.

Ähnliches gilt auch für die ebenfalls nächste Woche startende Systems, wo man sich über angezogene Exporte und ein angezogenes Wachstum freut. Das der Kaiser ausgezogen ist, wird spätestens am Ende dieser Messe deutlich werden: Es gilt, die 71.790 Besucher vom Vorjahr zu toppen. Mit kostenloser Software will man die Massen anlocken.

Die lustigeren Stände wird es wenig später wohl auf der Linuxworld geben, wo sich die offenen Geister treffen und die eng befreundeten Firmen Microsoft und Sun sich redlich bemühen werden, die Anwender ihre Definition der Offenheit vorzuführen.

Die allseits beliebte SCO wird übrigens nicht dabei sein, schließlich startet die wunderbar offene neue Website mit dem leicht medikamentösen Namen www.prosco.net erst am 1. November. Das Anti-Licht der Wanzen von SCO, nennt Linus Torvalds unhöflich die Website. Warum das überhaupt hierhin gehört, muss mit der Arbeit deutscher Gerichte entschuldigt werden. Sie beschäftigen sich in den nächsten Tagen mit dem Wort Idiot. Darf man eigentlich die Mitarbeiter einer Firma Idioten nennen, wenn diese Firma selbst einen Text über Idioten auf ihrer Website präsentiert? Mit einem Musterstück deutscher Gerichtsgebrauchsprosa, die selbst die härtesten Tickerer in Bangalore zur Aufgabe zwingt, ende ich, allen eine gute Woche wünschend: "Der Beklagte unterlässt es zudem bezeichnenderweise darauf hinzuweisen, dass die von ihm erwähnte Rede 'Free Software and the idiots who buy it' von Herrn Rob Enderle verfasst und gehalten wurde, der ein selbstständiger Unternehmer und nicht von der Klägerin oder deren Muttergesellschaft angestellt ist. Die Muttergesellschaft der Klägerin mag diese Rede auf ihre Website gestellt haben, dies tut aber für den hier zu entscheidenden Rechtsstreit nichts zur Sache. Darüber hinaus übersieht der Beklagte die offensichtlich rhetorischen Elemente der Rede. Nicht zuletzt überzeichnet der Redner, Herr Enderle, bewusst und gewollt ironisch und sarkastisch die Auseinandersetzung zum Thema Linux/UNIX und die Anschuldigungen aus der 'Linux-Gemeinde', wie schon am Eröffnungssatz unschwer erkennbar ist. Im Zusammenhang mit diesem sarkastischen Grundton ist auch der Rest der Rede zu lesen, was der Beklagte nicht erkennt. Gleiches gilt für die scheinbar beleidigende Überschrift der Rede, deren sarkastisch/ironischer Ton sich nach Lektüre des gesamten Textes schnell erschließt." (Hal Faber) / (jk)