Träume und Schäume

Ausgespart: Nach knapp zwei Wochen ist ein Kernbestandteil des Energiekonzeptes der Bundesregierung schon wieder vom Tisch.

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Der Mann hat’s echt nicht leicht - kaum ist der Umweltminister halbwegs ohne Gesichtsverlust aus dem AKW-Laufzeitpoker mit den vier großen Energieversorgern raus, steigt ihm die Immobilienlobby aufs Dach. Und wer geglaubt hat, RWE, Vattenfall und Konsorten wären politisch harte Brocken, kann sich jetzt nur noch verwundert die Augen reiben: Es ist gerade mal knapp zwei Wochen her, dass die Bundesregierung die energetische Altbausanierung als Grundpfeiler für ihr “Energiekonzept” verkauft hat – darin stand unter anderem, dass bis 2050 alle Wohngebäude auf einen "Null-CO2-Emissions"-Standard gebracht werden sollen. Jetzt ist damit schon wieder Schluss: Abgeschwächt, aufgeweicht und damit sinn- und zahnlos sind all die Ideen des Umweltministeriums.

Denn gegen die energiepolitisch absolut sinnvollen Pläne liefen postwendend die Verbände der Immobilienwirtschaft Sturm – mit Unterstützung des Bauministers selbstredend. Ach ja, und die Architekten dürfen wir natürlich auch nicht vergessen: Vergangenen Donnerstag hatte die FAZ dazu einen lustigen Beitrag, in dem die Kollegen recht eindrücklich schildern, wohin der gruselige Öko-Stalinismus aus dem Hause Röttgen führen würde. “Die schöne Fassade mit ihren Fenstergewänden und Gesimsen aus Stein würde abgeschlagen, auf den Putz würde eine acht bis zwölf Zentimeter dicke Schicht aus Styropor, Mineralfaser oder Hartschaum geklebt, und nur wenn der Eigentümer ein bisschen Sinn für Ästhetik hätte, würden die Verzierungen später als Nachbildungen aus Putz wieder aufgesetzt. Und falls der Ästhetiksinn des Eigentümers besonders ausgeprägt wäre, würden die nachgebildeten Verzierungen in Material und Farbe vielleicht noch irgendwie an das Original erinnern.”

Von Fördermaßnahmen für Ästhetik aber stehe nichts im Energiekonzept, so die FAZ weiter. Also mache sich Angst breit unter Architekten, denen nicht nur das Klima, sondern auch die Baukultur ein Anliegen wäre. Der Begriff des "Dämmstoffwahns" sei zum geflügelten Wort geworden. "Auf einer Internetseite für Architekturwettbewerbe wurde neulich dazu aufgerufen, Fotos der absurdesten Dämmprojekte einzureichen. Zwar gibt es Sondervorschriften für denkmalgeschützte und schützenswerte Häuser und Fassaden, aber denen unterliegen nicht alle Altbauten – und umgangen werden sie außerdem.”

Ein Glück, dass es jetzt nicht so kommen wird. Man stelle sich das vor: All die hübschen Gründerzeitvillen sehen am Ende so aus, wie die Sozialwohnungsblocks am Rande der Stadt. Man muss eben Schwerpunkte setzen im Leben und wenn es denn gar nicht mehr anders geht, und man die horrenden Stadtwerke-Rechnungen trotz üppiger Boni gar nicht mehr zahlen kann, muss man sich eben mal was einfallen lassen.

Man muss es ja nicht gleich so weit treiben, wie die britische Königin, die laut einem Bericht des Independent jetzt dabei ertappt worden ist, dass sie Heizkosten-Zuschüsse für den Buckingham Palace aus einem Fonds für Bedürftige beantragen wollte. In letzter Minute soll die Gute dann doch wieder davon abgerückt sein, weil sie ein PR-Desaster befürchtet hat, wenn die Aktion öffentlich wird. Na ja, aber ich kann das schon verstehen, denn laut dem Artikel belaufen sich die Gas- und Elektrizitätskosten für das historische Gemäuer mittlerweile auf mehr als eine Million Pfund im Jahr.

Spaß beiseite: Die Idee aus dem Umweltministerium war absolut richtig. Wer ernsthaft Energie – und damit CO2-Emissionen – sparen will, kommt um eine Sanierung des Altbaubestandes nicht herum. Die Effizienzgewinne, die man hier selbst mit einfachen technischen Mitteln erzielen kann, sind abenteuerlich. Im Februar hatten wir im Rahmen eines Heft-Schwerpunktes über die spannenden technischen Möglichkeiten berichtet, an denen überdies gearbeitet wird: Ob Nano-Schaum, Phasenwechsel-Materialien oder Low-Ex-Konzepte. Vielleicht sollten wir mal ein paar der alten Hefte ins Umweltministerium schicken. Damit die noch mal ihre Argumentation nachbessern können. (wst)