Reiseenduro CFMoto 800 MT-X im Test: Gekommen, um zu bleiben

Die CFMoto 800 MT-X bietet europäische Technik, viel Ausstattung und ein Maß an Fahrerlebnis, das bei den arrivierten Herstellern einige Tausender mehr kostet.

vorlesen Druckansicht 6 Kommentare lesen
CFMoto 800 MT-X

(Bild: CFMoto)

Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Michael Praschak
Inhaltsverzeichnis

Es tut sich was auf dem Motorradmarkt. Die wirklich spannenden Neuerungen kommen aber nicht aus Bayern, Österreich oder gar Japan. Chinesische Marken wie Voge, Benda oder auch CFMoto sind gerade dabei, den europäischen Motorradmarkt ordentlich durcheinanderzuwirbeln. Wie das gelingt? Oftmals durch die Kombination von europäischer Technik und asiatischer Preispolitik. Zum Beispiel die CFMoto 800 MT-X. In ihr verschmelzen chinesisches Design, österreichische Motorentechnik und Elektronik aus Schwaben. Das klingt, als könne man hier wenig falsch machen. Oder?

Enduros bei heise Autos

Bereits der erste Blick aufs Motorrad verrät: Der Antrieb der CFMoto 800 MT-X ist ein alter Bekannter. Die Marke CFMoto gehört zum chinesischen Unternehmen Zhejiang Chunfeng Power Co., Ltd., welches neben Quads und ATVs unter anderem den Motor für die KTM 790 Adventure (Test) fertigt – und diesen auch in den eigenen Motorrädern verwenden darf.

Schnelle Fakten zur CFMoto 800 MT-X
  • Entwicklungsbasis war die KTM 790 Adventure
  • Paralleltwin mit 91 PS Leistung bei 8250/min und 86 Nm Drehmoment bei 6500/min
  • Grundpreis 9499 Euro, reichhaltige Assistenz-Ausstattung Serie
  • Testverbrauch etwas ĂĽber 5 Liter
  • Vorteil und Nachteil: Fahrwerk und Bremse mit spĂĽrbarer Offroad-Auslegung

Auch ein optisches Detail lässt bei der 800 MT-X die Nähe zu den Orangen aus Österreich erkennen. Die Form des neben dem Motor weit nach unten gezogenen Tanks findet man so auch bei den Adventure-Bikes aus Mattighofen. Die restliche Erscheinung darf aber als absolut eigenständig bezeichnet werden. Die CFMoto zeigt ein individuelles Gesicht durch eine energisch blickende Scheinwerfereinheit. Neben dem hohen Fender erregt vor allem der mutige Blauton mit dem Namen „Zephyr Blue“ Aufmerksamkeit. Bereits im Stand wirkt die 800 MT-X eher wie ein sportliches Adventure Bike als eine unaufgeregte Reisebegleiterin.

Zum sportlichen Erscheinungsbild tragen der reduzierte Windschild, die schlanke Silhouette und die kaum konturierte Sitzbank mit 873 Millimeter Sitzhöhe bei. Als Erstbereifung wurde der CST Ambro A4 in den Dimensionen 90/90 R21 und 150/70 R18 gewählt, was die Offroad-Ambitionen des Bikes verdeutlicht. CST Ambro A4? „CST“ ist die Abkürzung für Cheng Shin Tire. Das Profildesign des Ambro A4 sieht dem vielfach bewährten Pirelli Scorpion Rally STR zum Verwechseln ähnlich. Ebenfalls direkt auf dem Heimatmarkt werden die voll einstellbaren Fahrwerkskomponenten der 800 MT-X gefertigt. An der CFMoto übernimmt an der Front eine mächtige 48-Millimeter-Gabel von YU-AN die Führungsarbeit, das Feder-Dämpferbein ist ebenfalls Chinaware.

CFMoto 800 MT-X im Test Teil 1 (8 Bilder)

Mit montiertem Kofferset wird die CFMOTO spĂĽrbar hecklastig. (Bild:

CFMoto

)

Um herauszufinden, ob und inwieweit sich die Bauteile von den Markenkomponenten anderer Hersteller unterscheiden, soll sich die CFMoto 800 MT-X in allen Disziplinen beweisen. Auch wenn man bei Reiseenduros an Freiheit abseits befestigter Straßen denkt, beginnt die Reise wie so häufig mit einer Autobahnetappe.

Die sportlich straff ausgelegte Sitzbank der CFMoto gibt hier zwar keinen echten Grund zur Klage, man spürt aber, dass das Polster neben Komfort auch Feedback liefern soll. Etwas störend zeigt sich aber das Abschirmverhalten der dreiteiligen Windschild-Konstruktion. Sie bietet trotz der schmalen mittleren Scheibe guten Windschutz für den Oberkörper, ab 120 km/h sind bei einer Körpergröße von 1,80 Meter und darüber jedoch deutlich Verwirbelungen spürbar. Mit zunehmender Geschwindigkeit werden diese so ausgeprägt, dass die Sicht unklar wird. Auch die Veränderung der Höhe des per Handrad stufenlos einstellbaren Hauptwindschilds schafft keine Abhilfe.

Falls die 800er nicht genĂĽgen sollte

Der für Enduro-Helme typische Schild meines Nolan N70-2 X dürfte die Verwirbelung indes verstärkt haben. Gut auf der Anfahrt macht sich der Tempomat, der zur serienmäßigen Ausstattung gehört, wie auch Kurven-ABS und Schlupfregelung auf Basis einer Bosch-IMU, den drei Modi Standard, Rain, und Offroad, Quickshifter sowie Smartphone-Konnektivität und Reifendrucksensor. Das ist bereits ab Werk mehr als solide. Dank der intuitiven Menüführung und der gelungenen Gestaltung der Schaltereinheiten lässt sich die Elektronik auch ohne Vorkenntnisse spielend erkunden. Das klar gestaltete und hervorragend ablesbare Display tut hier sein Übriges.

Abseits der Autobahn zeigt sich die 800 MT-X im Normalbetrieb dann auch im Hinblick auf Fahrkomfort von ihrer besten Seite. Die CFMoto lässt sich entspannt und leichtfüßig durch Alltagssituationen dirigieren, die Gasannahme ist auch im sportlichen Modus angenehm feinfühlig dosierbar. Der Motor erweist sich als laufruhig, störende Vibrationen sind nicht zu vernehmen.

CFMoto 800 MT-X im Test Teil 2 (7 Bilder)

Hoher Fender, heruntergezogener Tank, besonderes Blau – die CFMOTO 800 MT-X kommt mit eigenständigem Design. (Bild:

CFMoto

)

Richtig Laune macht es, Kurven sportlich anzugehen. Mit ihren 91 PS und den maximal 86 Nm ist die 800 MT-X kein ausgewiesener Kraftprotz, dem Fahrspaß tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Dank der geschmeidigen Gasannahme, des drehfreudigen Motors und des sauber arbeitenden Quickshifters lässt sich das Potenzial des Reihenzweizylinders genussvoll auskosten.

Der CST Ambro A4 leistet sich auf der gesamten Tour keine Schwäche und ist auch bei nassen und kalten Bedingungen ein sicherer Begleiter. Grundsätzlich glänzt die CFMoto mit einem sehr neutralen Fahrverhalten. Es muss jedoch erwähnt werden, dass sie sensibel auf Gewicht auf der Hinterachse reagiert. Das beladene Originalkofferset mit Topcase genügt, um bei hartem Beschleunigen – trotz serienmäßigem Lenkungsdämpfer – einen schlagenden Lenker zu provozieren. Harte Bremsmanöver bei sehr geringer Schräglage mit abrupter Reduktion der Bremskraft scheinen das Phänomen ebenfalls auslösen zu können.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externer Preisvergleich (heise Preisvergleich) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (heise Preisvergleich) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Allgemein ist aber erstaunlich, wie sportlich sich die CFMoto als Adventure-Bike auf Asphalt bewegen lässt. Auf kleinen und kleinsten Nebenstraßen wünscht man sich keine Sekunde mehr Leistung. Den größten Spaß macht es hier, das Aggregat im Bereich zwischen der zweiten und vierten Gangstufe nicht unter 5000/min auszureizen. Nicht ganz so souverän zeigt sich die 800 MT-X auf der Bremse. Bei sportlicher Fahrweise würde man sich auf Asphalt etwas mehr Biss wünschen. Das überrascht, nehmen an der Front der CFMoto doch Bremssättel von J.Juan zwei mächtige 320er-Bremsscheiben in die Zange. Durch den offroadorientierten Ansatz der 800 MT-X ist die zurückhaltendere Auslegung der Bremsanlage vermutlich aber so gewollt. Ein zu aggressives Ansprechverhalten auf losem Untergrund ist ja ebenfalls eine Spaßbremse.

Der Übergang ins Grüne ist mit der 800 MT-X absolut problemlos. Einfach während der Fahrt den Offroad-Modus anwählen und – wo möglich – einfach von der Straße abbiegen. Dort erweist sich das Dreieck aus Sitzbank, Lenker und Fußrasten auch als voll offroadtauglich. Die Rasten sowie die zugehörigen Hebel sind gut positioniert, dank der recht hohen Sitzbank gelingt der Wechsel in eine stehende Position ohne großen Kraftaufwand. Die Lenkstange liegt sowohl bergab als auch bergauf gut zur Hand und der schmale Tank ermöglicht es, sich bei steileren Passagen weit nach vorn zu positionieren. Die gut dosierbare Leistung hilft, im Offroad-Modus bei ausgeschalteter Schlupfregelung auf losem Untergrund die Traktion am Hinterrad besser zu steuern – trotz der straßenorientierten Bereifung. So fühlt man sich nicht nur auf Feldwegen komfortabel, sondern bewältigt auch ausgedehnte Schotterpassagen und Single-Trail-ähnliche Abschnitte, ohne Stress und verkrampfte Arme.

CFMoto 800 MT-X im Test Teil 3 (7 Bilder)

Die Rasten bieten guten Halt, die Hebel sind klappbar. (Bild:

CFMoto

)

Dazu tragen auch die beachtliche Bodenfreiheit von 240 Millimetern und das sportlich abgestimmte Fahrwerk der CFMoto bei. Offroadfahren gelingt auf der CFMoto so gut, dass man sich eher zügeln und immer wieder ins Gedächtnis rufen muss, dass man nicht auf einer leichten Enduro, sondern einem 220 Kilogramm schweren Adventure-Bike unterwegs ist. Denn zur Seite legen will man das Bike ohne Motorschutzbügel auf keinen Fall. Man kann mit der CFMoto problemlos auch gröbere Abschnitte in seine Reise einplanen und längere Etappen abseits vielbefahrener Wege zurücklegen. Dank eines moderaten Verbrauchs von etwas über 5 Liter und 22,5 Liter kann man dann getrost auch die ein oder andere Tankstelle links liegen lassen und sich auf das konzentrieren, was am meisten Spaß macht: Motorradfahren.

Videos by heise

Autobahn, Landstraße, Schotter – nach über 1300 Kilometern mit der CFMoto ist klar: weder in puncto Design und Verarbeitung, noch bei Motorleistung und Fahrverhalten braucht sich die 800er Enduro hinter der europäischen Konkurrenz zu verstecken. Beim Antrieb ist das keine große Überraschung, schließlich ist die Technik bereits vielfach erprobt. Zu einer guten Reiseenduro gehört aber mehr als ein potenter Antrieb – viel mehr. Doch die CFMoto gibt sich keine Blöße und agiert in fast allen Bereichen mindestens auf Augenhöhe mit der internationalen Konkurrenz. Alles wirkt solide, die Ergonomie passt für Durchschnittsmenschen sehr gut, das Fahrwerk funktioniert ab Werk auf Asphalt und abseits befestigter Wege, Vorspannung sowie Zug- und Druckstufe können nachjustiert werden. Ebenfalls bemerkenswert: die Qualität des während des Testzeitraums genutzten dreiteiligen Koffersets inklusive Topcase.

Für einen Preis von 1568 Euro inklusive Halterung erhält man ein robustes System, das mit toller Haptik und einfacher Bedienbarkeit überzeugt – wäre da nicht der Einfluss auf die Fahrdynamik. Die 800 MT-X bietet bei ihrem Grundpreis von 9499 Euro viel Abenteuer fürs Geld, vier Jahre Garantie und Inspektionsintervalle von 15.000 Kilometer. CFMoto macht mit diesem Mittelklasse-Adventurebike eines klar – die Marke ist gekommen, um zu bleiben.