Medienforscherin kritisiert ein generelles Social-Media-Verbot

Analoge Probleme lassen sich nicht mit einem digitalen Verbot beheben und die Alterskontrolle funktioniert nicht wie an der Kasse.

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Fünf Kinder auf einem Fensterbrett, alle starren auf ihre Handys

(Bild: Studio Romantic/Shutterstock.com)

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Social Media für Jugendliche verbieten? Die Sozialwissenschaftlerin Angelika Beranek findet, dass es keine gute Idee ist. Bereits seit Jahren wird zu den Gefahren und dem Nutzen von sozialen Medien geforscht. Darüber haben wir mit der Medienforscherin der Hochschule München gesprochen.

Angelika Beranek, Medienforscherin der Hochschule München

(Bild: Johanna Weber)

heise online: Australien hat den Anfang gemacht. Jetzt wollen viele Länder nachziehen und das Thema taucht überall auf. In der Wissenschaft wird doch aber längst untersucht, wie Social Media wirkt. Warum diese Diskrepanz?

Angelika Beranek: Die Reaktion der Politik ist eigentlich nicht ganz neu. Wir haben den Digital Services Act seit 2022 und da steckt eine gute Regulierung von Social Media mit drin, aber wir haben ein großes Durchsetzungsproblem. Das heißt, die Sachen, die dort eigentlich drinstehen, werden so nicht umgesetzt. Und das hat jetzt, glaube ich, auch dafür gesorgt, dass man gesagt hat, okay, irgendwie klappt das nicht, wir brauchen noch mal ein härteres Instrument, um das Ganze zu regulieren.

Warum Australien auf die Idee kam, weiß ich nicht. Warum es bei uns so diskutiert wird, das ist, glaube ich, relativ klar: Wir haben Wahlkampf. Und es ist natürlich ein Thema, das sehr, sehr viele Menschen umtreibt. Dementsprechend ist es einfach ein gutes populistisches Thema.

heise online: Sie sagten gerade, wir haben den DSA. Wenn ich mir unsere Berichterstattung anschaue, wurden die Artikel dazu lange nicht besonders gut gelesen. Ein Verbot von Social Media hingegen klickt sofort. Ist das eine zu einfach gedachte Lösung für ein komplexes Problem?

Beranek: Die Vorschläge haben ganz viele Ecken und Kanten und Probleme. Aus Sicht der Forschung würde ich sagen, wir müssen mal langsam machen.

heise online: Wir sagen immer, dass Social Media wirkt und gefährlich ist. Das ist eine Art gängige Meinung oder Annahme. Ist das denn überhaupt so?

Beranek: Ja, Social Media wirkt schon. Nur muss man halt genauer hingucken, was da wirkt. Wir haben oft eine Vermischung von verschiedenen Ebenen. Bei Social Media haben wir zum einen die technische Komponente. Da wirken etwa manipulative Designs. Die sind in der Regel dem geschuldet, dass die Betreiber Gewinn machen wollen. Zudem haben wir Social Media als Vermittler von Kommunikation. Soziale Beziehungen wirken immer auf uns. Da ist Social Media eigentlich nur ein Vermittler.

Das Digitale und Analoge lässt sich nicht getrennt voneinander betrachten. Wenn wir über so etwas reden, wie Schönheitsideale, über extremistische Inhalte, wenn es darum geht, dass wir bestimmte Werte, die dort vertreten werden, nicht so gut finden, wenn es um Mobbing geht, dann sind das alles keine digitalen Probleme. Das sind Sachen, die wir auch im Analogen haben und die wir nicht mit einem Digitalverbot lösen werden.

heise online: Es wird oft davon geredet, dass Social Media etwas mit den Menschen macht. Da heißt es etwa, Youtube radikalisiere Menschen. Da ist der Mensch aber in der Betrachtung doch arg passiv, oder?

Beranek: Genau, über dieses Passive sind wir eigentlich seit den 1950ern hinweg in der Medienforschung. Eigentlich. Wir sagen, man ist eben nicht Medien schutzlos ausgeliefert, sondern wir haben erstmal einen Selektionsprozess. Da gibt es einen Forschungs- und Theorieansatz, der nennt sich Uses and Gratification Approach, also Nutzen- und Belohnungsansatz. Und man sagt, wir suchen uns die Medien aus, weil wir eine Belohnung von diesen erwarten. Die Gratifikation ist ganz oft Unterhaltung, das ist etwa die Vergemeinschaftung, also dieses soziale Beisammensein.

Bei Jugendlichen hat es oft etwas mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zu tun und natürlich auch mit Sachen wie Partnerschaft finden. Das sind Nutzungsmotive für soziale Medien. Das ist erst mal in Ordnung und total schön.

Und dann kommt eben dieses ‚es macht was mit uns‘ hinzu. Das sind etwa Algorithmen, die Dinge verstärken. Die werden nicht schaffen, irgendetwas in mir zu wecken, was ich vorher nicht hatte, aber sie verstärken im Prinzip Tendenzen, die ich habe, weil sie mir immer mehr vom gleichen Content anzeigen. Das prägt unterschwellig mein Weltbild.

Eine Studie hat neulich ergeben, dass Männer sich dreimal häufiger in der Öffentlichkeit zeigen als Frauen. Frauen machen das Gleiche, sie machen das aber zu Hause. Sie kochen zu Hause, die Männer kochen in der Großküche. So werden Geschlechterrollen transportiert, ohne dass wir es direkt merken.

Es wird nicht jemand, der total glücklich und zufrieden ist, durch die Nutzung von Social Media unzufrieden. Aber Social Media hat dennoch Auswirkungen. Man darf dabei nicht vergessen, dass man Social Media auch positiv nutzen kann.

Das heißt, wir haben hier gar nicht nur die digitalen Probleme, sondern eben analoge, soziale Probleme?

Beranek: Ja, wir haben die technischen Dinge, die eigentlich im DSA geregelt sind. Und dann haben wir andere Sachen, denen man eher mit allgemeiner Präventionsarbeit begegnen müsste. Das betrifft Menschen jeglicher Altersgruppen. Da geht es um die Frage nach Selbstwirksamkeit, nach Maßnahmen gegen Mobbing – ob in der Schule oder am Arbeitsplatz. Probleme mit dem eigenen Körperbild haben nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene.

heise online: Ich finde, es gibt ganz viel, was man aus Social Media tatsächlich herausziehen kann, ob das Anleitungen fürs Basteln sind, Rezepte, Ideen. Das ist ganz niedrigschwellig. Für andere Menschen kann es viel bedeutsamer sein, über Social Media Gleichgesinnte zu finden oder Vorbilder. Würde man das den Jugendlichen mit einem Verbot nicht auch klauen?

Beranek: Man merkt ja auch, dass es ganz wichtig für Jugendliche ist – denn sie finden sofort Wege, Verbote zu umgehen. Was wir ihnen nehmen, ist eben genau dieser ganze kreative, inspirierende Teil, den Social Media auch hat und der ist genauso groß wie die Gefahren. Dabei könnte man das sogar noch fördern, indem man Jugendlichen mehr zeigt, was man eigentlich alles Tolles damit machen kann.

Social Media ist wichtig, eine eigene Identität zu finden. Wir haben verschiedene Identitätsentwürfe und in meinem direkten Umfeld habe ich nur einen Bruchteil der Identitätsentwürfe, die es eigentlich gibt. Vorbilder zu finden, ist wichtig und vor allem ist es für Jugendliche wichtig, die aus marginalisierten Verhältnissen kommen. Die, die wir eigentlich schützen wollen, genau denen nehmen wir mit einem Verbot ganz viel weg. Denen nehmen wir auch eine Stimme weg. Man darf auch nicht vergessen, dass Social Media dazu dient, Partizipation zu fördern und auch jungen Menschen eine Stimme zu geben.

heise online: Früher hatte wahrscheinlich jeder mit 13 eine Bravo und da gab es eigentlich immer nur die gleichen fünf Typen. Das war es. Wenn ich mir jetzt Social Media dagegen anschaue, dann ist das viel ausdifferenzierter. Wäre es dann nicht besser, heute Social Media zu haben, als das, was wir früher mit der Bravo hatten?

Beranek: Es ist viel weitreichender und auch erreichbarer. Wir haben etwa Kinder und Jugendliche, die aus sehr strengen Elternhäusern kommen, die sonst überhaupt keine Möglichkeit haben, die würden die Bravo gar nicht kaufen dürfen. Die haben über Social Media trotzdem die Möglichkeit, Lebensentwürfe zu finden und sich ein bisschen von ihrem Elternhaus zu emanzipieren.

heise online: War die Bravo also genauso schädlich?

Beranek: Wir diskutieren digitale Medien mehr, weil man mit ihnen interagieren kann. Man kann andere soziale Beziehungen eingehen – auch zu den Stars und Sternchen. Die Identifikation ist stärker. Es gibt ständig neuen Content.

heise online: Es ist auch immer wieder die Diskussion, was Social Media eigentlich genau ist?

Beranek: Ja, das ist für mich eine der richtig großen Fragen. Wenn ich mir das Internet, so wie es jetzt ist, angucke, ist eigentlich fast alles Social Media. Was bei der Diskussion um Verbote oft vergessen wird, sind die ganzen Spiele-Plattformen. Die sind natürlich auch Social Media – sei es Roblox, Steam oder etwas anderes in dieser Richtung. Ich kommuniziere eigentlich überall mit anderen, ich mache Bilder, habe Gruppen.

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Ein großes Problem kriegen wir außerdem mit den ganzen AI-Companion-Apps. Sind die Social Media? Da gibt es auch diverse Probleme, die damit einhergehen, aber natürlich auch positive Sachen.

Ich wüsste gar nicht, wo ich die Grenze ziehen würde. In Australien sind die Kids auch einfach erstmal ausgewichen auf Sachen, die im Prinzip das Gleiche in Grün sind. Statt TikTok war es dann Lemon8. Das soll jetzt auch reguliert werden. Und schon wird es zu einer Art Katz-und-Maus-Spiel. Es wird immer etwas Neues geben und dann verbieten es die Erwachsenen. So treiben wir die Kinder in unregulierte Räume.

heise online: Eine Frage, die, so macht es den Eindruck, ungern gestellt wird, ist die nach der Verantwortung der Eltern...

Beranek: Es gibt eine Sache, bei der sich meiner Meinung nach eigentlich niemand herausreden kann: Das ist die Vorbildfunktion. Es gab ja diesen schönen Satz, der immer Karl Valentin zugeschrieben wird, aber gar nicht von ihm ist: „Es macht keinen Sinn, Kinder zu erziehen. Die machen eh alles nach.“ Die eigene Nutzung hat einen unglaublich starken Einfluss auf die Kinder.

Und natürlich sollten Eltern mit ihren Kindern reden. Ganz wichtig ist halt bei diesem Reden, dass man es nicht niedermacht, nicht sagt, ich nehme deine Welt nicht ernst. Auf die Art: „Ich sage, dieses scheiß Social Media kommt jetzt weg.“ Dann kommt kein Dialog zustande. Aber die Kids sollen ja kommen, wenn sie Probleme haben. Also muss ich sie auch ernst nehmen.

Ich sehe aber auch, dass Eltern Unterstützung brauchen.

heise online: Wie kann man Eltern erreichen? Warum kennen sich beispielsweise so wenige mit den Jugendschutzfunktionen aus, die man bei Social Media einrichten kann?

Beranek: Das Problem mit den Jugendschutzeinstellungen haben wir überall – auch bei Konsolen etwa und Computerspielen. Es wird überall sehr wenig genutzt. Ich glaube tatsächlich, ganz viel aus Unwissenheit heraus. Hinzukommt die Sorge, dass man etwas falsch macht und sich beispielsweise selbst aussperrt.

Und dann ist da die Frage, wie gut diese Funktionen sind. Schwierig finde ich aus pädagogischer Sicht etwa, wenn Eltern plötzlich mitlesen können. Das ist wie das Tagebuch lesen. Das geht nicht. Vieles ist einfach noch nicht richtig gut gelöst.

Aber durch die Verbots-Debatte reden wir immerhin über Algorithmen und dass diese manipulativ sein oder ausgeschaltet werden können. Ich wäre ein Fan davon, wenn wir sie generell ausschalten würden.

heise online: Da wäre noch das Problem der Alterskontrollen …

Beranek: ... Das ist ein Punkt, den ich immer ganz wichtig finde. Aktuell heißt es ja, dass sie das mit dieser EUDI-Wallet machen wollen. Offenbar sind wir uns nicht bewusst, dass das ganz viele Menschen ausschließt. Nur 39 Prozent der Deutschen haben diese Ausweisfunktion aktiviert, davon sollen es nur 22 Prozent jemals genutzt haben.

Es ist halt nicht wie an der Kasse, wo die Kassiererin einen ansieht und nur bei Grenzfällen nach dem Ausweis fragt. Es muss sich jeder ausweisen. Wir sperren Seniorinnen und Senioren aus, aber auch Menschen, die sich nicht ausweisen wollen oder können, Menschen, die das nicht hinbekommen.

(emw)