Dr. Seltsams Postwurfsendung
Warum haben die Paketbomben die Regierung so erschreckt? Es kann doch auch für so genannte Sicherheitsfachleute kein Geheimnis sein, dass Terroristen ihre Ziele nach den vorhandenen Möglichkeiten auswählen.
Da dürfte dem Innenminister aber mächtig der Schreck in die Glieder gefahren sein, als die mit Sprengstoff gespickten Druckerpatronen in Großbritannien aus der Luftfracht gezogen worden sind. Und dem Verkehrsminister hat es vor Schreck gleich ganz die Sprache verschlagen, dabei ist der Ramsauer Peter doch sonst um keinen coolen Spruch verlegen.
Aber was zuviel ist zuviel: Da kommen diese Terroristen nicht nur plötzlich auf die Idee, sich nunmehr nicht mehr höchstselbst gen Paradies fahren zu lassen, sondern schlicht nur noch ihre Feinde zu ermorden. Nein, sie nutzen dazu auch noch die Möglichkeiten moderner Kommunikationstechnik, wie etwa die weltweite Verfolgbarkeit von Pakten per Internet. (Das heißt, wenn die Geschichte denn wirklich wahr ist. Das Internet wäre nicht das Netz, das wir alle lieben, wenn dort nicht schon nach kürzester Zeit diverse Verschwörungstheorien kursieren würden, die eine ganz andere Interpretation der Ereignisse anbieten.)
Wenn wir mal davon ausgehen, dass die Geschichte stimmt, gibt sie erheblichen Anlass zur Verwunderung. Es kann doch auch für so genannte Sicherheitsfachleute kein Geheimnis sein, dass Terroristen ihre Ziele nach den vorhandenen Möglichkeiten auswählen: Wenn die Flughäfen zu gut bewacht werden, wird der Bahnhof zum Ziel - wenn der zu gut bewacht wird, halt das Busterminal.
Eine Sicherheitsstrategie, die sich im wesentlichen auf das Funktionieren technischer Hilfsmittel am jeweils verwundbarsten Punkt verlässt, ist so wirksam, wie End-of-Pipe-Verfahren im Umweltschutz: Man verlagert das Problem, statt es wirklich zu lösen. Ich mag mir einfach nicht vorstellen, dass es im Innenministerium niemanden gibt, der diese Argumente nicht kennt (vorsicht: mehrfache Verneinung). Sorry, aber der Gedanke ist echt zu gruselig.
Wie zitierte der Kollege Ralf Krauter vor einem Jahr in unserem Fokus-Aufmacher zu Sicherheitstechnik so schön: "Ich frage mich manchmal, ob wir die für dumm halten", sagt Stefan Strohschneider von der Universität Jena. Allein auf technische Lösungen zu setzen wäre deshalb kurzsichtig, warnt auch die Ethikerin Regina Ammicht Quinn: "Einen Rüstungswettlauf gegen Selbstmordattentäter werden wir auf jeden Fall verlieren." (wst)