ICANN-Chef wählt sich Schattenkabinett
Der Präsident der Internetverwaltung soll künftig von einem hochrangigen Komitee in Strategiefragen beraten werden.
Ein hochrangiges Komitee soll künftig den Präsidenten der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers in Strategiefragen (ICANN) beraten. Beim Treffen der Internetverwaltung im neuseeländischen Wellington benannte Paul Twomey, CEO und Präsident der ICANN, die ersten Mitglieder dieses als "Strategie-Ausschuss des Präsidenten" vom ICANN-Vorstand im vergangenen Dezember bewilligten neuen Gremiums. Mit von der Partie sind Carl Bildt, ehemaliger schwedischer Premierminister und bereits früher als ICANN-Gutachter berufen, der ehemalige Bildungsminister von Mali, Adama Samassekou, und der lettische Diplomat Janis Karklins.
Samassekou war Präsident der ersten, Karklins der zweiten Vorbereitungsphase des Weltgipfels der Informationsgesellschaft (WSIS), in der das ICANN-Modell zur Internet-Verwaltung und DNS-Steuerung unter Beschuss stand. Twomey führte für das neue Gremium auch den ehemaligen hochrangigen US-Außenministeriums-Mitarbeiter und Ex-ICANN-Direktor Thomas Niles an sowie zwei "bekannte Vertreter" der US-Wirtschaft, deren Namen er noch nicht nennen könne. Die Liste sei noch nicht vollständig, betonte Twomey. ICANN veröffentlichte in Wellington auch den jüngsten Entwurf eines Dokuments über die strategische Ausrichtung (PDF-Datei) in den kommenden Jahren.
Die Ankündigung des neuen "Schattenkabinetts" wurde von der in Wellington versammelten ICANN-Gemeinde überrascht und skeptisch aufgenommen. Der scheidende Chef der Nutzervertretung (At large Advisory Committee, ALAC), Vittorio Bertola, kritisierte die weitgehend klassische WASP-Zusammensetzung ("White Anglo-Saxon Protestant"). Die frischgebackene ALAC-Chefin Annette Mühlberg von ver.di äußerte Verwunderung darüber, dass Twomey keinen Vertreter aus den ALAC-Reihen berufen habe. "Man bekommt doch leicht den Eindruck, dass da mehr von oben nach unten regiert werden soll und nicht mehr von unten nach oben," sagte ALAC-Vertreterin Wendy Seltzer.
Twomey und mehrere ICANN-Vorstandsmitglieder einschließlich des Vorstandschefs Vint Cerf wiesen die Kritik zurück. "Ich sehe nicht, wie man ein Mehr an Konsultation und Rat von außen ablehnen kann", sagte Vint Cerf, Vorsitzender des ehrenamtlichen ICANN-Vorstands. Twomey nannte das Gremium auch mit Blick auf das Ende des Vertrags mit der US-Regierung, der die Aufsicht über die ICANN durch das US-Handelsministerium regelt, von Bedeutung. Als mögliches Aufsichtsgremium kommt das Strategiegremium aber wohl kaum infrage. Zudem ist noch keineswegs klar, ob die US-Regierung die ICANN-Aufsicht – oder wenigstens Teile davon – wirklich aufgeben wird.
Eigentlich, warb ICANN-Direktor Mike Palage, sei das Gremium wohl eine gute Sache. Er verstehe aber, dass es angesichts der aktuellen Vertrauenskrise – verursacht durch den .com-Vertrag mit VeriSign – nicht eben einfach sei, zu sagen: "Vertraut uns einfach!" (Monika Ermert) / (jk)