Konsequente Barrierefreiheit

Mehr Autoauswahl direkt vom Hersteller als in Japan haben Behinderte weltweit wohl kaum. Die Folge ist günstige Mobilität selbst für schwere Fälle von Querschnittslähmung.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Martin Kölling

Mehr Autoauswahl direkt vom Hersteller als in Japan haben Behinderte weltweit wohl kaum. Die Folge ist günstige Mobilität selbst für schwere Fälle von Querschnittslähmung.

Wenn es um behindertengerechte Technik geht, ist Deutschland wohl kein Paradies, aber auch kein Entwicklungsland. Dennoch lohnt sich besonders im Automobilbau ein Blick nach Japan, das in den letzten zehn Jahren angesichts der rapiden Alterung der Gesellschaft einen Entwicklungssprung gemacht hat. Die japanischen Hersteller Toyota, Honda und Nissan bieten ab Werk für jeweils bis zu einem Dutzend ihrer Modelle Varianten an, die entweder schwerst Querschnittsgelähmten das Selberfahren oder Familien die einfache Mitnahme ihrer behinderten Angehörigen ermöglichen.

Bei Toyota ist der Aspekt Behindertengerechtheit mittlerweile so weit in die Autoentwicklung eingesickert, dass bei bestimmten Massenmodellen solche Fragen von Beginn des Designprozesses an mitbedacht werden. Der Einbau von Handgas und anderen Fahrhilfen soll eben nicht nur ein nachträglicher Einfall sein. "Unser Ziel sind Autos, die auch noch Menschen steuern können, die ab dem sechsten Wirbel abwärts gelähmt sind", sagt mir in dieser Woche Hideyuki Iwata, der zuständige Chefingenieur Toyotas.

Die Folge sind behindertengerechte Autos, die teilweise mit den normalen Modellen am gleichen Band produziert und damit zu relativ günstigen Preisen angeboten werden können. Toyotas preiswertestes Rolli-Auto, der Kleinwagen Yaris (in Japan Vitz genannt), beginnt ähnlich wie die "normale" Variante bei 11.000 Euro. Insgesamt füllen Toyotas Modelle und Ausrüstungsvarianten 28 Katalogseiten, mehr als seine Konkurrenten. Kein Wunder: Das Unternehmen hat seit 1996 behindertengerechte Autos mit zur Konzernstrategie erklärt und sogar einen eigenen Markennamen für die Modelle entwickelt: "Welcab", eine Abkürzung von "Welfare", "Welcome" sowie "Cabin".

Dabei zeigen die Japaner einige Ideen auf, die ich bei meinem Check einschlägiger Seiten in Deutschland so nicht gefunden habe. Die Kompaktvans Freed von Honda und Ractis von Toyota (Verso-S) werden auf Wunsch beispielsweise ab Werk mit erhöhtem Dach im Heck ausgeliefert. Über eine Rampe oder einen Lift lässt sich der Rollstuhl mitsamt seinem bis zu 1,85 Meter großen Insassen im Wagen mitnehmen. Der just vorgestellte neue Toyota Ractis senkt sogar das Heck ab und nutzt zwei Festzurrgurte gleichzeitig als Seilwinde, um das Einfahren des Rollis in den Wagen zu erleichtern. Die Rollstühle sind zudem von den Rollstuhlherstellern extra als Autositze entworfen worden, um im Falle eines Unfalls Kräfte bis zu 20 G aushalten zu können.

Darüber hinaus haben die Hersteller nicht nur Beifahrer und Fahrersitze im Angebot, die sich zur Seite drehen oder sogar herausfahren und absenken lassen. Bei Toyota fährt eine Option sogar den Fahrersitz zur Beifahrertür hinaus, damit der auf den Rollstuhl angewiesene Fahrer nicht in den Verkehr aussteigen muss. Der Clou ist aber ein ab Werk erhältlicher Fahrersitz, der außerhalb des Autos als Elektrorollstuhl weiter fährt. Eine weitere Neuerung von Toyota ist eine Dachbox, die seitlich herausschwenkt, einen Haken herunterlässt und dann auf Knopfdruck den Rollstuhl nach oben in die Box zieht und so auf dem Dach verstaut. Damit geht im Innenraum kein Platz für die Familie verloren.

Diese Vielfalt ist Programm in Japan. Das Land hat sich in vielen Belangen dem Universal Design und barrierefreier Mobilität verschrieben. Das erste Konzept setzt darauf, Gegenstände von Anfang an so zu entwerfen, dass sie für eine möglichst große Gruppe von Menschen einfach zu bedienen sind. Das zweite Konzept zielt darauf ab, auch Menschen mit allerlei Behinderungen möglichst lange ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen.

Der Alltag ist in Japan voll mit Beispielen dafür: Auf fast allen Gehwegen und Bahnsteigen sind Wegmarken für Blinde angebracht. Die Fußgängerampeln melden verbal, ob sie rot oder grün zeigen. Treppengeländer von Bahnhöfen sind am oberen und unteren Ende mit Blindenschrift versehen. Milch-Tetrapaks haben eine Einkerbung auf dem Steg, damit Blinde wissen, wo die Tülle ist (was im übrigen auch Sehenden die Öffnung der Milchtüten erleichtert). Die meisten U-Bahnhöfe sind inzwischen mit Fahrstühlen nachgerüstet worden. Bei neuen Straßen wird darauf geachtet, dass die Gehwege ohne hohe Bordsteine auskommen. Um auf Mobilität zurückzukommen, werden mittlerweile Exoskelette angeboten, die muskelschwachen Senioren beim Gehen unterstützt. Und die Autohersteller entwickeln schicke Elektrorollstühle oder bauen inzwischen wie Toyota ein unten abgeflachtes Lenkrad ins Auto ein, durch das Fahrer beim Einsteigen mehr Beinfreiheit haben.

An weiteren Ideen herrscht kein Mangel: "Wenn wir erstmal die Drive-by-wire-Technik einführen, haben wir noch ganz andere Möglichkeiten", sagt ein Toyota-Manager. Ein bisschen in die Gehirnforschung geguckt, könnten sogar bettlägerige Menschen wieder mobilgemacht werden. Toyota entwickelt seit einigen Jahren mit dem Forschungsinstitut Riken an einer Gedankensteuerung für Rollstühle. Der Chefforscher Andrzej Cichocki hat mir einmal gesagt, dass er hofft, die Sensoren mittelfristig im Brillenbügel unterbringen zu können. Aber bevor die Technik beim Auto eingesetzt werden kann, werden die Fahrzeuge sich wahrscheinlich selber steuern. (bsc)