Abkehr von PS-Wahn
Die größte Auto-Tuning-Messe der Welt in Japan wird immer pinker, süßer und modischer. Ist das die Zukunft des Automobils?
- Martin Kölling
Die größte Auto-Tuning-Messe der Welt in Japan wird immer pinker, süßer und modischer. Ist das die Zukunft des Automobils?
Tuning war in Japan schon immer ein Massensport. Seit Jahrzehnten ist das Inselreich das Paradies für diese Personengruppe. Lange nahm sich dabei die deutsche Manta-Fraktion gegen ihre japanischen Geistesgenossen wie Waisenknaben aus, wie ich vor zehn Jahren bei meiner Ankunft in Japan selber leidvoll erfahren musste. Zwar war die Zeit der nächtlichen Autorennen auf den Autobahnen und Ausfallstraßen der Großstädte schon damals weitgehend Geschichte und bohrten die Autofanatiker eher selten die Motoren auf. Aber dafür schraubten sie an die Wagen ihrer Wahl Heckspoiler so groß wie Tragflächen – was optisch meinen Sinn für Proportionen beleidigte. Und vor allem bauten sie bei Minis, Limousinen, Sportwagen oder gar LKW den Auspuff ab – so wenigstens hörte es sich an. Ein getunter Mini mit seinen 660-Kubikzentimeter-Hubraum produzierte Lärm wie ein Lastwagen und regelrechte Bodenwellen, die selbst Häuser erzittern ließen. Ein getunter Laster hörte sich wiederum an wie ein Panzer im Vorgarten und führte kleine Erdbeben hervor. Das war kein Spaß.
Inzwischen hat es sich zwar weitgehend ausgelärmt, weil die Polizei sich vor etwa zehn Jahren entschloss, die illegale Lärmbelästigung nicht mehr konsequent zu überhören, sondern zu ahnden. Nun geht es aber auch noch dem Spoiler-Spirit an den Kragen.
Das zeigte mir ein Besuch auf dem Tokyo Auto Salon, der größten Tuning-Messe der Welt. Sowohl der Augenschein als auch die Bewertung der Fachleute sprechen hier eine deutliche Sprache.
So gesellt sich zum puren PS-Wahn immer mehr das modische Tuning: fesche Felgen, Glasperlen zum Bekleben der Karosserie oder des Armaturenbretts, kunstvolle Lackarbeiten, bei denen sich nackte Schönheiten Stoßfänger und Kotflügel entlang räkeln oder Manga-Mädels Eis am Stiel lutschen. Drei Gründe wurden mir dafür gegeben. So geht erstens die Wirtschaftskrise auch an den Autofans nicht vorüber – und Felgen zu tauschen ist billiger, als am Motor zu fummeln. Zweitens finden die Mädels lärmende PS-Boliden weniger fesch als früher. Und drittens gibt es mehr Mädchen, die ihr Auto genauso süß designen wollen wie ihr Handy – der Prophet der Subkultur, Morinosuke Kawaguchi, lässt grüßen.
Außerdem steigen die japanischen Autohersteller, allen voran Toyota, massiv in das Auto-Tuning ein. Toyota fuhr allein 17 selbst entwickelte Ideen auf, darunter auch solche für den Hybriden Prius und das Kleinstmobil iQ (mit Handgangschaltung, eine Seltenheit im Automatik-Land Japan). "Wir wollen den Menschen den Spaß am Fahren zurückgeben, wir wollen die Einstellung der Menschen zu Autos ändern", erklärt ein Toyota-Ingenieur den Vorstoß.
Denn die japanischen Hersteller leiden daheim immer stärker unter dem Trend, dass die Menschen Vehikel immer mehr als Transportmittel und nicht mehr auch als Leidenschaft ansehen. Nicht nur sinkt die Zahl der Autokäufer, immer mehr junge Leute machen nicht einmal mehr einen Führerschein (und sind damit vielleicht Trendsetter für die globalen Mega-Stadtbewohner in Industrieländern). Das Auto verliert bei ihnen seinen emotionalen Charakter, den der Konzern wieder eindesignen möchte. "Handschaltung macht mehr Spaß", bekennt der Ingenieur. Fünf bis zehn Jahre wird es allerdings brauchen, bis die Bemühungen der Kundenumpolung fruchten werden, glaubt der Ingenieur.
Ein weiterer Messetrend: Es werden immer mehr westliche PS-Boliden getunt, weil den Japanern selbst Luxusautos nicht einzigartig genug sind. Nirgendwo auf der Welt erfahren selbst Ferraris eine so individuelle Nachbearbeitung wie in Japan, wurde mir gesagt.
Und Japans Tuning-Begeisterung breitet sich global aus. "Der Trend fängt an, in Europa und China zu greifen", sagen zwei Exporteure von japanischen Tuning-Gütern. Sie haben sogar von einem Toyota-Lexus-Händler in Deutschland den Auftrag für die Umgestaltung eines iQ erhalten. Er will damit offenbar Kunden in seinen Autosalon locken.
Doch natürlich wird auch noch die alte Klientel japanischer Tuning-Schmieden bedient. Für Lärmfans sind es statt Motorenlärm nun Mega-Musikboxen oder LED-Beleuchtungen. Auch die harten Jungs der Semi- und Voll-Unterwelt und ihre Fans werden bedacht. An einem der größten Stände verscherbeln gefährlich aussehende junge Herren mit Dauerwelle und Sonnenbrille schwarze Sechs- bis Zwölf-Zylinder-Boliden mit getönten Scheiben.
Ich bezweifle allerdings, dass dieser Trend zum Mode-Tuning den emotionalen Wertverlust des Autos, der durch den immer weiteren Einsatz von elektronischen Fahrhilfen noch vorangetrieben wird, aufhalten kann. Denn zumindest in Japans proppenvollen Metropolen, wo schon ein vorgeschriebener Parkplatz leicht 300 Euro monatlich kosten kann, macht es auch künftig immer weniger Sinn, ein eigenes Auto zu besitzen. Allenfalls eine Umverteilung innerhalb der verbliebenen Autokäufer wird es geben. Neue Mobilitätssysteme wie Toyotas elektrischer dreirädriger Rollstuhl i-Real haben wahrscheinlich größere Aussichten, die verlorenen Käuferschichten wieder zu begeistern. (bsc)