Wolfgang Ziebart setzt im Infineon-Chaos auf das Prinzip Hoffnung
Während der 55-jährige Infineon-Chef in Kärrnerarbeit versucht, die zahlreichen offenen Baustellen im Konzern zu schließen, regiert um ihn herum das Chaos.
Wolfgang Ziebart ist derzeit um seinen Job als Infineon-Chef nicht zu beneiden. Während der 55-Jährige in Kärrnerarbeit versucht, die zahlreichen offenen Baustellen im Infineon-Konzern zu schließen, regiert um ihn herum das Chaos. Vorstandskollege Andreas von Zitzewitz ist wegen Korruptionsverdachts zurückgetreten, Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley steht im Kreuzfeuer der Kritik und der Branchenabschwung lässt die Verluste des Unternehmens weiter steigen.
"Ich konzentriere mich auf das operative Geschäft", sagte Ziebart am Dienstag bei der Vorlage der Quartalszahlen. Erst auf Nachfrage räumt er mit Blick auf den derzeitigen Schmiergeldskandal ein: "Die Aufarbeitung der Vergangenheit hätte ich mir und allen Mitarbeitern gerne erspart." Nach dem Schmiergeldskandal soll aber nun die Prüf- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young die internen Prüf- und Kontrollsysteme bei dem Chipkonzern unter die Lupe nehmen. Infineon sei an einer umfassenden Aufklärung der Vorwürfe interessiert, sagte Ziebart. Allerdings sei die Aufarbeitung der Geschichte nicht die wichtigste Aufgabe. Vor allem müsse das Unternehmen auf einen zukunftsträchtigen Weg gebracht werden.
Nach dem egozentrischen Vorstandschef Ulrich Schumacher, der vor gut einem Jahr abgelöst wurde, sollte mit Ziebart Ruhe ins Unternehmen einkehren. "Er ist das Gegenteil von Schumacher", sagt Infineon-Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. "Er ist ruhig, aber bestimmt in seinem Managementstil." Ob er aber mit seiner Strategie auf dem richtigen Weg sei, müsse sich noch zeigen. Im abgelaufenen Quartal verdoppelte sich der operative Verlust im Vergleich zum Vorquartal auf 234 Millionen Euro. Ziebart setzt da auf das Prinzip Hoffnung: Infineon mache große operative Fortschritte, wenn sich die Branchenlage verbessere, werde man die auch sehen.
Ziebart kam vom Reifenhersteller Conti. Es habe ihn gereizt, einmal einen Konzern zu führen, hieß es in seinem Umfeld. Da bei Conti für den ehrgeizigen Vize die Übernahme des Vorstandsvorsitzes nicht in Sicht war, wechselte er demnach an die Spitze von Infineon. Der Zeitpunkt war undankbar. Als Ziebart im vergangenen September sein Amt antrat, zeichnete sich schon das Ende des diesmal nur kurzen Aufschwungs im Schweinezyklus der weltweiten Halbleiterbranche ab. Er hätte sich schon einen stabilen Markt gewünscht, um die Restrukturierung in einem einfacheren Umfeld anzugehen, räumte Ziebart am Dienstag ein.
Seit seinem Amtsantritt hat sich zumindest die Atmosphäre verbessert. Der neue Chef gilt im Unternehmen als uneitel und teamorientiert. Wo Schumacher Vertraute auch einmal öffentlich zusammenstauchte, ist inzwischen ein umgänglicherer Ton eingekehrt. In der Sache allerdings kann Ziebart knallhart sein. Bis ins letzte Detail arbeitete sich der Manager in die Halbleiter-Technik ein, um die Problembereiche zu identifizieren. Als einen großen Schritt ordnete er die Schließung des Münchner Werks an, eine Entscheidung, die unter Schumacher wohl für noch wütendere Proteste gesorgt hätte.
Schon Ziebarts Vater Erwin war Manager. Er leitete die Entwicklung im Vorstand von Krauss-Maffei und war Chef des Autozulieferers ZF Friedrichshafen. Sohn Wolfgang schloss 1973 sein Maschinenbau-Studium an der Technischen Universität in München als Diplom-Ingenieur ab. Drei Jahre blieb er an der TU, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mechanik und promovierte 1976. Im Anschluss ging es zu BMW, wo Ziebart schnell aufstieg. 1999 rückte der Entwickler in den Vorstand auf. Er wurde berufen, als Vorstandschef Bernd Pischetsrieder über das Rover-Problem stolperte. Doch im Zuge der Trennung von Rover musste er im Frühjahr 2000 gemeinsam mit zwei weiteren Vorstandsmitgliedern gehen. Noch im selben Jahr fing er als Vorstandsmitglied bei Conti an.
Infineon kannte Ziebart bereits aus Kundensicht, er konnte insbesondere seine Expertise in der Automobilelektronik und gute Kontakte zu den Kunden in diesem Bereich einbringen. Allerdings läuft der Takt in der Autobranche deutlich langsamer als in der schnelllebigen Chipbranche. Ob Ziebart das Problemunternehmen richtig in den Griff bekommt, muss sich nach Einschätzung von Experten erst noch erweisen. (Axel Höpner, dpa) / (jk)