Was war. Was wird.
Ganz, ganz selten hat der Schwerarbeiter eine leichte Stunde, kann die Mühen der Informationsüberflutung vergessen und mit fröhlichem Gemüt auf Entenjagd gehen. Derweil ist Hal Faber auf der Suche nach der perfekten Welt.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Ich beginne heute mit einer sehr ernsten Bemerkung in eigener Sache: Journalisten sind nach neuesten Erkenntnissen aus Österreich Schwerarbeiter. Ächzend wuchten sie tiefsinnige Sätze ins Blatt oder auf die Website. Nur wer weiß, wie schwer Tiefsinn ist, wird einen Hauch Ahnung von der journalistischen Maloche haben, wird ermessen können, wie die Stachanowisten der Texte Wörter aus dem Bergwerk der Sprache brechen und mit Kommas, Punkten und dergleichen schmücken: "Denn, Journalisten arbeiten ihr ganzes Leben lang unregelmäßig, viel, in der Nacht und unter ständigem Stress." Dazu wird der allnächtliche Missbrauch des Encephalon auch noch schlecht bezahlt, auch wenn es hier und nicht da löbliche Ausnahmen gibt.
*** Doch nicht nur die Arbeitsbedingungen sind katastrophal. Wenn wir Schwerarbeiter uns an der Pyramide der Sprache quälen, schlägt die Stunde der Denunzianten, die latürnich auf jeden Fehler lauern. Nein, der Journalismus ist wahrlich kein Zuckerschlecken, eher ein Salzstreuen und manchmal halt ein ungesundes Arschkriechen, wie dieser kleine Dialog zeigt. Er kündet von der besonderen Schwere des investigativen Journalismus, wie ihn nur die Wirtschaftsmagazine stemmen können. Dort, wo die härtesten der Schwerarbeiter jeden Pfurz der New Economy zu einer pfiffigen Idee verklärten, scheint die Rache besonders salzig zu sein. Wenn Journalisten mit dem Wissen um einen nom de plume es mit Erpressungen versuchen, dann muss man im Sinne unserer österreichischen Kollegen wohl von einem besonders besorgniserregenden Krankheitsbild sprechen.
*** Ganz, ganz selten hat der Schwerarbeiter eine leichte Stunde, kann die Mühen der Informationsüberflutung vergessen und mit fröhlichem Gemüt auf Entenjagd gehen. Ja, verwundert registrieren die professionellen Satzdrescher, dass es Menschen gibt, die dieses Märtyrium freiwillig tun, die keine Skrupel haben, die Informationsfluten kostenlos zu vergrößern. Die Verwunderung wuchs in dieser Woche, als die deutschen Wikinachrichten ausgerechnet mit einer hübschen Ente zu einem durchaus ernsten Anlass starteten.
*** In dieser Woche starteten nicht nur die Wikinachrichten, sondern auch ein Blogging-Service von Microsoft, der in der weiten Welt der Blogs prompt ausgiebig kommentiert wurde. Die Zensurfunktion, mit der ungebĂĽhrende Worte ausgeschlossen werden, verdient dabei besondere Beachtung. BegrĂĽĂźen wir also die Corporate Prostitute Chronicles: China ist natĂĽrlich weit weg.
*** In der wilden weiten Welt des Günthernet ist Katty Ko zur schönsten virtuellen Frau der Welt gewählt worden. Eine Gratulation auch für den renommiertesten Unternehmer und das barrierefreieste Online-Banking der Welt. Eigentlich kann es nie genug Preise geben, denn die Welt ist voller Wunder. Es gibt den Bambi und den Goldenen Gong, es gibt WIR, den Wilhelm- und Ingeborg Roloff-Preis, doch die richtigen Schwerarbeiter in den Wortschächten haben nichts dergleichen. Pulitzer und Wolff wollen wir einmal beiseite lassen, wenn es um die goldene Anstecknadel für lebenslänglich unregelmässig unter Stress arbeitende Journalisten geht. Für den köstlichen Vergleich des iPod mit einem Toyota Camry bekommt Andrew Kantor die Nadel der Woche.
*** Mit Makelovenotspam konnte Lycos nichts gewinnen, jedoch die Erinnerung an einen alten Aphorismus auffrischen. In einer perfekten Welt verschwindet Spam. Bill Gates mag Spam nicht, aber er hat ja auch eine ganze Abteilung, die ihm als meistbespammten Mensch der Welt die Inbox putzt. An dieser Stelle kann ich mir einen Hinweis auf die neue Spam-Direktive der Europäischen Union nicht verkneifen. Sie enthält eine lustige Gebührenordnung, von 145 Euro für Spam an Privatpersonen bis zu 450.000, wenn Spam politische Entscheidungsprozesse behindert.
*** Was ist eigentlich eine perfekte Welt? Ganz sicher eine ohne Schwerarbeiter. Eine Hölle? Ein nach Vanille duftender Himmel voller Elfen? In einer perfekten Welt schmeißt man die ollen Handys weg und schon werden sie als Sonnenblumen weiterleben. In einer perfekten Welt gibt es keine bösen und guten Pflanzen, keine Patente, keine abstürzende Software und nur fehlerfreie, sich selbst reparierende Computer, die der Mensch liebt.
*** In den USA soll Bernard Kerik die 180.000 Kämpfer der Homeland Security führen, nach dem Tom Ridge seinen Rücktritt erklärt hat. Mit Kerik, Polizeichef in New York am 11. September, kommt ein harter Polizist auf den Posten, der als "Terminator von Bagdad" die Polizeitruppe im Irak aufgebaut hat und als ausgesprochener Fan der umstrittenen Biometrie gilt. Kerik sitzt im Vorstand der Firma Taser, die journalistische Schwerstarbeiter zu Demonstrationszwecken grillt.
*** "Live Rough and More!" ist nicht mehr. Mit großer Trauer nehmen wir vom großen Nürnberger Kevin Coyne Abschied, der bis zum Abgang mit 60 Jahren Lieder mit Beißsperre sang: "The World is full of Fools" brüllte er dereinst im Rockpalast zur dümmlichen Anmoderation als "kauzigster Bluessänger". Der Maler und Musiker wurde durch zahlreiche Peel-Sessions bekannt und überlebte seinen Mentor nur kurze Zeit. Marjorie Razorblade wird wohl der größte unterschätzteste Rocksong aller Zeiten bleiben. An einem traurigen Tag wie heute, als Monty Python vor 30 Jahren das letzte Mal auf BBC gesendet wurde, kommen wir zum Ende.
Was wird.
SCO ist keine Softwarefirma, die Open Source zum Entgleisen bringen kann. Historische Ehre hat sie sich verdient, weil nunmehr die Abmachungen veröffentlicht sind, die vor zehn Jahren als bestgehütetes Geheimnis der Softwarebranche galten. Ansonsten ist die Santa Claus Organization sicherlich die wichtigere Firma. Morgen tritt sie Aktion und säubert die Schornsteine. Vor 65 Jahren ließ Orson Welles in einer Dickens-Adaption ein Hörspiel vom Stapel, in dem finnische Truppen als Schergen der Nationalsozialisten in einem Blitzkrieg am Nordpol die Stellungen des Nikolaus überrannten und die Rentiere abschlachteten. Die drastische Warnung vor dem Faschismus trieb den Sponsor Campbell mit seinen Dosensuppen fast in den Ruin.
Welles' Spektakel wurde nur von einer Nikolaus-Show überboten, die Ayn Rand 1951 produzierte, die Kinder wimmernd und weinend in der dunklen Tundra herumirren ließ, ihr letzes Taschengeld dafür bietend, dass Santa Claus wieder erscheinen möge. Darum endet heute zuversichtlich gestimmt und leise summend, die Wochenschau eines Schwerarbeiters mit den letzten Sätzen eines Appells: "Es ist an der Zeit den Christus aus Christmas zu entfernen und die Feiertage in eine unschuldig egoistische, vernünftige, weltliche und kommerzielle Feier zu verwandeln." Das ganze heidnische Brimborium mit Tannenbäumen, Rentieren und Völlereien muss abgelöst werden. Dafür gibt es Fahrpläne. (Hal Faber) / (anw)