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Was war. Was wird.

Schon wieder? Aber ja, freut sich Hal Faber: Alle Kategorien und Werte sind zertrĂĽmmert, da bleibt nur das vernĂĽnftige Wesen. Hal Faber jedenfalls gibt die Suche nicht auf.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich weiß, es nervt. Schon wieder ein WWWW, nix von wegen Sparen und Zusammenfallen. Größenwahnsinnig wie Harald Schmidt, oder was? Aber nicht doch. Schrieb nicht schon Heinrich Heine über den Notwendigkeitsgedanken bei Kant, dem guten Diener Lampe ein festes Gerüst zu geben, nachdem alle Kategorien und Werte zertrümmert sind? So ist es. Es ist halt Sonntag und damit ist unabhängig vom Jahreswechsel das WWWW der abgelaufenen Woche fällig. Immerhin: Dieses nigelnagelneue, schicke 2005 wird dann passender mit einem Übertritt am Wochenende abgehakt werden können, wenn wir ins Wahljahr 2006 schlittern. Am Ende passt alles, wusste schon Shakespeare.

*** Heute mache ich es darum besonders kurz, etwa so kurz wie der groĂźe, gestern zu Ende gegangene Wettbewerb namens Jentzschs VerschlĂĽsselungsaufgabe. Der Webseite nach zu urteilen ist der Sieger leer ausgegangen. Ob Rolf Jentzsch noch die Chance hat, so berĂĽhmt wie Sarah Flannery zu werden?

*** Im grellen Licht der Dauerberichterstattung über die Flutkatastrophe möchte ich an einen erinnern, der heil davongekommen ist und doch seit Jahren hartnäckig, aber vergeblich für das Projekt WARN warb. Nun soll ein Frühwarnsystem nach Zusagen der indischen Regierung kommen, auch wenn es noch zweieinhalb Jahre dauert, bis es installiert ist. Es kostet übrigens nur 20 Millionen Euro. Von Arthur Clarke schweifen die Gedanken zu Isaac Asimov, der heute seinen 85. Geburtstag zu feiern hätte, aber an AIDS nach einer Bluttransfusion starb. In den 50er Jahren beschrieb er Raumstationen, die die Erde vor Naturkatastophen warnen sollten.

*** Noch weiter zurück liegt die Publikation dieser Sätze: "Ein Gespenst geht um in Europa -- das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet ..." Ja, das vor 157 Jahren zum Jahreswechsel geschriebene Kommunistische Manifest ist gemeint, das im fünften Satz sehr selbstbewusst klingt: "Der Kommunismus wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt." Vor mir liegt, edel in rotem Samt eingebunden, A Hacker Manifesto, das im gleichen Ton beginnt: "Ein Gespenst geht um in der Welt, das Gespenst der Abstraktion." Was darauf folgt ist eine Beschreibung der Hacker als der Gilde der Edelleute des noch recht neuen Jahrtausends. Die Lichtgestalt des Hackers als Erbe der Aufklärung und Motor der Geschichte bekommt manchmal Schrammen, wenn sie in der Realität auftaucht. Bestens zu sehen beim Kongress der üblichen Verdächtigen, die mit großer Wichtigtuerei tollste Spielplätze für Systemeinbrüche bei Apple oder riesige Datenschutzlücken beim deutschen Gesundheitswesen entdeckten und mit einem Massenhack ihre Bedeutung unterstrichen. Schaut man genauer hin, ist Mac OS X nicht schlimmer dran als andere Betriebssysteme und auch die Verschlüsselung bei der eMammaAkte im PaDOK/D2D-System der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein ist problematisch, doch längst noch nicht Standard für das elektronische Gesundheitswesen. Wenn das Hacker-Manifest verkündet, dass Hacker keine Ethik brauchen, weil sie vom Wunsch nach Freiheit getrieben werden, dann kann man das auch anders ausdrücken: Der Sandkasten gehört zum Aufwachsen wie die Spiegelphase zur Bildung der Ich-Funktion.

*** Für Heiterkeit zum Jahreswechsel sorgte die Geizistgeil-Meldung vom Laptop-Käufer aus Hagen, der eine Laptoptasche mit zwei Wasserflaschen kaufte. So zeigt sich wieder einmal, dass Laptops zu den absolut unterschätzten Geräten gehören. In dieser Hinsicht geht das Lob an den Laptop-Hersteller Gericom, mit dem Skispringer Tian Zhandong die Weltelite zu schocken. China, das Land ohne Schanze, lässt fast den großen Ediie vergessen. Mögen sie in China also weiterhin all die Thinkpads und iBooks und natürlich Gericom-, Dell- und HP-Laptops bauen, auf denen wir dann schreiben, wie schlecht es mit der Demokratie aussieht, dort in China. Wie mit den Skischanzen.

*** Seit ihrem 1978 erschienenen Buch "Krankheit als Metapher" wusste man, dass Susan Sontag gegen den Krebs kämpfte. Am vergangenen Dienstag war der Kampf verloren. Susan Sontag starb im Alter von 71 Jahren. Ein weiteres ihrer Bücher, "Das Leiden anderer betrachten", behandelte die Kriegsfotografie vor Abu Ghraib und ist in diesen Tagen eine gute Lektüre. Als streitbare Intellektuelle gehörte sie zu den unbeliebtesten Amerikanerinnen. Ihre bekanntesten Sätze schrieb sie wohl zum Anschlag auf das World Trade Center: "Und wenn man das Wort 'feige' in den Mund nimmt, dann sollte es besser auf jene angewandt werden, die Vergeltungsschläge aus dem Himmel ausführen, und nicht auf jene, die bereit sind, selbst zu sterben, um andere zu töten." Das mit Schönheit und Selbstbewusstsein geführte Leben der "neugierigsten Person der Welt" (so Sohn David) hat viele gestört, aber ebenso vielen die Augen geöffnet. Ihr Werk bleibt uns, damit die letzte Gruppe wachsam wachsen kann.

*** Auch Artie Shaw, der "Intellektuelle" unter den großen Bigband-Leadern des Jazz, ist nicht mehr auf dieser Erde. Wie Susan Sontag verkrachte er sich mit seinen Fans -- Shaw, als er als weißer Musiker mit Billie Holiday eine schwarze Sängerin engagierte. Im Jahre 1954 legte Shaw mitten in einem Konzert seine Klarinette weg und rührte sie nie wieder an, aus Angst vor einem Perfektionismus, der ihn mental zu ruinieren drohte. Im vergangenen Jahr erhielt er für sein Lebenswerk den Grammy. Ein Link auf seine Musik entfällt an dieser Stelle. Was würde der Perfektionist wohl denken, wenn seine Stücke, durch DRM-Systeme verunstaltet, die Surfer mit Pop-Up-Werbung bombardiert, sofern sie Windows benutzen?

Was wird.

Viel ist es nicht, was sich in der nächsten Woche in der Computerei ereignet. Selbst in der größten IT-Seifenoper der Welt, mit SCO in der Hauptrolle, tut sich nichts, da alle Januar-Termine verschoben wurden. Derweil soll bei der Muttergesellschaft Canopy Group der Schmeißbär steppen und "raus" zu jedem Angestellten brüllen, der an den ganzen verschachtelten Firmenbeteiligungen mitstrickte.

Ich weiß, dass diese Überleitung hakt, aber vielleicht hilft es, sich derweil mit Canopy Broadband von Motorola zu beschäftigen, das nun den deutschen Markt erobern will. Oder wie wäre es mit Spekulationen über Apples neue geheimnisvolle iPod-Telefone und Billig-Macs? Wie schade, dass die Journalisten erst in der nächsten Woche nach Hamburg gekarrt werden, um von dort aus atemlos der Jobs-Keynote von der MacWorld zu lauschen.

Wer den wirklich langen Atem hat, wird sich erweisen. "Es wird uns zwar, so wie anderen Zeitungs=Schreibern, nicht möglich sein, die Weltbegebenheiten früher anzuzeigen, als sie geschehen sind; oder, als sie auswärtige Zeitungen der Welt berichten. Aber doch haben wir Anstalten getroffen, vermittels der besten Französischen, Englischen, Italienischen, Holländisch= und Deutschen Zeitungen, und auch durch zuverlässige Privat=Correspondenz die Nachrichten immer so bald zu erhalten, und in unsere Zeitungen einzurücken, als es andere von unseren Nachbarn thun können. Die Beschleunigung der Pränumeration wird uns eine wichtige Aufmunterung sein, für die Sache selbst; und wenn wir anfänglich eben nicht das leisten, was wir gerne leisten wollen, so bitten wir zu bedenken: Daß alle Anfänge schwer seyen, und daß wir von einer Woche zur anderen unsere Einrichtung verbessern, und der Zeitung selbst dadurch, mehr Interesse geben werden." Nein, das ist nicht der Anfang einer neuen schnellen Wikipedia. Das ist die erste Nachricht der ersten Ausgabe der Zürcher Zeitung vom 12. Januar 1780, dem Blatt, das heute sinnig Neue Zürcher Zeitung heißt und mithin die einzige Zeitschrift ist, die in ihrem Online-Archiv die Ausgaben aus dem Jahre 1789 bereithält, als man in Frankreich zur Sache schritt. Die ordentlichen Seewirte feiern erst in ein paar Tagen, doch ihr Blatt hat bereits jetzt angefangen, einen Blick in die neuere oder ältere Geschichte zu werfen. Oh, nun habe ich auch noch mit Schleichwerbung für meine Lieblingszeitung genervt -- das neue Jahr fängt ja gut an: "Das vernünftige Wesen muß sich jederzeit als gesetzgebend in einem durch Freiheit des Willens möglichen Reiche der Zwecke betrachten ..." (Hal Faber) / (jk)