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Was war. Was wird.

Anarchie! Und kein Verstummen. Technolibertäre Selbstüberwachungsphantasien der in letzter Zeit über den grünen Klee gelobten Geeks sind jedoch die wahre Nachtmahr, ist sich Hal Faber sicher.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.


*** Was Hund ist, schweigt noch immer. Kein Ton. Kein Klavier. Und Flugzeuge leidvoll über uns. Nein, das ist keine stumme Kolumne. Wie vor 5 Jahren wird hemmungslos gebellt an der Medienfront. Schließlich ist auch dieser merkwürdige Stellvertreterkrieg im Irak vorüber und Osama bin Laden tot. Alles wird gut, alles ist gut geworden. Alle, die es immer gewusst haben, schreiben, dass sie es immer gewusst haben. Sonderseiten, na klar, und Verschwörungstheorien noch und nöcher. Immerhin gibt es redliches Bemühen, die vielen Mosaiksteinchen nicht gewaltsam in das schiefgelegte Weltbild zu pressen. Doch auch dabei haben Stimmen, die nachdenklich die Verantwortung des Intellektuellen einklagen, kaum die Chance, gehört und debattiert zu werden. Im ganzen Web sucht man vergeblich nach dem "Ich habe die Verantwortung, mich meines Verstandes zu bedienen"-Button.

*** 3,2 bis 4 Billionen US-Dollar wurden dem Infoporn der Wired zufolge in den USA für den "Krieg gegen den Terror" ausgegeben. Nüchtern betrachtet, entstand dort der größte, technisch anspruchsvollste Überwachungsstaat der Welt, während das Geld für Sozialreformen fehlte. Wenn diese Informationen stimmen, gab es zeitweilig sogar die Gefahr, dass die USA eine Diktatur werden – dann hätte bin Laden wirklich gesiegt. So musste Obama die Kriegsverbrechen der Regierung Bush übergehen und bin Laden töten, in einem gespaltenen Land mit der Operation Geronimo kontern und mit gespaltener Zunge sprechen. "Wir haben das Pearl Harbour des neuen Jahrhunderts auf den Bildschirmen gesehen, wieder und immer wieder, und warten auf sein Hiroshima", schrieb ich vor 10 Jahren. Das ist bislang ausgeblieben.

*** Zu den Errungenschaften des asymmetrischen Krieges gehört zweifelsohne der elektronische Reisepass mit biometrischen Informationen, das Sicherheitstheater an Flughäfen und ganz, ganz neue Körperscanner, von denen Aufnahmen im Namen der staatlichen Sicherheit flugs verboten werden, damit Terroristen keine Rückschlüsse zur Kampfstoffschleusung ziehen können. Nicht nur bei Scanner-Produzenten und biometriegetriebenen Aufpassern klingeln die Kassen. Eine prosperierende Sicherheitsindustrie ist entstanden, die wunderbar die Militärforschung ergänzt, die Systeme für "unsere Jungs in Afghanistan" entwickelt und entsetzlich unter Kursschwankungen zu leiden hat. Man könnte auch die Dauer-Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung zu den Errungenschaften zählen, wenn passend zum Jubiläum Terroristen geschnappt und alte Reflexe ausgelebt werden. Inmitten der akuten, höchst bedrohlichen Terrorgefahr sollte man diesen Satz der Tagesschau einmal im Hinterkopf behalten: "Kauder verlangte außerdem, im Berliner Terror-Verdachtsfall zu prüfen, inwieweit das Löschen von Kommunikationsdaten die Ermittlungen erschwert habe." Die immer wieder aufgestellte Behauptung der im zierckanischen Nichts herumtappenden BKA-Experten könnte endlich verifiziert oder falsifiziert werden. Vielleicht kommen weitere lustige Geschichten von Spion und Spion ans Tageslicht.

*** Im Dezember 2001 beschäftigte sich die Ausgabe der US-Zeitschrift Wired ausführlich mit 9/11. Viel Beachtung fand der Artikel The Surveillance Society mit der Aussage: "Worrying is a waste of time. Surveillance is here. It was inevitable." Ein Überwachungsstaat werde es dennoch nicht geben, meinte der Wired-Autor Adam Penenberg und endete unter Berufung auf den SciFi-Autor David Brin: "In the long run, it will be people – empowered by the surveillance web – who thwart the thugs, the tyrants, and even the terrorists." Damals stellte die Wired-Kritikerin Paulina Borsook fest, dass schlimmer als die Spitzelei durch CIA und andere Schlapphüte die Bespitzelung durch eine Bande vernetzter Geeks mit technolibertärem Background sein dürfte, die selbst gekürte Standards setzen. 10 Jahre später schweift mein Blick auf die Pläne von Peter Thiel zum "Seastading" neuer Staaten auf Inseln im Meer und wendet sich ab vom perfekten Überwachungsstaat. Cyberegoistisch gesehen sind die Inseln ein Triumph der Geeks. Die perfekte Tele-Polis als Antwort auf Obama bin Laden und seine Fiktion vom einfachen Leben der Koranbrüder, das ist die Neufassung von "Berge, Meere und Giganten."

*** In dieser Woche ist die deutsche Ausgabe von Wired erschienen, die etwas rätselhaft in der tageszeitung so beschrieben wird: "Wired ist darin ein publizistischer Verwandter des schillernden Onkels Apple, die ct vom schlauen, aber spröden Cousin Linux-Thinkpads. " Der Leser dieser Wochenschau ist also schonmal vorgewarnt, wenn jetzt eine Kritk der Masturbationsvorlage für Geeks folgt. Das Blatt beginnt mit einer Erklärung der Satellitennavigation, die offenbar nur für iPhones gedacht ist und endet im Kulturteil mit TV-Serienempfehlungen des Werbepartners Sky. Dazwischen gibt es ordentlich Schelte für Deutschland, die gar nicht einmal falsch ist: der elend verschleppte BOS-Funk der Polizei, die grandios verbaselte Suchmaschine Theseus, der Flopp von ELENA, der elektronische Personalausweis, der immer noch mehr Versprechung denn Geek-Kärtchen ist oder so etwas simples wie das Verkehrsystem Ruhrpilot: IT-Müll, wohin man schaut und keine Aussicht, dass es einmal besser werden könnte. Doch halt, die Wired hat das Rezept! Die Rettung sollen Geeks bringen, die in entsetzlich belanglosen Geschichten vorgestellt werden. OK, sie mögen die Fotografie revolutionieren oder gute Gedanken zum Cyberwar haben (aber dabei technisch ahnungslos wie eine Bohne sein): geschenkt. Keiner der aufgeführten Personen würde man zutrauen, die wichtigen Probleme zu lösen, die Wired selbst benennt. Soll jemand vom hochgelobten Soundcloud das Neudesign des BOS-Funks unter Einbeziehung von LTE besorgen? Und warum revolutioniert ein ehemaliger Handelsblatt-Redakteur den Fahrradverkehr in London, statt sich um den Ruhrpiloten zu kümmern? Was nützt die Arbeit an Quantencomputern beim Lohnsteuermeldesystem? Ganz nebenbei steht noch die schönste wirklich geekige Geschichte gar nicht im Blatt, wo sie versümmelt wurde, sondern wunderbar geschrieben im Blog der Autorin. OK, Schokolade wird auch kein versemmeltes IT-Projekt retten, ist aber ein anarchistisches Element.

Was wird.

"Du hast das Handy vergessen, mein Michael
Nun glaubt uns kein Mensch wie schön's hier war(ahaha)
Alles ward nicht aufgezeichnet, bei meiner Seel'
Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr!"

Nein, Nina Hagen demmlerte nicht, sondern sang "Dieser Zug nimmt keine Control-Freaks mit" auf der Berliner Demonstration Freiheit statt Angst inmitten einer Bewegung, die sich verstetigt hat. Nach Auskunft der Veranstalter waren 5000 Menschen dem Aufruf gefolgt, ein stetig abnehmende Zahl nach den 15.000, die 2007 noch die Wut im Bauch hatten. Ob es nächstes Wochenende in Brüssel bei Freedom not Fear bzw. "Vrijheid in plaats van Angst" mehr Menschen sein werden? Zu wünschen wäre es, auch wenn die Müdigkeit der Szene unübersehbar ist: Es ist nicht besonders attraktiv, dem "Pawlowschen Reflex" der Politiker mit ihrem Kauderbell nach Vorratsdatenspeicherung jedesmal mit dem Geheule vom drohenden Überwachungsstaat zu antworten, weil niemand eine aussagekräftige Überwachungsgesamtrechnung aufstellen kann, genau wie weiter oben zum "Terror-Verdachtsfall" angemerkt. Für alle Berlin und Brüssel-Gegner gibt es noch was, das schneller geht als Herumlatschen in der Sonne: eine wichtige Online-Petition zur Vorratsdatenspeicherung.

Wie bei allen Wochenschauen mit Bezug auf 9/11 dürfen die Fotos von Paul Battaglia nicht fehlen, die der junge Mann von seinem Arbeitsplatz machte. Diesmal finden sie sich im Blick nach vorne, denn in New York wollen die Adbusters den Occupy Wall Street Day begehen. Ein Tahrir-Happening im Geiste der spanischen Acampadas soll im Herzen der Weltfinanz entstehen, mit 20.000 friedvollen Menschen, Zelten und Feldküchen soll es werden. Da zuckt der transatlantische Daumen. Und hey, selbst die Geeks haben eine weltweite Party zur Feier des 1. Releases von Linux: Am Software Freedom Day. Selbst die Waschbrettbäuche von Wired Deutschland sind eingeladen, und könnten sich an ihrem Standort bei der Demonstration für ein Menschenrecht beteiligen, auch wenn sie nach dem abgedruckten "Maßterplan" im ersten Heft die Zeit angeblich auf dem Oktoberfest verbringen wollen. (jk)