Das krisensichere Handy

Japans größter Mobilnetzbetreiber NTT Docomo versucht sein Netz so weit auszubauen, dass es auch im Fall größter Katastrophen noch rudimentär funktioniert.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Martin Kölling

Japans größter Mobilnetzbetreiber NTT Docomo versucht sein Netz so weit auszubauen, dass es auch im Fall größter Katastrophen noch rudimentär funktioniert.

Die Katastrophe vom 11. März hat Japan aufgeschreckt. Nachdem sich das Land lange Jahre in der falschen Sicherheit gewogen hatte, gut auf Erdbeben und Tsunamis vorbereitet zu sein, haben jetzt endlich ernsthafte Diskussion über das Krisenmanagement begonnen. Die Politik plant einen Zweitsitz in Osaka, um Rumpffunktionen auch dann noch ausüben zu können, wenn ein Erdbeben oder ein Ausbruch des Fujisans Tokio ausschalten sollte. Städteplaner entlang der Küste suchen nach Wegen, bei einem neuen Mega-Tsunami mehr Menschen das Überleben zu ermöglichen. Und Japans größter Mobilnetzbetreiber NTT Docomo hat 200 Millionen Euro in ein Bündel von Maßnahmen investiert, um sein Handynetz krisensicher zu machen.

So hat die Firma landesweit 104 Basisstationen zur Abdeckung großer Zonen aufgebaut, die in der Krise rudimentäre Telefon- und Internet-Dienste für 35 Prozent der Bevölkerung bieten sollen. Darüber hinaus wurden viele Standorte mit eigener Stromversorgung oder Batterien nachgerüstet, so dass 65 Prozent der Bevölkerung auch bei Stromausfall noch mit dem Handy telefonieren können. Und um die Abdeckung in Katastrophengebieten schnell verbessern zu können, hat sich Docomo außerdem 19 auf LKWs montierte und 24 mobile Basistationen angeschafft, die über Satelliten bedient werden. Darüber hinaus verteilt das Unternehmen 3000 Satellitentelefone an Katastrophenschutzzentren.

Auch für die Kommunikationsprobleme durch Überlastung der Handy-Frequenzen hat Docomo eine Lösung parat: einen spezielle Voice-Message-Service. Bei diesem Dienst wählt der Kunde die Telefonnummer des Empfängers, spricht eine maximal 30 Sekunden lange Botschaft aufs Handy, die dann über die Datenleitung an einen Server gesendet wird. Dort wird sie bis zu zehn Tage gespeichert. Der Empfänger erhält eine SMS und kann dann das File herunterladen, woraufhin der Sender eine Empfangsbestätigung zugesendet bekommt. Insgesamt kann jeder Kunde so 20 Sprachbotschaften versenden. Das ist genug, um Familie und Freunden Bescheid zu sagen, dass man noch lebt – und vielleicht Treffpunkte für verstreute Familienmitglieder zu verabreden.

Als weitere Vereinfachung der Krisenkommunikation verbindet Docomo bestehende Dienste mit Googles "Personfinder" und Twitter. Denn gerade Twitter hat sich als Informationsdienst im Krisengebiet extrem bewährt. Nach der Mega-Katastrophe in Nordost-Japan konnten die Gemeinden effizient über Twitter ihren durch Tsunami oder Atomunfall versprengten Schäfchen neueste Meldungen senden. Ein verbesserter Tsunami-Warndienst rundet die Krisenvorbereitung ab.

Die Maßnahmen kommen keine Sekunde zu früh. Denn Geologen befürchten, dass Japan in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weitere Mega-Beben in den industriellen Zentren und vielleicht sogar große Vulkanausbrüche drohen, gegen deren wirtschaftliche Schäden die dreifache Katastrophe in Japans Nordosten wie Peanuts wirken würde.

Erst kürzlich haben die Geologen die Erdbebenprognose für Tokio dramatisch verschärft. Erst berechnete ein Forscher, dass Tokio bereits in den kommenden vier Jahren ein starkes Beben drohe. Bislang lag der Zeithorizont bei 30 Jahren. Nun fanden Geologen in einer Studie des Ministeriums für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technik (Mext) zudem heraus, dass ein möglicher Bebenherd unter dem Nordteil der Bucht von Tokio zehn Kilometer flacher unter Tokios Oberfläche liegen könnte als bisher berechnet.

Das angenommene Erdbeben der Stärke 7,3 auf der Richterskala an dieser Stelle könnte daher an der Oberfläche nicht mit einer 6+ auf der siebenstufigen japanischen Skala ankommen, sondern mit einer glatten 7. Und das würde großflächige Verwüstung in weit mehr Stadtteilen bedeuten als bisher berechnet. Dabei ist schon jetzt das Worst-Case-Szenario mit 11.000 Toten und einem Schaden von mehr als einem Fünftel von Japans Bruttoinlandsprodukt (mehr als 1000 Milliarden Euro) angsteinflößend genug.

Und das ist noch nicht einmal das stärkste Beben, das in Tokio möglich ist. 1923 bebte die Erde mit einer 7,9 auf der Richterskala. 140.000 Menschen starben. Die Gebäude waren damals zwar weit weniger erdbebensicher, aus Holz und brannten daher wie Zunder. Aber dafür drängen sich heute sehr viel mehr Menschen im Großraum Tokio zusammen. Experten warnen, dass ein Klasse 8-Beben auch im Hightech-Zeitalter mehrere hunderttausend Tote in Tokio fordern könnte. Denn die lang andauernden langwelligen Schwingungen eines solchen Bebens könnten selbst moderne Hochhäuser zum Einsturz bringen, die ein 7er Erdbeben noch überleben würden, meint der Seismologe Katsuhiko Ishibashi.

Für mich heißt das, meine Erdbebenvorsorge zu verstärken. Ein Survivalpack steht neben dem Hauseingang. Wasser, Müsli, andere Lebensmittel und Klopapier für mehr als eine Woche sind daheim gebunkert. Die Badewanne bleibt mit Wasser gefüllt. Eine Minisolarzelle tankt Akkus auf. Und wenn ich aus dem Haus gehe, trage ich besser immer über 1000 Euro (umgerechnet natürlich), meinen Reisepass sowie mein mobiles Büro (Stift, Block, Digitalkamera, Handy mit externer Tastatur und Extra-Handy-Akku) mit mir herum.

Das Handy hat sich in dieser Form schon nach dem Mega-Beben im vorigen Jahr bewährt. Ich habe am ersten Katastrophentag alle meine Artikel auf meinem iPhone verfasst. Und ansonsten mache ich es wie die Japaner. Ich versuche, nicht daran zu denken und mein Schicksal fatalistisch anzunehmen. Ich hoffe, nicht in Tokio zu sein, wenn das Beben trifft. Und wenn ich schon hier sein sollte, dann bitte in einem Gebäude, das nicht über mir zusammenbricht. (bsc)