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Was war. Was wird.

In dieser Woche wurde nicht nur diskutiert, wieviel Datensicherungs-Sicherheit man mit dem Gegenwert eines Kampfpanzers Leopard 2 kaufen kann, weiĂź Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Hochverehrter Herr Bundeskanzler, verehrte Frau Bundespräsidentin, hallo Soldaten, liebe Gäste. Es ist mir ein besonderes Vergnügen, sie alle heute hier auf dem Gelände des Finanzministeriums zur Einweihung des Denkmals des ermordeten Soldatens begrüßen zu dürfen. Wie mein Amtsvorgänger damals in Kassel anlässlich Übergabe der Meisterbriefe der Kreishandwerkerschaft erstmals erläuterte, braucht es ein "öffentlich zugängliches Ehrenmal als Ort der Trauer". Denn wie die Dichter es so schön reimen, ist der Tod ein Meister aus Deutschland, ein blauäugiger Geselle mit vielfältigen Verbindungen zum Handwerk.

*** Meine Damen und Herren, es braucht zum Gedenken einen Ort, an dem sich verstreute Gedanken sammeln können. Die Soldatinnen und Soldaten, die dieses unsere Vaterland seit 2001 inzwischen länger verteidigen als ihre Kollegen bei der Wehrmacht, haben es verdient, dass man sich ihrer erinnert, dass man sich daran erinnert, wo sie sich überall im Einsatz befanden, als sie starben. Gerade weil die kleine Datenpanne beim Backup in unserem ehemaligen Zentrum für Nachrichtenwesen ein unglückliches Kapitel unserer Geschichte ist, ist es um so mehr eine glückliche Entscheidung, ausgewählte Datensätze durch Lichtprojektion an die Wände zu werfen. Denn im Erinnern steckt auch das Innere, der Kern, die Suchmaschine, mit der wir Tag für Tag unsere überlegene NetopFü auspielen. Denn die Truppe am Netz kämpft unverdrossen via SMS, selbst wenn ein Datensicherungsroboter längst die Operation Persilschein eingeleitet hat. Im Übrigen bestand niemals ein Grund zur Panik, meine Damen und Herren: auch heute noch sind die Inlanddaten bestens erhalten geblieben.

*** Hier in Berlin also, im wunderschönen Bendler-Block hat mein Vorgänger einen würdigen Platz gefunden, der eigentlich allen soldatischen Kräften gefallen müsste, selbst den Kollegen von der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR. Sie konnten wir leider nicht berücksichtigten. Lassen Sie mich zunächst einmal einige Worte zur wunderbaren Architektur dieses Denkmals verlieren. In ordentlichem Abstand zu jener Stelle, an der der Schauspieler Tom Cruise uns vorspielte, wie das Jenseits als solches ohne Getöse betreten wird, steht dieses "tektonische Gerüst aus Stahlbetonfertigteilen", das den Ort der Trauer erzeugt.

*** Meine Damen und Herren, wie der große Dichter Deutobold Symbolizetti Allegorowitsch Mystifizinsky einmal schrieb, ist der katharrhalische oder Frostbeulenstil mit seiner Vorliebe für Hallen und Loggien ein Wesensmerkmal unserer Kultur. So treten die Fertigbauelemente germanischer Säulenkunst aufs Trefflichste mit den fünf Fahnenmasten in einen spannungsvollen Dialog. Eine zusätzliche Note erreicht dieser Dialog mit dem "wandartigen Schiebelement", das für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften sorgt. Auf diese Weise kann auch der gemeine gedenkende Bürger vor verschlossenen Toren stehen, gewissermaßen als Spielball des Elements. Bei offiziellen Trauerfeiern "öffnet sich die Anlage mit einer großen Geste", korrespondierend mit den Fahnen, die im Winde klirren. Die Lichtprojektion steht dann für bewährte militärische Ansprachen zur Verfügung.

*** Bleibt schließlich die Cella, ein "entmaterialisierter Raum" mit einem Stein aus Nagelfluh, der die einen an Beton erinnert, die anderen an die ordnungsgemäße Abführung nicht lesbarer Datenträger. So symbolisiert sich für den Besucher der Cella die Hoffnung, eines Tages möge ein Schwert im Stein stecken oder ein ordentliches Bandlaufwerk. Tritt er anschließend aus der Cella, so gewahrt er erst das Bronzekleid mit ausgestanzten Löchern, die die RFID-Chips signalisieren, mit denen tote Soldaten identifiziert werden. So wird ihm unaufdringlich bewusst, dass die Sicherheit Deutschlands nicht zu haben ist ohne die bestmögliche Überwachungstechnik. Niemals dürfen wir das eigene Lagebild vergessen. Es zeigt uns, dass wir Teil eines allgemeinen Gefahrenraumes sind. Lassen Sie mich zum Abschluss daran erinnern, dass es unter deutscher Flagge geschah, dass Europa sicherer wurde. Deutschland zeigte seinen Nachbarn den richtigen Weg in den Präventivstaat. Nicht von ungefähr passierte dies, als die Konstruktion und der Bau des Denkmals befohlen wurde, das einzuweihen ich die Ehre habe. Ich freue mich nun, die Anlage ihrer Bestimmung übergeben zu dürfen, indem ich die Steuerung der Wandelemente und mittels der Lichtbildprojektion die Namen der Toten zum Scrollen bringe. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

*** Der kleine frisierte Blick in die Zukunft lässt leicht vergessen, dass in dieser Woche nicht nur diskutiert wurde, wieviel Datensicherungs-Sicherheit man mit dem Gegenwert eines Kampfpanzers Leopard 2 kaufen kann. Er lässt auch fast vergessen, wie sicher Deutschland ist, gefährdet nur durch dumme, unfähige Politik und ansonsten kaum. Da Dummheit offenbar weiterhin grassiert, ist Deutschland gefährdet, so muss offenbar der Umkehrschluss lauten.

*** Es gab noch mehr in dieser Woche, etwa die Zustimmung der Arbeiter zu ihrer historischen Niederlage. Oder, wer unbedingt scharf auf die Zukunft ist, dem sei das iPhone empfohlen, das erste Telefon, auf dem sich Bill Gates verwählt hat. Der Messias ist da und heil, heil, heil wir sinken nieder, vom Glauben beseelt.

Was wird.

Nehmen wir einmal an, das alles nur ein schlechter Traum ist, aus dem wir schweißnass nachts erwachen und erleichtert feststellen, das alles nur ein Hirngespinst ist. Es gibt eben keinen Rollstuhl, sie alle zu knechten, sondern schlicht auch den gleichen gewöhnlichen Arbeitsplatzabbau wie bei der Telekom und bei Nokia Siemens. Wenn wirklich 10.000 Polizisten weniger nötig sind, dann sollte dies uns allen doch ein gutes Zeichen sein: Der Staat will sich entspannen, doch ob die Maschinerie abgezogen sein wird? Für die eifrig verfolgten Online-Durchsuchungen ist jedenfalls kein einziger Polizist nötig, ganz anders als vor Heiligendamm.

Gehört es noch zum Gestern oder ist es bereits die nächste Woche oder gar das Über-Übermorgen? Die GPLv3 ist draußen, ein Vertragswerk, das manche schon messianisch begrüßt haben wie das Jesus-Phone. Und am Ende, Brian? Doch wie war das bloß mit dem Unterschied der Befreiungsfront von Judäa und der Judäischen Befreiungsfront? Haben wir nicht alle die GPLv5 besonders lieb? Always look on the bright website of life, pfeiff, pfeiff. (Hal Faber) / (anw)