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Was war. Was wird.

Ob man Stadtindianer auf Osterfeuern verbrennen soll, ist eine etwas zynische Fragestellung in diesen Tagen, ist sich Hal Faber, der auch Sympathisanten in die bunt angemalten Eier tritt, sicher.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es gibt Phänomene, die wirklich schwer erklärbar sind. Etwa die Tatsache, dass alle Welt über die schlimmen CO2-Emissionen oder über stromfressende Apple-Rechner klagt, aber gerade gefühlte 100 Osterfeuer um mich herum gezündet sind und waberlohen. Oder dass Hasen über Ostern einen Koller bekommen und Hühnereier bunt anmalen, bis sie so bunt sind wie Schnurers schöne Hemden. Schwer erklärbar auch die Sitte der Geeks, undokumentierte idiotische Funktionen in Programmen Easter Eggs zu nennen, auch wenn es nur billige Klone von Eliza sind. Oder nehmen wir den WM-Koller, der Deutschland im Sommer erfasste und der nun zu einer Babyschwemme führt – nur in Hannover nicht. In der schönen norddeutschen Tiefebene wurde nicht mehr geschnackelt als sonst, sondern nur zuviel Bier getrunken und allenfalls Schnick, Schnack, Schnuck gespielt, wer die nächste Runde holt. Womöglich nach den neuen Regeln, mit endlosen Diskussionen, bis die letzte Erektion wieder 'ne lüttje Lage wurde.

*** Mitunter sind Phänomene nicht schwer erklärbar, sondern schwer zu verstehen. Besonders zu Ostern, das von Hasen und Christen gefeiert wird. Lassen wir die bezaubernde niedersächsische Tiefebene etwas wellig noch in der Stadt der Düfte und Aromen beginnen. Dort wird neben Vanillin neuerdings vor allem Angstschweiß produziert, in der Demagogie des Herrn Schünemann, der terroristische Anschläge für sehr wahrscheinlich hält, weil Tornado-Flugzeuge in Afghanistan fliegen. In Afghanistan verteidigen die Tornados mit der Super-Digicam bekanntlich unsere Freiheit, die Politikern wie Innenminister Schünemann mit dringend gebotenen Maßnahmen in Hannover und anderswo zurückbauen wollen. Nun ist Ostern nicht nur die Zeit bunter Eier und Feuer, sondern auch die Zeit der Ostermärsche. Auf einem dieser Märsche hat ein zum Irak-Krieg nein sagender Soldat auf den Irrsinn der der NATO unterstellten Tornados aufmerksam gemacht und eine interne Anweisung zitiert, wie mit Soldaten und Soldatinnen umgegangen werden soll, die aus Gewissensgründen Befehle nicht befolgen wollen. Sie haben schlicht zu spuren und sind alles andere als mündige Bürger in Uniform:

"Zwar gehört das allgemeine Gewaltverbot als unabdingbare zwingende Völkerrechtsnorm zu den allgemeinen Regeln des Völkerrechts. Es ist aber für die rechtliche Bewertung des Verhaltens einzelner an einem Einsatz beteiligter Soldaten ebenso wenig von Bedeutung wie die zu seiner Durchsetzung bestimmten innerstaatlichen Normen. Nur wer Einfluss auf die politische Willensbildung hat, kann gegen das allgemeine Gewaltverbot verstoßen."

Eine erstaunliche Argumentation für den universal einsetzbaren Untertanen, die auch dadurch nicht besser wird, dass in ihrem Licht bestimmte Politiker zu Gewaltverbotsverletztern werden. In diesem Sinne passt sogar die österliche Nachricht, dass der Scientologe Tom Cruise den smarten Graf von Stauffenberg spielen wird.

*** Enorm smart ist auch Jörg Ziercke, der Chef des Bundeskriminalamtes. Er braucht die Rasterfahndung durch das BKA, die Online-Durchsuchung von Computern, die Mautdatenfahndung inklusive aller IMSI-Kennungen aller On Board Units in den LKW, er braucht den großen Lauschangriff mit Dauerspeicherung auf einem Richterband. Derweil zeigt seine eigene Behörde höchst anschaulich, wie sinnlos manche Begehrlichkeiten sind. Die unter dem leicht irreführenden Namen Vorratsdatenspeicherung bekannt gewordene Schnüffelei in den Verbindungsdaten von Telefongesprächen ist wirkungslos. Nicht einmal mit den eigenen, bestens dokumentierten Verbindungsdaten schafften es die BKA-Spezialisten, den Maulwurf in ihren Reihen zu enttarnen. Besonders auffällig an der Geschichte ist die Tatsache, dass eine Behörde, die angeblich hochprofessionelle Online-Durchsuchungsprogramme herstellen kann, nicht in der Lage ist, ihre eigenen Dateien zu kontrollieren. Dass Knallchargen wie Werner Mauss in diesem Umfeld agieren können, ist genauso amüsant zu lesen wie die Geschichten vom Focus, der dem Begriff "Wertschöpfungskette" eine neue, aparte Dimension hinzugefügt hat. Moral 2.0, so heißt es bei Burda, hat der Hase, der richtig harte Eier hat.

*** Lässt man die umstrittene Operation Mikado außen vor, so hat es in Deutschland bisher zwei Rasterfahndungen gegeben. Die erste fand im Höhepunkt des Deutschen Herbst vor 30 Jahren statt, als der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer gesucht wurde. Damals versagte Kommissar Computer mit seinem PIOS-Projekt auf ganzer Linie und wurde wenig später in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Heute ist er sich sicher, seinen legendären Satz "Wir kriegen sie alle" zu bestätigen, mit dem Internet und all seinen Möglichkeiten. Wer will, mag "Kontrolliert" vom Chefblogger der Vanity Fair lesen. Die zweite Rasterfahndung fand im Herbst 2001 statt, als das World Trade Center zusammenbrach und die Hunde schwiegen. Dabei wurden aus der Menge von 8,3 Millionen Menschen 1.689 Studenten mit einem "muslimischen Hintergrund" überprüft. Es fand sich zwar kein einziger Terrorist, doch wurde die Fahndung insgesamt als Erfolg gewertet. Man habe potenzielle Terroristen verunsichert, so die Bilanz. Und mehrere potenzielle Terroristen hätten Deutschland verlassen.

*** Den Satz der Woche, vielleicht sogar der ganzen Legislaturperiode der großen Koalition hat niemand anderes als Wolfgang Schäuble in einem Interview mit dem Handelsblatt gesprochen: "Das Unbehagen an der Moderne kann aber nicht ausschließlich zulasten der inneren Sicherheit gehen." Das Unbehagen an der Moderne ist aber nicht auf Seiten der Menschen, die viel reisen, und denen noch die kleinste Flasche Apfelsaft am Flughafen abgenommen wird. Das Unbehagen verspürt ein alter Mann im Rollstuhl, der niemals modern sein durfte und mit den Folgen eines Attentats leben muss, das es niemals wie Kollege Töpfers Rheinschwimmerei zum Platz der Republik bringen wird. Die moderne Gesellschaft, die offene Risikogesellschaft der fortgeschrittenen Modernen muss man leben wollen, ohne den starken Staat zu fordern, der jede Festplatte unter Kontrolle hat. Gegen die Herrschaftsmaschine reichen nicht Logowettbewerbe und Demonstrationen, da muss schon mehr gestemmt werden. Im Widerstandsmodus muss man flexibel die Betriebssyteme wechseln können, die Mail verschlüsseln und sich vor allem von dem durchaus schädlichen Konzept eines eigenen PC (Smartphone etc) verabschieden. Information at your fingertips ist gut und schön, wenn die Information frei ist und die Fingerabdrücke nicht gespeichert sind.

*** In dem schönen Buch "Porgrammers at Work" beschreibt Charles Simonyi, wie ihn seine Arbeit an dem Ural II-Computer prägte. Aus dieser Arbeit entstanden Microsoft-Produkte wie Multiplan und Word für DOS-Rechner. Nun ist Simonyi auf dem Weg ins Weltall, ganz ohne Martha Stewart die Erde zu umrunden. Derweil kreisele ich um mich selber, als ehemaliger RAF-Sympathisant, der an dieser Stelle ein paar gescheiterte Versuche gestartet hat, die Geschichte vor 30 Jahren zu erklären. Aber dafür hat Michael Buback einige aufklärende Worte bereit. Damals schrieb ich für ein Blatt, in dem sehr, sehr heftig darüber gestritten wurde, ob der Mescalero-Artikel veröffentlicht werden sollte.

Was wird.

Die Vorschau in die kommenden Wochen bietet unterschiedliche Verlustigungen an, von der bereits erwähnten Demonstration gegen Vorratsdatenspeicherungen in Frankfurt bis zum großen Mischup namens Re:publica in Berlin Mitte in einer Scheune. Wer etwas weiter im Kalender schaut, wird vielleicht die tolle Nachricht entdecken, dass nach dem doch recht schlaffen Jahr über das ABC der Menschheit nunmehr das Jahr der Mathematik zur Feier auserkoren wurde. Mathematik, komplett mit solch spannenden Fragen wie "Produziert mein Navigationsgerät Staus?". Ist das nicht eine eher bescheidene Frage für eine Wissenschaft, die am nächsten Sonntag den Geburtstag eines Titanen ihres Faches zu feiern sich anschickt? Irgendwie war das mit Einstein relativ einfacher.

In der vergangenen Woche starb Karen Spärck Jones, eine sehr resolute Informatikern, die keiner Auseinandersetzung aus dem Wege ging. Die Erinnerungen an die zahlreichen Entgleisungen der großen alten Dame werden nicht abreißen, wie dieser Eintrag beweist. Zeit ihres Lebens war die Wissenschaftlerin der Absicht verpflichtet, dass die Informatik zu wichtig ist, als dass sie allein ein Spielball der Männer ist. In diesem Sinne freuen wir uns auf den Girls Day, doch mit der Warnung der großen Forscherin, dass man notfalls auch den Männern in die ähem, ähem treten können muss, und seien sie noch so bunt angemalt. (Hal Faber) / (jk)