Was war. Was wird.
Ein einziger Koch verdirbt den Brei mehr als viele Köche, so er die notwendigen Zutaten nicht kennt. So ist also der Brei der Terror-Bekämpfung schon längst verdorben, merkt Hal Faber an. Da geht man wohl lieber auf Schürzenjäger vom Planet der Affen los.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Es irrt der Mensch solang er strebt, meinte ein deutscher Dichter. Das war in einer vorgooglianischen Zeit, als selbst das "Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten" noch unvollständig war, was den sehr gegenwärtigen Goethe verärgerte. Nun haben sich die Zeiten beschleunigt, wie die Vermurksung von Wikipedia zeigt und das Irren erst recht. In der letzten Vorschau war davon die Rede, dass die Plakataktion "vermisst" des Bundesinnenministeriums eingestellt wird, doch beim Barte des Propheten, es kam ganz anders. Vermissten-Plakate wurden in Berlin geklebt, Postkärtchen verteilt und das ausgerechnet im Stadtteil Neukölln an einem Ort, wo eine Nagelbombe der NSU explodierte. Ja, in diesem Neukölln, in dem nach sozialdemokratischer Lesart der schlimmste Slum Berlins wuchert, wo "man dem Busfahrer die Cola über den Kopf schüttet, wenn er nach dem Fahrschein fragt."
*** Reiner Zufall sei das gewesen, meint man im Bundesinnenministerium, und dass man die Postkarten weiter in zehn deutschen Städten verteile, als "Gefährdeten-Direktansprache". Nur die Plakataktion sei wegen der Gefährdungsbewertung durch das BKA gestoppt. Schließlich verweist man stolz auf die schicke Partner schafft Sicherheit und den Sieg von 180 Grad Wende.
*** Ist es auch irre, so hat es doch System, wenn der Nebeneinkunftsmillionär Peer Steinbrück gegen Mutti antreten wird. Unterm Strich, wird er gerechnet haben, ist das mit den von der Partei bezahlten Vorträgen die feinere Art. Eine Überraschung ist es nicht, gut informierte Verschwörungstheoretiker tippten schon 2011 nach den Bilderberg-Fotos auf den Peer. Der von Helmut Schmidt gesalbte Schachpartner ist die steinerne Brücke der SPD in eine Zukunft, wenn Mutti aussteigt und Hannelore Kraft aus Nordrhein-Westfalen anreist. Nordrhein-Westfalen? Da war doch mal irgendwo eine Nokia-Fabrik und ein Ministerpräsident Steinbrück mit einem denkwürdigen Satz über Politik als Dienstleistung: "Die Landesregierung steht gerne als Dienstleister für Nokia voll zur Verfügung." Später gab es deftige Kritik am Karawanen-Kapitalismus, die zeigte: Peer kann Kamel. Peer wird Kanzler.
*** Noch ein Illtum gefällig? Mit feinstem Catering und illustren Gästen hat Google sein schickes peitschengeschmücktes Sadomaso-Lobby-Büro in Berlin, unter den Linden eingeweiht, Nebelkerzen inklusive. Da die Streetview-Ansicht der Zentrale offenbar gesperrt ist, sei ausnahmsweise auf eine dieser Klickstrecken verlinkt, mit denen sich moderne Verleger von Fernsehsendungen unterscheiden. Zur Eröffnung gab es eine vollkommen vergeigte Diskussionsrunde mit Google Hangout, die die Reporterin an Assange erinnerte und seine lahme Live-Schalte am Rande der UN-Vollversammlung, wo er US-Präsident Obama annölte. Im Namen der Aufklärung wurde ein Google-Manager in Brasilien kurzzeitig festgenommen.
*** Derweil ist das bereits erwähnte Theaterstück über Julian Assange in Hamburg angelaufen. In ihm lesen Albino-Affen aus den Polizeiprotokollen, die Assanges schwedischer Anwalt Björn Hurtig am 23.11.2010 nach London faxte, mit der ausdrücklichen Warnung, dass diese Dokumente nur für Assange persönlich bestimmt seien. Ein Affentheater wie der Disput über eine Operation? Aber ja doch, das geht auch ganz ohne Fell: Da veröffentlicht Amnesty International einen Appell an Schweden, Assange nicht auszuliefern und macht sich in Unkenntnis schwedischer Gesetze zum Vollhorst. Dass Amnesty Schweden der Darstellung widerspricht, passt in die allgemeine Dramaturgie "über einen Schürzenjäger, der sich wie ein Arschloch verhalten hat, wenngleich er niemanden vergewaltigt hat" – so die nicht verlinkbare Rezension der taz "Vom Planeten der Affen".
*** "Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas, Kiel, China, im Iran und Russlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt." Schöne, starke Worte für einen wie Bradley Manning, gegen den ganz anders vorgegangen wird als gegen den nölenden Assange. Starke Worte, doch wurden sie nicht im Theater gesprochen. Sie sind aus dem Gedicht, das Günter Grass in seinem neuen Band "Eintagsfliegen" über den Whistleblower Mordechai Vanunu geschrieben hat. Wer ein Vorbild sucht oder auch nur eine Abladestelle, der wird hier fündig. Andere werden traurig, bei dieser Nachricht: Arthur O. Sulzberger, nicht nur mit den Pentagon Papers das Vorbild für mutige Verleger, ist gestorben.
*** Es gibt Sätze im Newsticker, auf die die kleine Wochenschau zurückkommen muss. Da wäre das unsägliche CleanIT-Projekt der Europäischen Union, das für die Terrorbekämpfung die Grundrechte auskärchern will. Zur Rechtfertigung von CleanIT wurde dieser Satz kolportiert, der es in sich hat: Ein Koch, der ein Abendessen vorbereite, verbringe auch erst mal einen Nachmittag im Supermarkt, um zu entscheiden, was er nehme. Zu diesem Zeitpunkt könne man noch gar nichts darüber sagen, wie das Menü am Ende aussehen und wie es schmecken werde. Ein Koch, der nicht die Zutaten zu einem Gericht präzise im Kopf hat und nicht weiß, wie ein Gericht am Ende schmecken muss, ist keiner. Die Analogie gilt eigentlich auch für jeden Planer, der in der IT ein System wie ein Gericht zusammenstellen muss. Die Analogie verbirgt das eigentliche Problem, dass "Terrorismus" nicht definiert ist und nach Belieben aufgefüllt wird. So und nicht anders verkommt die Idee vom gemeinsamen Europa zum Klumpatsch, den man keiner gemeinnützigen Tafel zumuten kann.
Was wird.
Was soll schon diese Gemeinnützigkeit bewirken? Weihnachten naht und wie es der Zufall so will, hat Amazon die Spendengelder drastisch reduziert, die es an seine Partnerseiten auszahlt. Die Prozente, die etwa Bildungsspender bekommt, wenn man hier ein Buch bestellt, werden von fünf auf zwei Prozent gekürzt. Im harten Online-Business ist Philanthropie nichts wert, wenn immer nur dieselben Gutmenschen bestellen. Dass soziale Projekte nicht die besten Aquirierer von Neukunden sind – und nur darum geht es Amazon –, ist halt bedauerlicher Kollateralnichtsnutzen, eine Art Nichtsklickt. Dabei gibt es im Vorfeld der Buchmesse interessante Bücher zu bestellen: Wie wäre es mal nicht mit Schäuble oder der Sozialromatikerin Rowling, sondern mit Büchern vom Aufdecker schlechthin, von Günter Wallraff, der am 1. Oktober 70 Jahre alt wird. Bereits zum 60. Geburtstag sollte es eine große Sause geben, doch Wallraff büxte aus und feierte mit den Opfern des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen das Überleben.
Was folgt, ist der Tag der deutschen Einheit, ein letzter Ruhetag. Denn 2013, da könnte der Wahltermin durchaus auf diesen Tag gelegt werden, als Höhepunkt für einen ganz besonders patriotischen Wahlkampf. Bis dahin sollten die Hilfs-Angebote gut ausgebaut sein. Man denke nur an all die enttäuschten Piraten, die viel Energie ansorbieren. (jk)