Das unverstandene Risiko

Sieben Erdbebenexperten müssen ins Gefängnis, obwohl sie gar nichts falsch gemacht haben.

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Sieben Erdbebenexperten müssen ins Gefängnis, obwohl sie gar nichts falsch gemacht haben.

Inwieweit müssen Wissenschaftler rechtlich dafür geradestehen, was sie vorhersagen? Eine bemerkenswerte Antwort darauf hat diese Woche ein italienisches Gericht gefunden: Es verurteilte sieben Experten zu langjährigen Haftstrafen, weil sie angeblich die Gefahr eines Erdbebens in L’Aquila verharmlost hätten. Dort sind 2009 mehr als 300 Menschen durch ein Beben zu Tode gekommen.

Das Urteil offenbart eine völlige Verkennung des Wesens des Risikos. Dass in der Gegend von L’Aquila eine hohe Wahrscheinlichkeit von Erdstößen herrscht, war lange bekannt. Die Kernfrage, um die es im Prozess gegen die Forscher ging, lautete: Hätten man einige leichte Vorbeben nicht als Signal für die kommenden schweren Erschütterungen interpretieren können? Die nun Verurteilten verneinten dies damals.

Dass es kurz darauf tatsächlich zu einem verhängnisvollen Beben kam, widerlegt ihre Einschätzung durchaus nicht. Das generelle Erdbebenrisiko war ja nach wie vor vorhanden – es konnte also weiterhin stets zu einem schweren Beben kommen. Wenn der Wetterbericht eine Regenwahrscheinlichkeit von nur fünf Prozent meldet, und ich werde trotzdem nass, war nicht die Vorhersage falsch, sondern ich habe einfach Pech gehabt. Über kurz oder lang werden auch relativ unwahrscheinliche Ereignisse höchstwahrscheinlich eintreffen. Wird übers Jahr hinweg beispielsweise hundert Mal eine Wetterlage mit fünf Prozent Regenwahrscheinlichkeit gemeldet, wird es dann – wahrscheinlich – fünf Mal regnen.

Wo ein generell hohes Erdbebenrisiko herrscht, wird die Erde irgendwann auch wackeln – morgen, in hundert Jahren oder in tausend. Dass so vage Prognosen niemandem wirklich weiterhelfen, darf man nicht der Wissenschaft anlasten. Forscher müssen und dürfen mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, und sie haben das Recht, sich zu irren, ohne dafür vor Gericht gezerrt zu werden. Dass sie nun sogar verurteilt werden, ohne sich geirrt zu haben, nur weil die Richter nicht mit Wahrscheinlichkeiten umgehen können oder wollen, ist eine besonders bittere Pointe. (grh)