Was war. Was wird.
Sind es die Elixiere des Teufels, die uns dieses Mal tatsächlich fünf Ws bescheren? Ach, in einer Zeit, in der im Internet der Blinde den Lahmen sehen lehren will, ist man wohl für jeden Zaubertrank zu haben, befürchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Während China im Schnee versinkt, die Infrastruktur des jüngsten Wirtschaftswunderlandes zusammenbricht und demonstriert, auf wie dünnem Eis die chinesische Kommunistische Partei ihren kapitalistischen Boom abzieht, freut sich die schönste Stadt Deutschlands in der norddeutschen Tiefebene über gepflegtes Aprilwetter – in der Hoffnung, dass jetzt auch gleich der Frühling ausbricht. Ob da wirklich Jan Garbarek die richtigen Töne bläst, der sein Saxophon in den Dienst der Perkussionistin Marilyn Mazur stellt? Na, immer noch besser als Mark Knopfler, der zum großen Langeweiler verkommt – die Spannung von Garbareks und Mazurs "Elixir" passt tatsächlich besser zur Stimmung in diesem unseren Land, nicht nur wettertechnisch. Daher also: Willkommen beim WWWWW! Denn genau, so ist es, es sind fünf W geworden, weil Deutschland ein Fünfparteiensystem wird. W steht für Wahlen, wahlweise umgedreht wird ein M draus und steht dann für die Mitte, in der sich alle Parteien drängen bis auf Oskars Hetzer rechtsaußen. Immerhin, die im Westen angekommene Partei mag vielleicht noch unter der Diktatur des Lafontainates leiden, sorgt aber dafür, dass fürderhin mit drei Bällen jongliert werden muss. Schade nur, dass beim Jonglieren und Posieren die leisen Töne nicht mehr gehört werden. Die Mainzer Erklärung (PDF-Datei) gehört darum zu den untergegangenen Nachrichten dieser Woche.
*** W ist der 23. Buchstabe unseres Alphabets und als solcher natürlich einer von der schwer konspirativen Sorte, wie wir seit Adam Weishaupt wissen. W wie Wahlen gibt es auch in anderen Teilen der Welt, etwa in den USA, wo man sich auf die Zeit nach George "W" vorbereitet. Mitunter ganz aktiv, wie Novells Nat Friedman demonstriert, mitunter eher passiv, wie Apple-Fans das mögen. Wer fragt da noch nach dem deutschen Botschafter Klaus Scharioth, der für Obama auftrat? Oder nach Bill Gates, bei dem zum Abschied Obama und Hillary Clinton auftraten. Nur Gott fehlte, obwohl auch Gott mit Microsoft-Programmen arbeitet.
*** Kaum hat sich Bill Gates zurückgezogen, hat Steve Ballmer Yahoo ein Kaufangebot unterbreitet. Eilfertig schwingen sich die Kommentatoren auf, zur möglichen Fusion von einem Blinden mit einem Lahmen von möglichen Synergien zu reden und Suchmaschinen-Marktführer Google als Verlierer zu beschreiben. Offenbar macht sich niemand die Mühe, Yahoo als das Sammelsurium von Einzelfirmen zu beschreiben, das es wirklich ist. Wer ziemlich wahllos viele Dinge in seinen Wanderrucksack schmeißt, hat keine Ahnung, welche Tour er wirklich gehen will. Und wie ein großer Blogger meint: Borg makes Yahoo its bitch ist eindeutig die beste Beschreibung von Microsofts Dotcom-Bemühungen.
*** Die wirkliche Sensation dieser Woche hatte Cisco zu bieten, als es mit einem fröhlichen Winken Richtung Google die neue Nexus 7000er-Serie und das dafür neu geschriebene NX-OS vorstellte. Über eine Milliarde Dollar Entwicklungskosten sollen in das Multicast-System Nexus geflossen sein, das in den nächsten Jahren die Catalysten ablösen soll. Für die nächste Dekade werden es diese 200.000 Dollar teuren Brocken sein, die mit 15 Terabit pro Sekunde und Fibre Channel over Ethernet das Internet schultern. Getestet wurden die Systeme bei Microsoft, das MSN auf ihnen laufen lässt, sowie in den Lawrence Livermore Laboratories. Die nächsten möglichen Testkandidaten sollen Yahoo und Google sein. Vielleicht wird Steve Ballmer mit Stühlen nach dem braven John Chambers werfen, der zur Vorstellung des Boliden anmerkte, er könne ein zwei Megapixel großes Bild von ihm (Chambers, nicht Ballmer) an jeden Menschen in der Welt in 28 Minuten senden. Zum Kopieren der kompletten Wikipedia brauchte die Nexus 7000 nach Angaben von Cisco 10 Millisekunden, ein Backup des gesamten öffentlichen Internet soll 8 Minuten benötigen. Mit zwei Nexus 7000 an jedem Ende sollen gleichzeitig 5 Millionen Videokonferenzen in hoher Auflösung durchgeführt werden können. Die Techniker, die diese Systeme betreuen, werden das heutige Internet belächeln, wie wir lächelnd an die Tage der V.90-Modems denken, als man über 1200 Baud-Koppler lachte.
*** Die Chronistenpflicht gebietet es, auf den frisch gekrönten Sieger bei der Rückblende 2007 hinzuweisen. Es ist ein Foto der Clowntruppe Rebel Clown Army, die angeblich vor Heiligendamm Polizisten mit Pustefix verletzten. Das bringt mich zu dem europäischen Polizeikongress, der in Berlin stattfand mit der bitterlichen Klage, dass EDV-Fachkräfte fehlen. Modern soll sie werden, unsere Polizei, komplett mit der Umstellung auf Englisch als europaweit einheitliche Polizeisprache. Man könnte jetzt darüber ins Grübeln kommen, dass der menschliche Körper aus polizeilicher Sicht ein geschlechtsloser Oberkörper ist, gegen den die geschleuderten Seifenblasen prallen.
*** Eine besondere Blubber-Blase lieferte der Kongress mit der Debatte über eine europäische Fluggastdatenbank ab, komplett mit der Pointe, dass diese von Justizministerin Zypries abgelehnt wird, der sonst so energischen Verfechterin von Datenspeichereien auf Vorrat. Haken wir mit Bruce Schneier die Liste der verbesserten Sicherheitsmaßnahmen ab: Verstärkte Cockpittüren, das Bewusstsein der Passagiere, möglicherweise kämpfen zu müssen und vielleicht noch die Anwesenheit von Sky Marshals. Der ganze Rest, die Datenbanken und die Biometrie, nach Schneier: Mumpitz, ein einziges endloses Sicherheitstheater, eine Simulation oder ein übler Fake, der Reisen grundlos beschwerlich macht.
*** Ob das auch für die beiden Laptops gilt, die mit einem "chirugischen" Eingriff der nämlichen Justizministerin gemopst worden sind? Eine politisch motivierte Tat, um etwa einen Bundestrojaner aufzuspielen? Und warum braucht eine Ministerin zwei Laptops? Etwa einen, der strikt vom Internet getrennt betrieben wird und auf dem alle wichtigen Daten nur verschlüsselt liegen? Sollte die ganze Debatte um den Blödsinn der heimlichen Online-Durchsuchung von Festplatten tatsächlich gewirkt haben, dass sich jemand professionell auf die Zumutungen von Schäuble, Ziercke und Co. eingestellt hat? Verschwörungstheoretiker werden sich freuen, und, völlig klar: "Auf den Rechnern befanden sich keine brisanten Daten."
*** Zur Klage von Juli Zeh gegen Otto Schily rauscht der Blätterwald und berichtet, dass jetzt der Datenschutz in der Popkultur angekommen ist. Schön wäre es, doch es sind nur Einzelne wie Jim Rakete, die gegen Vorratsdatenspeicherung und andere Sachen sind. Halten wir fest, dass Juli Zeh eine gelernte Juristin ist, die als Repetitorin arbeitete und deren Studien zum Europarecht in Fachkreisen gelobt wurden. Eine Dissertation zum rechtlichen Status des Kosovo steht noch aus. Das alles ist Schily wohl bekannt, doch arrogant wie eh und je fabuliert er von der Fantasiebegabung der Schriftsteller. Darin nicht unähnlich hat der ADAC in dieser Woche einen Kessel Häme kassiert, für ein juristisches Gutachten zum Scannen von KFZ-Kennzeichen. Doch Bürgerrechte gelten auch auf der Autobahn. Das schreibt sich gut und liest sich noch besser: Wem es um den Schutz persönlicher Daten geht, ist auf jeden Verbündeten angewiesen, auch auf den ADAC.
Was wird.
Während einige mit Grimme Online Stickerl prämierte Komedos schon auf die Fun-Party namens CeBIT im schönen Hannover hinarbeiten, wird vorher der Weltkongress der Mobilisten in Barcelona tagen. Vielleicht erfährt man da, ob Motorola seine Handy-Sparte an MShoo verscherbelt, die sicher noch eine Antwort auf Android gebrauchen können. Nur eine Adapter-Lösung, auf die ich seit Jahren warte, wird es nicht auf die Messe schaffen. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Das gilt auch für die seltsame Subventionsdiskussion, die im Falle von Nokia mittlerweile Eilbedürftigkeit erreicht hat. Weit weg von Bochum und den unangenehmen Zählereien von Arbeitsplätzen wird Nokia in Barcelona "rumänische Handys" präsentieren und von der Zukunft des mobilen Fernsehens in der Handtasche schwärmen. Nicht jeder ist so geschickt wie Wincor-Nixdorf und beschäftigt überwiegend Leiharbeiter, die wöchentlich 42 Stunden und mehr zu Niedrigstlöhnen arbeiten. Während ganze Abteilungen nur noch von Leiharbeitern besetzt sind, schauen Betriebsrat und Gewerkschaft machtlos zu. Dafür ist man nett und zieht nicht nach Rumänien um. (Hal Faber) / (jk)