Klartext: "Wie sage ich's dem Kinde?"

Zu jeder öffentlichen Zusammenkunft von E-Fahrzeugen gehört ein "Gesprächsgipfel" mit haarsträubendem Gelaber. Meiner Beobachtung nach dienen diese Gipfel der Langeweile dazu, bestehende Vorurteile auf beiden Seiten der Meinungswaage möglichst lange zu erhalten

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Inhaltsverzeichnis

Es gehört mittlerweile zum Protokoll, dass zu jeder öffentlichen Zusammenkunft von E-Fahrzeugen ein "Gesprächsgipfel" mit haarsträubendem Gelaber gehört. Meiner Beobachtung nach dienen diese Gipfel der Langeweile dazu, bestehende Vorurteile auf beiden Seiten der Meinungswaage möglichst lange zu erhalten. Sie laufen auch stets gleich ab und dürfen ihrer Aufgabe nach keine sinnvollen Informationen enthalten, denn die schaden der Propaganda. Als zur Silvretta E-Rallye also jemand rief "Herr Gleich, das haarsträubende Gelaber fängt jetzt an!", konnte ich gelassen bleiben: "Dieser Knödel hier auf meinem Teller ist interessanter. Ich stoße dazu, sobald ich ihm alle seine geschmacklichen Informationen entrissen habe."

Die Veranstaltung verspätete sich und machte mich damit wider meinen Willen pünktlich. "Die Rekuperation ist das Kernthema der Elektromobilität", sagte eine Stimme vom Sprechertisch vorne, was mich kurz irritierte, bis ich entschlüsseln konnte, dass dieser Satz veranstaltungsgerecht nur Schlagwörter, aber keine Information enthielt. Ich setzte mich in eine Ecke Gleichgesinnter. Wir schüttelten erst aussagenweise die Köpfe, dann nickten einige ein. Mehrfach wollte mein Kopf schwer von Knödeln, geschubst von Propaganda, auf die Tischplatte vor mir schlagen, da riss ich mich zusammen. Du bist eingeladen! Wie schaut das aus? Sieh brennend interessiert aus! Denk an Sex!

Klartext: "Wie sage ich's dem Kinde?" (3 Bilder)

Großer Vorteil: Wenn man wie Rudolf Krebs (links) für Kinder erklärt, kann die Aussage manchmal sogar der Verkehrsminister (rechts) wiederholen.

(Bild: Volkswagen)

Die meisten Sprecher waren zum Glück mit einer Maschinenbauausbildung vorbelastet. Ingenieure wissen im Normalfall, was sie tun, sonst sind sie nutzlos, aber sie wissen selten, wie sie das am besten erklären, was sie tun. Ich erinnere mich an eine Fahrzeugpräsentation, bei der ein Elektronik-Ingenieur mit leuchtenden Augen erzählte, wie er die der Traktionskontrolle zentrale State Machine ausgelegt hatte, bis ihn der Pressesprecher Entschuldigungen brabbelnd abführte.

Als zur Rallye Fragen aus dem Publikum angeregt wurden, rechnete ich also mit etwas in dieser Art. Umso erfreulicher war es, dass ein Ingenieur am Tisch eine seltene Antwortenkombination gab: Sie waren sachlich richtig, sie waren ehrlich, und sie waren einfach verständlich. Sein Name war Dr. Rudolf Krebs, seine Stellenbeschreibung bei Volkswagen wundervoll deutsch: "Konzernbeauftragter Elektrotraktion". Ich fragte ihn später, woher seine Erklärbär-Skills kommen. "Naja, es kommen immer wieder dieselben Fragen", so die Antwort, "vielleicht auch, weil die Antworten nicht verständlich genug waren. Also kommt man irgendwann zum Punkt 'Wie erkläre ich's dem Kinde?'."