Der Anti-Antischall-Auspuff
Wer glaubt, Autos zum Angeben stĂĽnden vor dem Aussterben, hat sich zu frĂĽh gefreut.
Wer glaubt, Autos zum Angeben stĂĽnden vor dem Aussterben, hat sich zu frĂĽh gefreut.
Antischall ist eine praktische Sache. Man überlagert Schallwellen mit phasenversetzen Kopien ihrer selbst, und schon ist Ruhe. Theoretisch wenigstens. Auch in der Praxis gibt es schon eine ganze Reihe von Kopfhörern, die auf diese Weise den Umgebungslärm mehr oder minder deutlich dämpfen. Der Automobil-Zulieferer Eberspächer hat sich das Prinzip zunutze gemacht, um den Auspuffsound zu verändern. Nahe der Endschalldämpfer befinden sich etwa handballgroße Kugeln, in denen Antischall-Lautsprecher sitzen. Das System wird bereits serienmäßig in einigen Diesel-Audis verbaut; auch beim Maserati Quattroporte Diesel kommt es nun zum Einsatz.
Auf der IAA konnte ich mir das System mal an einem Versuchsfahrzeug, einem Vierzylinder-Diesel von Mercedes, anhören. Per Smartphone-App lässt sich der gewünschte Sound auswählen – ein dezenter Reihensechszylinder vielleicht, oder doch lieber das Brabbeln eines V8? Das Resultat war in der Tat beeindruckend. Vor allem klang der Diesel nicht mehr nach Diesel, sondern nach Otto.
Aber leiser war der Wagen irgendwie nicht. Als ich einen Eberspächer-Manager darauf ansprach, gestand der mir in schönster Offenheit: Leiser ginge natürlich auch, das sei aber gar nicht Sinn der Sache. Die Kunden wollten es halt so. Selbstverständlich würden alle gesetzlichen Grenzwerte weiterhin eingehalten.
Soso, die Kunden. Das lässt aus meiner Sicht nur einen Schluss zu: Autos haben als Angeber-Objekte noch lange nicht ausgedient. Das von Trendforschern immer wieder angekündigte Aussterben des automobilen Statusdenkens mag in Berlin-Mitte bei Mittzwanzigern, die was mit Medien machen, weit fortgeschritten sein. Im Mainstream zählt aber immer noch der großkotzige Auftritt mit weit aufgerissenen Kühlergrills, spätpubertären Spoilern und prolligen Breitreifen. Selbst Mercedes, einst ein Hort der klaren Linie, lässt seine aktuellen Modelle hinter Sicken, Schwellern, Schwellungen, Kotflügelverbreiterungen und muskulösen Hintern verschwinden. Je genügsamer die Motoren, desto mehr Anabolika scheinen die Karosserien gefressen zu haben. Als wollten die Designer jeden Verdacht der Askese mit dem Blechhammer austreiben.
Dazu gehört natürlich auch ein entsprechend satter, wenn auch künstlicher Auspuffsound – der, und das ist die Ironie der Geschichte, in den gut gedämmten Wagen vor allem von außen zu hören ist. Wem ein gepflegter V8-Soundtrack tatsächlich am Herzen liegt, könnte ihn sich ja auch drehzahlgekoppelt über die Musikanlage einspielen lassen, und das Antischall-System seine Arbeit im Dienste geringerer Geräuschemissionen verrichten lassen. Deutlich weniger authentisch als Motorsound aus dem Antischall-Auspuff wäre das schließlich auch nicht. Aber dann könnte man den Mitmenschen auch nicht mehr so schön mit dem vergeblichen Versuch, sie zu beeindrucken, auf die Nerven gehen.
(grh)