Verkehrsverbünde, rückt eure Daten raus!
Intermodale Navigations-Apps, die verschiedene Verkehrsmittel miteinander verbinden, sind eine tolle Sache. Doch ihnen fehlt eine entscheidende Säule.
Intermodale Navigations-Apps, die verschiedene Verkehrsmittel miteinander verbinden, sind eine tolle Sache. Doch ihnen fehlt eine entscheidende Säule.
Kürzlich hat mir ein Reisebüro einen Flug von Barcelona über Frankfurt nach Hannover gebucht. In Frankfurt sollte ich drei Stunden auf einen 50-minütigen Anschlussflug nach Hannover warten. Dabei braucht der ICE nur rund zweieinhalb bis drei Stunden für die Strecke – ich wäre also schon fast zu Hause, bevor der Flieger überhaupt abgehoben hat. Aber auf die Idee, für das letzte Stück einfach den Zug zu buchen, ist beim Reisebüro wohl niemand gekommen. Eine Flugverbindung ist halt eine Flugverbindung.
„Intermodaler Verkehr“ – also die Verbindung verschiedener Verkehrsmittel – wird als Schlagwort schon seit längerem ventiliert, auch von uns. In den Köpfen selbst von Profis ist die Idee aber offenbar noch nicht angekommen.
Ein anderes Beispiel: Auf der IAA habe ich mir die neue „Moovel“-App von Daimler vorführen lassen. Ein ziemlich cooles Stück Software, das dem Nutzer einfach und übersichtlich zeigt, wie er von A nach B kommen kann – und zwar mit Auto, Bahn, Bus, Fahrrad oder zu Fuß. So etwas ist genau das, was ich immer schon haben wollte. Leider ist es bisher nur für Stuttgart, Nürnberg, Rhein-Ruhr und Berlin verfügbar.
Noch mehr aber staunte ich, als mir der Betreuer am Moovel-Stand sagte, die App erfasse sogar in Echtzeit sämtliche Verspätungen von Bussen, Trams, S- und U-Bahnen. Das hatte meines Wissens noch niemand geschafft. Wie Daimler es denn hingekriegt habe, den regionalen Verkehrsbetrieben diese Daten aus dem Kreuz zu leiern, wollte ich wissen. Der Daimler-Mann rief einen Kollegen zu Hilfe, der gestehen musste: Das sei eine Falschinformation, auch Daimler hat keine durchgängigen Echtzeit-Daten.
Schade. Ich will Moovel und andere intermodale Navigationssysteme nicht kleinreden: All diese sind höchst verdienstvoll, äußerst lobenswert und wahrscheinlich mit enormen Aufwand verbunden. Aber ohne Echtzeit-Daten der lokalen Verkehrsbetriebe fehlt ihnen etwas Entscheidendes. Mich interessiert schließlich nicht, wann die U-Bahn laut Fahrplan kommen sollte, sondern wann sie kommt.
Das Problem ist hier weniger bei den Anbietern der Apps zu suchen, sondern bei den regionalen Verkehrsverbünden. Da es keine einheitliche Datenformate und Schnittstellen gibt, müssen sich die App-Anbieter mit jedem einzelnen Verbund auseinandersetzen. Außerdem rücken die Betriebe dem Vernehmen nach ungern ihre Daten raus. Das ist umso unverständlicher, da gerade Busse und U-Bahnen die Dreh- und Angelpunkte praktisch jeder Mobilitätskette sind – sie müssten von intermodalen Apps also am ehesten profitieren.
Ein Start-up, dessen Namen mir entfallen ist, hat sich für seine Intermodal-App vor einiger Zeit eine ziemlich hemdsärmelige Lösung einfallen lassen, aus der viel Pragmatismus, aber auch eine gewisse Verzweiflung spricht: Es hat gleich darauf verzichtet, Schnittstellen zu den einzelnen Verkehrsbetrieben zu erbetteln, sondern greift die Daten von deren Webseiten ab – ohne dafür jemand fragen zu müssen. So geht’s natürlich auch, aber an Echtzeit-Informationen kommen sie auf diese Weise auch nicht.
Nun verspricht die Deutsche Bahn mit ihrer neuen Intermodal-App „Qixxit“, die sich derzeit noch in der Beta-Phase befindet, „dank Echtzeitinformationen aus Schienen- und Straßenverkehr“ auf eventuelle Verkehrsprobleme „schnell und flexibel“ reagieren zu können. Das klingt gut. Auf Nachfrage erfahre ich, dass darunter auch Echtzeitdaten von Verkehrsverbünden enthalten sind – allerdings nicht von allen. Wenn es also nicht mal die Bahn schafft, flächendeckend die Daten der ganzen Verkehrsfürstentümer einzusammeln – wer dann?
Deshalb mein Appell an alle Verkehrsverbünde dieser Welt: Öffnet endlich eure Schnittstellen, rückt eure Daten raus, schafft gemeinsame Standards! Denn ohne die intelligente Verknüpfung der Verkehrsmittel werden sich Wartezeiten, Staus, unnötige Kosten und Umweltbelastungen kaum reduzieren lassen. Und ohne intermodale Navigations-Apps wird es keine intelligente Verknüpfung geben. Und ohne die Echtzeit-Daten aller Verkehrsverbünde sind solche Apps nur die Hälfte wert. (grh)