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Was war. Was wird.

Manch surreale Szenen sind nicht zu ertragen, da hilft es nicht einmal, sich den Kopf vollzudröhnen, das macht im Karneval sowieso fast jeder, Flucht ist unmöglich, befürchtet Hal Faber. Wanderer, kommst Du nach Hannover...

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Manche Schriftsteller schreiben nur ab und zu, vor allem ab." (Heinz Erhardt, von 1919-1924 Hannoveraner)

*** Wanderer, reist du zur CeBIT an und kommst ins schöne Hannover, so reist du in eine vom Terror gefährdete Stadt. Denn hier lebt ein Innenminister namens Uwe Schünemann, der davon überzeugt ist, dass 30 bis 40 Islamisten in Terrorcamps bereit stehen, die niedersächsischen Tiefebene zu löchern. Darum ist der Innenminister seit Wochen dabei und wirbt für ein "Gesetz zur Verfolgung der Vorbereitung von schweren staatsgefährdenden Gewalttaten", auch als Terrorcamp-Gesetz bekannt. Wie ein kundiger Kommentator feststellte, ist dieses Label der zweitgrößte Blödsinn der aktuellen wahlfeilen Terrorhysterie. Jegliche Unterweisung im Umgang mit gefährlichen Stoffen soll pönalisiert werden, wie in der PDF-Datei zu lesen ist. Als gefährliche Stoffe können schon die künstlichen Aromen gelten, die Schünemann in seiner Zeit vor der politischen Karriere verkaufte – all das Zeug, dass uns Erdbeer-Aroma in einem Joghurt schmecken lässt, der Beeren nur in homöopathischen Dosen enthält. "Erfasst werden soll zum Beispiel die vielfach ohne konkreten Tatbezug erfolgende Verbreitung von Bombenbauanleitungen und so genannten 'Kochbüchern' zur Planung terroristischer Anschläge über das Internet. Auch das Sich-Verschaffen von solchen Schriften z.B. durch Herunterladen aus dem Internet wird unter Strafe gestellt, wenn es zur Vorbereitung einer solchen Gewalttat erfolgt."

*** Aus Kalifornien kommt vielleicht Herr Schwarzenegger nach Hannover, um im Film Mama, ich habe die CeBIT geschrumpft aufzutreten. Ganz sicher sind aber die Kalifornier von Hewlett-Packard dabei, die mit einem Terror-Video für Verstörung in der IT-Szene sorgen. So ungrün wurden Rechner lange nicht mehr entsorgt. Vielleicht werden aber auch die Leute von Go Grid aus dem kalifornischen San Francisco dabei sein und zeigen, wie Server zu Clouds werden. Wäre das Terrorcamp-Gesetz beschlossen, könnten diese Herren direkt verhaftet werden, ehe die Tiefebene einen Kratzer bekommt: Sie geben ja zu, sich Anleitungen aus dem Netz besorgt zu haben.

*** "Ăśber Politiker lache ich mich schief, eckig und krumm, was ĂĽbrigens ein guter Name fĂĽr eine Baufirma ist." (Groucho Marx)

*** Wie schlimm es um die Demokratie steht, zeigen die Bemühungen der Politiker, die Daten terroristischer Kinder ab 12 Jahren zu erfassen, wenn die Rotzbengel rotten.com oder 4chan.org heimsuchen. Denn was ist das Ergründeln solcher Sites anderes als die Vorbereitung auf ein Leben in Terrorcamps? Während diese Wochenschau verbytet wird, läuft im Radio ein Gespräch mit dem Staatssekretär des Innenministeriums und ehemaligen Geheimdienstmann August Hanning, der die Speicherung dieser Daten verteidigt: "Will man mehr Sicherheit? Oder will man hier bewusst weiße Flecken lassen und im Sinne der Political Correctness und im Sinne des Datenschutzes entscheiden?" Die Formulierung lässt aufhorchen, nicht nur, weil 12- bis 14-Jährige kriminalisiert werden, sondern auch, weil der Datenschutz hier mit dem Terrorismus gekoppelt wird. Schmieriger geht es kaum noch. Das kaputte Weltbild der Sicherheitsexperten hat seine eigene Logik: Noch vor der Sommerpause soll das Verfassungsschutzgesetz geändert werden, damit Kinder erfasst werden können. Beim Datenschutz für Arbeitnehmer hat man dagegen Zeit bis zum nächsten Regieren. Du darfst kein Kind sein in dieser Welt, könnte man mit den Prinzen trällern.

*** "Die Redaktion wollte mit dem Konzept dieser Geburtstagsgala die nachhaltige Wirkung darstellen, die Heinz Erhardt bis heute auf den deutschen Fernsehhumor hat. Aus diesem Grund erhielt eine Vielzahl der derzeit populärsten TV-Humoristen die Gelegenheit, ihre Verbundenheit mit Heinz Erhardt auszudrücken. So konnte auch jüngeren Zuschauern die außerordentliche Bedeutung des längst verstorbenen Jubilars vermittelt werden." (Presseerklärung zur niveaulosesten Sendung seit Gründung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.) Ich möchte es so formulieren: Wenn jedes Wort mit G anfängt und ein verbohrter Doofmann in der Senderegie siebtklassige Knallschargen dazwischen mischen darf, ist die GEZ-Gebühr ein Latrinen-Groschen.

*** Zur Empörung einiger Leser des kleinen Nachrichtentickers hat selbiger nicht Heinz Ehrhardt gewürdigt, sondern das Jubiläum des futuristischen Manifests. Dafür gibt es gute Gründe, wie die prompt auftauchende Diskussion über elektrische Puppen und Computerliebe zeigte. Nachzutragen wäre das akustische Manifest, das als Anzeige in einigen deutschen Tageszeitungen und in eben jenem Figaro erschien, in dem auch das futuristische Manifest abgedruckt wurde: "Befreit den Menschen aus der Sklaverei kapitalistischer Bewegungsideologie!" Ich würde nicht so weit gehen wie die Verfasser des neuen Manifestes, die in der Anbetung des Lärms durch die Futuristen den geistigen Nährboden des Faschismus erblicken. Aber das "Irrenhaus der Akustik", in dem wir leben, ist ja nicht nur im Karneval zu hören: Wenn unser Körper ein Schlachtfeld ist, dann sind wir es, die ihn mit akustischen Gadgets eigenhandy umbringen.

*** TaTaa, TaTaa, TaTaa: Karneval ist eigentlich keine Tradition, die im schönen Hannover zu Hause ist. Hier gibt es nur das größte Schützenfest der Welt. Aber weil heuer alles so globalisiert ist, gibt es auch in Hannover einen kleinen Umzug und einen großen Haufen Besoffene. Norddeutsche verstehen die Prinzenkultur nicht und schütten sich einfach nur zu. Es ist wie mit der Kultur des Adels, die mit unserem neuen Wirtschaftsminister von der FAZ ganz vorzüglich beschleimt wird: "Wer sich über Jahrhunderte halten und dann noch ein gewisses Vermögen vorweisen kann, versteht überdurchschnittlich viel von Wirtschaft." KoTau, KoTau, KoTau ... Bedenklich ist allerdings, dass der Karneval auch in den Hochburgen der Tollitäten zur Sauferei ausartet und eine wirklich lustige Debatte über Nacktscanner und Nonnen überlagert. In Hannover trottete der Karnevalszug am Samstag am Landtag vorbei, in dem die Ausstellung zum Auschwitz-Prozess einen etwas lieblos in die landtäglichen Wandelgänge gepressten Auftritt hat. Eine surreale Szene ergab sich nun beim Wandern durch die trotzdem sehenswerte Ausstellung, der Blick fiel vorbei an den Tafeln zur Historie der Judenvernichtung mit schaurigen Bildern von antisemitischen Parolen auf den Karnevalswagen im Deutschland Mitte der 30er-Jahre, der Blick fiel durch die großen Fenster der Wandelgänge, die die Sicht auf den vorbeiziehenden Karnevalszug freigaben. Eine Szene, vergleichbar der, die Dolf Sternberger schon einmal in Frankfurt erlebt hatte: "Am Römer regieren die Fastnachtsnarren, die bunten Garden ziehen auf, das Prinzenpaar lächelt, wir brauchen nichts mehr zu hören und zu lesen von den Selektionen an der Rampe, nichts von Zyklon B, nichts von tödlichen Herzinjektionen." Ja, wir sind ein glückliches Volk. Aber vielleicht haben wir auch nur mal wieder zu viel gesoffen. Von was auch immer.

Was wird.

Die CeBIT kommt und viele, viele kommen. Tickets gibt es ja zum Überfluss, etwa auf einer skurrilen Werbeseite, die ein Web-Flaneur hinterlassen hat. Dort fallen die "Content-Produzenten" von einem Entzücken ins nächste, während die üblichen Kommentatoren die Sache etwas nüchterner sehen oder schlicht mit den Prinzen befinden, dass Alles nur geklaut ist. Ein kleiner Blick zurück ist immer schick, zumal die Macher der Webciety jetzt schon aus dem Häuschen sind über die Chance zum prokrastinieren, twittern und Sixtus beschimpfen. Was war eigentlich vor 10 Jahren schwer angesagt, als das Internet auf der CeBIT ganz groß rauskam? Da gab es tolle Sachen. Eine ganze, große und sehr abgedunkelte Halle war den Avataren vom Cycosmos gewidmet, die sich IRL trafen. Das war schick und fesch, ganz anders als das Treffen der deutschen Compuservler vor 20 Jahren in einem Heidekaff weit außerhalb Hannovers. Die Uhren gingen eben einfach anders: Vor 10 Jahren war der Stand der Firma Swatch schwer umlagert, weil sie erstmals die Internet Time vorstellte. "In wenigen Jahren wird die Jugend ihre 'Dates' nur noch mit der Internet Time bestimmen und wie selbstverständlich die Stundenpläne in Schule und Studium so koordinieren, dass es jeder Internet-Partner verstehen kann." Tja.

Diesmal wird natürlich alles noch viel anderer. Nach Z wie Zorro und S wie Superman wird The H seinen Auftritt haben. H wie Heise, H wie Hilfe, H wie beinhart und H wie Hacken wird in H wie Hannover durch H wie Hallen streifen, im klassischen Look der Super-H wie Helden vom Planeten ^H. Im feschen Speedo-Ganzkörperanzug werden sich die heiseblauen Redakteure, von einem flammendroten Cape ummantelt, ins Getümmel stürzen und dabei die Zauberformel "tie eitsch" murmeln, die jeden PR-Fuzzi erstarren lässt und jedem Progger die Sourcen zum Überquellen bringt. Vergessen wir den langweiligen H-Index der Wissenschaftler und verneigen wir uns vor "The H". Ist nicht selbst Atlantis nichts anderes als der gescheiterte Versuch eines Bootes, ein ordentliches H auf dem Meeresgrund zu zeichnen? Wir H wie Hyperboreener lächeln weise leise. (Hal Faber) / (jk)