Download statt Werkstatt

Bei RĂĽckrufen mĂĽssen oft Tausende Autos in die Werkstatt. Nun wollen erste Hersteller Probleme mit einem Software-Update aus der Ferne beheben.

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Bei RĂĽckrufen mĂĽssen oft Tausende Autos in die Werkstatt. Nun wollen erste Hersteller Probleme mit einem Software-Update aus der Ferne beheben.

Rund 370000 Trucks musste General Motors Anfang des Jahres in die Werkstätten rufen, weil ihre Motoren im Leerlauf zu überhitzen drohten. Wenige Wochen später rief Konkurrent Toyota gar zwei Millionen Wagen wegen eines Fehlers beim Antiblockiersystem zurück. Der Aufwand war in beiden Fällen gewaltig – jedes einzelne Auto musste zurück zum Händler. Dabei musste der nicht mehr tun, als ein einfaches Software-Update aufzuspielen.

PCs und Smartphones hingegen werden schon seit Jahren preiswert und bequem "over the air" mit neuer Software versorgt. Warum also nicht auch Autos?

Tesla bietet solche automatischen Patches bereits an. Nachdem ein überhitzter Ladestecker im vergangenen Jahr einen Brand verursacht hatte, aktualisierte Tesla automatisch die Ladesoftware von knapp 30000 Elektrolimousinen. Erkennt sie Probleme, reduziert sie nun die Ladeleistung. Eine andere Brandursache ging Tesla ebenfalls per Software-Update an: Im vergangenen Jahr fingen zwei Model S Feuer, weil sie mit Gegenständen auf der Straße kollidiert waren, die sich in die Batteriekästen bohrten. Ein Update für die Fahrwerkseinstellung verschafft den Wagen nun mehr Bodenfreiheit bei hohen Geschwindigkeiten. Seitdem sind keine ähnlichen Fälle mehr bekannt geworden – obwohl man natürlich nicht genau wissen kann, ob das wirklich an der Software-Änderung lag.

Auch in anderer Hinsicht sind die automatischen Updates entscheidend für Teslas Erfolg – etwa wenn es darum geht, lästige Fehler zu beheben, die den Ruf der Marke gefährden. So hat Tesla die Reichweitenschätzung seiner Fahrzeuge überarbeitet, damit ein Fahrer bei kaltem Wetter nicht liegen bleibt, weil die Bordsoftware den Stromverbrauch durch die elektrische Heizung falsch kalkuliert hat. Tesla-Mitgründer und Technikchef JB Straubel ist daher von dem Ansatz überzeugt: "In den Anfangstagen wussten wir selbst noch nicht, wie viel Flexibilität und Beweglichkeit wir dadurch gewinnen würden", sagt er gegenüber Technology Review. "Aber nun sind wir in der besonderen Lage, alles mittels Software-Einspielung aus der Ferne einstellen zu können." Er sei überzeugt, "dass die Industrie sich insgesamt in diese Richtung bewegen wird. Das ist nur eine Frage der Zeit."

Immer mehr Autos besitzen bereits ab Werk einen drahtlosen Internetzugang. Laut Greg Schroeder, Forscher am Center for Automotive Research in Ann Arbor, gibt es in der Branche ein "beträchtliches Interesse" an der Fernwartung. Aber noch würden die Hersteller zögern, automatische Updates aus der Ferne zu erlauben. Die meisten seien lediglich in einer frühen Testphase.

Ein Grund dürfte sein, dass die meisten Hersteller – anders als Tesla – auf ein Netz unabhängiger Händler angewiesen sind. Und die haben einen guten Grund, gegen automatische Updates zu sein, weil sie einen großen Teil ihres Gewinns durch Service erzielen. Tesla muss solche Rücksichten bisher nicht nehmen. Noch wichtiger aber sind Sicherheitsbedenken. Mercedes etwa bietet zwar automatische Updates an, derzeit aber nur für browserbasierte Multimedia-Apps, die in der Cloud laufen. Für andere Software gibt es keine entsprechenden Pläne. "Aktualisierungen werden von unseren Händlern beziehungsweise Vertragswerkstätten aufgespielt und dann auch gleich getestet", sagt Sprecher Benjamin Oberkersch. "Nur so können die Kunden sicher sein, dass alles hundertprozentig funktioniert."

Toyota erklärt, dass automatische Updates zwar technisch möglich und bequem seien. Wegen Sicherheitsbedenken habe man bisher aber davon abgesehen. Tatsächlich haben Forscher bereits gezeigt, dass sich Autos über die bestehenden Funkschnittstellen kapern lassen. Und im letzten Sommer demonstrierten Hacker, dass sie ein Auto per Fernzugriff unter anderem steuern und bremsen konnten.

Charlie Miller, Experte für Computersicherheit bei Twitter, war einer dieser Hacker. Er gibt zu, dass automatische Updates neue Angriffsflächen bieten würden. Aber er hält die Gefahr nicht für besonders gravierend. Schließlich habe noch nie ein böswilliger Hacker ein Auto gekapert – schon aus Mangel an finanziellem Anreiz. Außerdem könnten automatische Updates durchaus sicher gemacht werden: "Man kann es vermasseln", so Miller, "aber man kann es auch richtig machen." Er glaubt daher, dass automatische Updates früher oder später kommen müssen. In dem Maße, wie der Umfang von Software in einem Auto zunimmt, steige auch das Risiko von Bugs. Und bei herkömmlichen Rückrufen können Monate vergehen, bis die Software aktualisiert wird – wenn überhaupt. "Das lässt viele Autos in einem angreifbaren Zustand", sagt Miller.

BMW-Fahrer dürfen sich an diese Zukunft schon einmal gewöhnen. Besitzer, deren Wagen serienmäßig mit einer SIM-Karte versehen ist, können bei einem Problem die Online-Pannenhilfe aktivieren. Per Ferndiagnose versucht der Kundendienst dann, den Fehler zu finden. Basiert er auf Software, kann er auch aus der Ferne behoben werden. "Wenn es over the air machbar ist, machen wir es auch", sagt Andreas Schwarzmeier, Produktmanager ConnectedDrive bei BMW – allerdings nicht automatisch und ungefragt. "Bei größeren Rückrufaktionen ist das Problem nicht einfach per Software-Update zu beheben. Es ist in Zukunft aber durchaus möglich, dass sich der Serviceumfang erweitert." (grh)