Wo bleibt die Verkehrswende?
Warum gibt es eigentlich keine gesellschaftliche Bewegung, die analog zur Energiewende ernsthaft die Forderung nach einer Verkehrswende aufstellt? Radikal weg vom Benzin-Auto. Technisch möglich wäre das.
Jedes mal, wenn wir uns mit Verkehr beschäftigen, schlagen die Wellen hoch. Kann man prima an der News zu den diskutierten “Privilegien für Elektroautos“ sehen - alles was rollt, ist offenbar emotional stark besetzt und wird gerne leidenschaftlich diskutiert.
Kaum zu glauben, dass die autogerechte Stadt auch mal als ziemlich wilde, von vielen für unrealistisch gehaltene Vision angefangen hat. Der Spiegel hat das 1959 am Beispiel Hannover fast schon poetisch beschrieben: Um die Außenbezirke der Niedersachsenstadt schließt sich ein Ring von autobahnähnlichen, kreuzungsfreien Schnellstraßen, über die der Fern- und Durchgangsverkehr ohne Geschwindigkeitsbegrenzung surrt. Die City umfaßt ein zweiter, engerer Ring aus gleichfalls doppelbahnigen Schnellstraßen von 50 Metern Gesamtbreite, an deren Gelenken mächtige Verkehrskreisel wie Turbinenräder die Automobile in jede gewünschte Richtung wegschaufeln..
50 Jahre später ist die Realität weniger malerisch - das kann ich Ihnen versichern: Ich wohne ganz in der Nähe einer dieser Turbinen. Der Deisterkreisel verbindet die Messeschnellwege mit der Göttinger Straße, eine solche, oben beschriebene vierspurige, stark befahrene Autobahn mitten in der Stadt. Sie zerschneidet das Stadtviertel - und macht den kompletten Straßenzug eigentlich unbewohnbar. Aber die armen Schweine, die sich nichts anderes leisten können, bleiben trotzdem da.
Gut, man könnte argumentieren, früher war auf der anderen Seite der Straße eh ein Industriegebiet. Aber das ist seit 20 Jahren tot und wird jetzt als gemischtes Wohn- und Gewerbegebiet wieder hochgezogen. Ähnliche Entwicklungen dürfte es nicht nur in Deutschland geben.
Da tun sich Chancen auf. Die großen Städte wachsen wieder. Hippe, gut ausgebildete junge Leute werden von Metropolen angezogen. Und finden Statussymbole wie das Auto eher unattraktiv. Auch junge Familien mit Kindern, die vor 20 Jahren aufs Land gezogen sind, suchen jetzt wieder nach Stadtwohnungen. Das Auto, schreibt Gereon Asmuth in der taz, “ist keine Selbstverständlichkeit mehr“. Sogar der Economist, ganz sicherlich nicht das Zentralorgan industriefeindlicher Öko-Stalinisten beschäftigt sich durchaus aufgeschlossen mit diesem Wandel.
Was mich bei dem Thema allerdings immer wieder wundert, ist, dass es keine gesellschaftliche Bewegung gibt, die analog zur Energiewende ernsthaft die Forderung nach einer Verkehrswende aufstellt. Radikal weg vom Benzin-Auto.
Ich habe vor einiger Zeit versucht, Verkehrsplaner aufzutreiben, die jetzt vielleicht mal ernsthaft die 80er-Jahre-Version der autofreien Stadt unter die Lupe nehmen. Also untersuchen, wie realistisch die Idee eigentlich ist. Fehlanzeige. Alle, die ich kontaktiert habe, schĂĽttelten im ĂĽbertragenen Sinne nur den Kopf. Viel zu unrealistisch. Viel zu radikal.
Ist es das wirklich? Könnte man ein Stadt komplett autofrei kriegen? Wohl gemerkt: Ich rede nicht von Stadtvierteln. Mich interessieren komplette Millionenstädte. Mit Frachtverkehr und allem was dazu gehört. Und wenn ja, wie würde das die Stadt verändern? Könnte das mal einer bitte durch den Simulator schieben? Das kann doch nicht so schwer sein, oder? (wst)