Ausprobiert: Der Spaß und das böse R-Wort
Mit der Empulse R hat der US-Hersteller Brammo ein ausgewachsenes Elektromotorrad auf den Markt gebracht. Wie fährt es sich?
Mit der Empulse R hat der US-Hersteller Brammo ein ausgewachsenes Elektromotorrad auf den Markt gebracht. Wie fährt es sich?
Gregor Honsel, TR-Redakteur, freut sich auf das erste E-Motorrad mit ausreichender Reichweite.
Meine erste Begegnung mit einem Elektromotorrad war zwiespältig. Ich fand die Brammo Enertia zwar prima zu fahren, bin aber nach gut 30 Kilometern mit leerer Batterie liegen geblieben. Nun gebe ich Brammo eine zweite Chance. Mit Matthias Schmidt, der den Norddeutschland-Vertrieb von Brammo macht, habe ich mich zu einer Probefahrt mit der neuen Empulse R verabredet. Sie ist die große Schwester der Enertia. Mit 40 kW (54 PS) und 90 Newtonmetern entspricht sie keiner elektrifizierten 125er mehr, sondern einem ausgewachsenen Motorrad. Oder, wie Schmidt es formuliert: "Das Ding ist eine Waffe."
Also aufgesessen. Schlank, fast zierlich wirkt die immerhin 213 Kilogramm schwere Maschine. Die Sitzposition ist gemäßigt sportlich, alles fühlt sich vertraut an. Ungewöhnlich für einen Stromer: Die Empulse hat ein Sechsgang-Getriebe, damit der Motor im Bereich des besten Wirkungsgrades laufen kann. Zum Anfahren empfiehlt mir Schmidt den zweiten Gang: "Im ersten fährt die einfach unter dir weg."
Hochgeschaltet werde dann am besten bei 4000 bis 5000 Umdrehungen, erklärt er noch. Gut zu wissen, denn nach Gehör zu schalten ist – zumindest für einen Elektroneuling wie mich – keine Option. Gibt man der Empulse die Sporen, heult sie auf wie ein startender Düsenjäger. Bei etwa 80 Kilometern pro Stunde übertönen die Windgeräusche dann den Motorsound.
Für die Landstraßen im Harzvorland reicht der vierte Gang völlig aus. Schon eine kurze Drehung des Handgelenks katapultiert mich mühelos weit in den strafzettelbewehrten Bereich. Bärenstark, dieser Durchzug. Dabei befinde ich mich noch nicht einmal im Sport-Modus. Den stellt Schmidt bei Probefahrten nur ungern ein.
Doch Kraft allein ist nicht alles. Was mindestens ebenso zum Fahrspaß beiträgt: Der Motor schiebt gleichmäßig und ruckelfrei quer durch das ganze Drehzahlband an, was einen sehr runden und entspannten Fahrstil ermöglicht. Nach einigen Kilometern fühle ich mich, als sei ich nie etwas anderes gefahren. Daran haben auch das gute Fahrwerk und die bissigen Bremsen ihren Anteil (leider ohne ABS).
Die Lastwechselreaktionen sind so gering, dass ich Matthias Schmidt nach der Tour frage, ob die Maschine überhaupt rekuperiert, wenn ich vom Gas gehe. "Doch, das lässt sich per Software einstellen", sagt er. Die Verzögerung sei gerade so stark eingestellt, dass man möglichst selten zur Bremse greifen müsse. Eine noch stärkere Rekuperation bringe kaum etwas für die Reichweite.
Ach, das böse R-Wort – irgendwann musste es ja fallen. 41 Kilometer bin ich gefahren, danach steht die Akkuanzeige nur noch auf 55 Prozent. Hochgerechnet entspricht das einer Reichweite von nicht einmal hundert Kilometern. Schmidt versichert mir zwar, dass man mit einer "vernünftigen" Fahrweise durchaus 170 Kilometer schaffen würde. Mag ja sein – aber wer will ein solches Spaßgerät schon vernünftig bewegen? Da ist es auch kein Trost, dass sich die Lithium-Akkus mit Nickel-Cobalt-Mangan-Kathode an einer normalen Haushaltssteckdose innerhalb von 3,5 Stunden komplett laden lassen.
Produkt: Empulse R
Hersteller: Brammo
Preis: 17.493 Euro
(grh)