Was war. Was wird.
Die Wochenschau von Hal Faber möchte den Blick für die Details schärfen -- im Wochenrhythmus. In dieser Ausgabe: Flood-Attacks, PR-Amokläufe und virtuelle Fließbänder.
Die Wochenschau von Hal Faber -- wie schon die erste Ausgabe möchte sie den Blick für die Details schärfen -- im Wochenrhythmus.Immer wieder gibt es Informationsbröckchen, die es nicht zur richtigen Nachricht schaffen. Sie mögen nicht in das Bild passen, das eine Firma von sich präsentieren will. Sie passen nicht in die angesagten Technik-Trends oder sie sind wirklich so kümmerlich, dass es der Sammlung bedarf. Manches bleibt auch unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle: Menschen, Computer, Sensationen verdecken den Blick auf Hintergründiges und Zusammenhängendes.
Die Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist, so es die Bröckchenlage zulässt, Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war
*** Im Wochenrückblick gehört sicher die Flood-Attack auf prominente amerikanische Web-Sites an die erste Stelle. Was im E-Business Rang und Namen hat, was an der Börse Kurse in luftigen Höhen verzeichnet, wurde mit Stacheldraht umwickelt und gepiesackt. Noch liegen längst nicht alle Ergebnisse auf dem Tisch, sodass Spekulationen müssig erscheinen. Stutzig kann allenfalls der Bericht des Nachrichtensenders CNN machen. Nach ihm wurden Web-Sites wie ZDnet vom FBI kontaktiert, ehe dort die Webmaster überhaupt die Attacke registrieren konnten. Wo sind die Verschwörungstheoretiker, wenn man sie braucht?
*** Eine beliebte Verschwörungsthese besagt, dass America Online angetreten ist, um den Tod des Internet herbeizuführen. Stichhaltige Beweise gibt es dafür nicht, sieht man von der Mailsoftware ab, die durch mangelnde Flexibilität bei den Real-Namen altgediente Usenetler in den Wahnsinn treibt. So bleiben eines Tages nur AOLer übrig. Nun liefert AOL seine Zugangssoftware der Version 5.0 aus. Sie gibt es in einer US- und mehreren europäischen Versionen. Die vermeintliche US-Version für Windows NT habe einen gravierenden Fehler, der in den USA zu einer fetten Sammelklage führte. 8 Milliarden Dollar Schadensersatz entsprechend 1000 Dollar pro US-Anwender möchte man für den Softwarefehler zurückhaben. Was an der Klage erstaunt, ist der von den Klägern errechnete hohe Anteil der NT-Nutzer. Zum Stichtag der Klage hatte AOL in den USA 17,2 Millionen Mitglieder (in Europa: 3,8; in Deutschland: 1,5). Fast die Hälfte der AOLer müssten also mit dem professionellen Betriebssystem Windows NT im Cyberspace unterwegs sein.
*** Wo's sich klagt, da lass dich ruhig nieder, dachte sich der Verband der deutschen Internet-Wirtschaft (eco). Er warnte vor der Installation von AOL 5.0, weil die Software per Default den Zugang zu anderen ISP abschaltet. Wer die Frage, ob der AOL-Browser der Standard-Browser sein soll, mit "Ja" beantwortet, ist den Zugang zu seinem normalen ISP los.
Die PR-Schlacht kann also losgehen: "Die dem Verband angeschlossenen ISP-Firmen berichteten von einer Anrufflut von Verbrauchern, die auf Grund von AOL 5.0 bereits mit erheblichen Computerproblemen zu kämpfen hätten, erklärt eco-Geschäftsführer Harald A. Summa. In vielen Fällen seien die gesamten Netzwerk-Funktionen von Windows zerstört worden. Die Wiederherstellung sei für Laien unmöglich", hieß es in einer ersten Pressemitteilung von eco. Doch man liess es nicht bei der Warnung bewenden, erhob die Software des Online-Dienstes in den Rang einer Crash-Software und empfahl: "Damit AOL 5.0-Nutzer ihre Erfahrungen mit der Crash-trächtigen Software austauschen und sich untereinander helfen können, hat der eco-Verband ein Online-Hilfsforum eingerichtet. Auf eCircle.de, der größten deutschsprachigen Internet-Diskussionsplattform, erhalten AOL-Kunden unter www.eCircle.de/circles/aol-hilfe nach dem Prinzip 'Verbraucher helfen Verbrauchern' Hinweise zur Vermeidung des PC-Crashs."
Lassen wir einmal die spannende Frage weg, wie AOL 5.0-Nutzer es mit einer Crash-Software bis zu eCircle schaffen, denn die nächste Pressemitteilung folgte auf dem Fuß. eCircle teilte mit, dass man unbürokratische Hilfe im aktuellen "Fall AOL 5.0" anzubieten habe. Und wieder ist das Problem gewachsen: "Bei einigen Rechnern wurden sogar Windows-Grundfunktionen außer Kraft gesetzt, sodass die Computer überhaupt nicht mehr zu starten sind, heißt es in Textbeiträgen von Verbrauchern im eCircle-Forum."
Rechner, die nicht mehr starten, aber Betroffene, die in eCircle diskutieren können, machen natürlich neugierig. Aussersinnliche Wahrnehmung? Eine erläuternde Pressemitteilung folgte gottseidank sofort. Diesmal von der Firma Datango. Dort war aus dem Fall AOL mittlerweile ein "Super-GAU" geworden. Datango bietet Web-Rides an, Ritte durch das WWW "mit erläuternder Stimme und musikalischer Untermalung". Doch lesen wir Datangos Pressemitteilung: "Was steckt dahinter, wie reagiert AOL, wie verhindert man den Super-GAU auf dem eigenen PC und was kann man noch retten, wenn nach der Installation der Internetsoftware scheinbar schon alles zu spät ist -- diese Fragen beantwortet der erste Web-Ride zum AOL-Skandal, der unter www.datango.de aufrufbar ist."
Skandalon heißt auf Griechisch Fallstrick. Und der ist schnell gefunden. Als Zeuge für den Skandal benennt Datango einen uns bereits wohl bekannten Herrn: "Der Verband der deutschen Internet-Wirtschaft und die ihm angeschlossenen Internet Service Provider (ISP), die über 85 Prozent des deutschen Internetverkehrs abwickeln, haben mittlerweile eine offizielle Empfehlung für den datango Web-Ride ausgesprochen. Das ist die beste Hilfe für verzweifelte AOL-Seelen, denen die Hotlines der ISP-Firmen nicht mehr helfen können, urteilt eco-Geschäftsführer Harald A. Summa. Der Web-Ride führt u.a. zum offiziellen AOL-Diskussionsforum des Verbandes auf www.eCircle.de."
Sollen wir uns alle nicht über eine deutsche Internet-Wirtschaft freuen, die so tatkräftig handeln kann, wo ein Rädchen nahtlos das andere antreibt? Nur ein Unwissender könnte meinen, dass die PR-Agentur, die alle drei Musketiere unter Vertrag hat, am Durchdrehen ist. In den USA werden PR-Mitarbeiter von Journalisten "PR-Flaks" genannt -- und eine gute Flugabwehrkanone muss halt feuern können, aus allen Rohren. Auch AOL beherrscht die Technik und feuerte zurück, natürlich mit dem vielseitig verwendbaren Herrn Summa: "Der Verband der deutschen Internet-Wirtschaft eco hat Presseberichte relativiert, wonach der Verband vor der Installation der AOL-Zugangssoftware warne. Harald A. Summa, Geschäftsführer von eco, dem Verband der deutschen Internet-Wirtschaft, erklärt dazu: 'Der Verband der deutschen Internet-Wirtschaft hat nicht vor AOL gewarnt. Uns sind lediglich von einigen wenigen Mitgliedsfirmen Fälle zugetragen worden, wonach bei der Verwendung mehrerer Internet-Zugänge das Zusammenspiel mit der AOL-Software 5.0 Probleme bereiten könne.'"
Kommt noch jemand mit? Wir sind noch nicht am Ende! Denn natürlich ist uns eco noch eine Antwort auf AOL schuldig. Tatsächlich schickte die nimmermüde Agentur Tags darauf den Widerruf vom Widerruf und sorgte unter der Überschrift "eco-Verband bekräftigt Kritik an AOL 5.0 / AOL-Hilfeforum auf wwww.eCircle.de weiterhin aktiv" dafür, dass gleich zwei Klienten im Gespräch bleiben: AOL solle "die betroffenen Verbraucher durch die Bereitstellung von technischen Experten im eco-Hilfeforum (sic) auf www.eCircle.de beraten", heißt es da. Nur Datango fehlte, dort war man vom Webritt stark geschüttelt und veröffentlichte einen Tag später in einer Stellungnahme unter der Überschrift "Kein Skandal bei AOL" nur noch Worte des Bedauerns: "Die Gerüchte, dass AOL-Mitarbeiter anonym in den Diskussionsforen bei der Fehlerbeseitigung helfen, sind nach Nachprüfung nicht richtig. datango bedauert, mit der Bezeichnung von AOL als 'Internet-Moloch' eine absolut unzutreffende Formulierung gewählt zu haben."
Auch diese Meldung ist rätselhaft. Ein grep über das Dutzend PR-Meldungen der rührigen Agentur zeigt, das der "Moloch" inzwischen unauffindbar ist. Aber vielleicht zeigt er sich ja nächste Woche. Hakenschlagende PR-Agenturen, wildgewordene Pressesprecher: Schöne Aussichten, wenn das symptomatisch für "Die Deutsche Internet-Wirtschaft" ist. Wir freuen uns jedenfalls auf die nächsten Kampagnen: eco, eCircle, Datango -- unsere Papierkörbe sind wieder leer!
*** Aber verweilen wir noch kurz bei einem der Mitstreiter im amoklaufenden PR-Getümmel: eCircle, der selbst ernannten größten deutschsprachigen Internet-Diskussionsplattform. Nie gehört? Schlecht, findet eCircle. Und langt in die Vollen: So rauscht eine Mitteilung nach der anderen durch die Redaktionen. Einmal legt Waffenhändler Schreiber alle Hintergründe zur Parteispendenaffäre der CDU offen -- was aber natürlich nur ein nach Ansicht von eCircle gelungener PR-Gag ist. Dann trumpft der Foren-Betreiber gleich noch mit einer Sensation auf: Laut Umfrage will die Mehrheit der Bundesbürger, dass Ex-Kanzler Kohl sein Ehrenwort hält und die Spender der schwarzen CDU-Millionen nicht nennt.
Alle sieben Tage stellt eCircle den Besuchern seiner Site eine neue Frage; "Ja" oder "Nein" angekreuzt, schon ist die Umfrage fertig, mit der sich dann trefflich werben lässt. Wow: Einmal klicken, und schon hat eCircle bewiesen, dass in Zukunft das Internet die Demokratie rettet. Sagen sie zumindest. Da lobt man sich doch die Weltanschauungsfanatiker und Verschwörungstheoretiker aus dem Usenet -- dessen deutscher Teil wohl doch eine etwas größere Diskussionsplattform sein dürfte als die Web-Site der "eCircle Multimedia GmbH". Jedenfalls scheint die Firma der Ansicht zu sein, die These Bad News are Good News rechtfertige jeden PR-Müll, Hauptsache, man kommt in die Schlagzeilen. Sogar die Bild-Zeitung sieht daneben wie eine umfassende Informationsquelle und ein Ausbund an journalistischer Objektivität aus -- wundern muss sich niemand, wenn angesichts solch penetranter Marketiers wie der Herren und Damen von eCircle das Internet noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit als Informationsmedium verliert.
Was wird
... wenn sich Leute in Gesprächszirkeln einmal nicht auf Systemen wie eCicle verabreden, sondern sich über einen einfachen Mail-Verteiler unterhalten? Angestellte der Firma Northwest Airlines sollen auf diese Weise ein System zum Krankfeiern als Streikform ausgekungelt haben, das der Airline einen Millionenschaden verursachte. Nun bekam sie von einem Richter das Recht zugesprochen, alle privaten Computer der Angestellten durchsuchen zu lassen. Sollte so ein Fall bei der Konkurrenz Delta Airlines eintreten, bräuchte kein Gericht bemüht zu werden. Wie schon im Newticker berichtet, will Delta allen Beschäftigten einen PC und einen Internet-Anschluss zu moderater Gebühr überlassen. Technisch bliebt der PC ein Eigentum von Delta -- und kann nach Gusto durchsucht werden.
Die verlängerte Werkbank, beziehungsweise das verlängerte Büro im Heim der Arbeiter und Angestellten dürfte den Managern von Delta Airlines und des Autoherstellers Ford eh als recht glückliche Idee erscheinen. Man gebe den Mitarbeitern einen PC und Zugriff auf bestimmte Bereiche des Intranet der Comapany -- voilà , über kurz oder lang dehnt sich selbst das Fließband ins Wohnzimmer aus. Virtuell zumindest: Ford hofft erklärtermaßen, dass Arbeiter sich zu Hause per Rechner um Dienstpläne, Personalprobleme und Ähnliches kümmern und durch den Umgang mit dem PC für neue Techniken am Fließband geschult werden. "1984" und "Schöne neue Welt" in einem Konzept: Der alte Henry Ford selig hätte sicher Gefallen daran gefunden.
Was in Deutschland möglich ist, was politisch bedenklich ist, will am 18. und 19. 2 in Berlin die Tagung "Grundrechte in der Informationsgesellschaft" beantworten, die von der Deutschen Vereinigung für Datenschutz veranstaltet wird. Sie begründet die Tagung mit einem bedenkenswerten Satz: "Längst ist die unkritische Technikbegeisterung der Einsicht gewichen, die Informationsgesellschaft politisch gestalten zu müssen, um nicht bürgerrechtliche, demokratische und soziale Errungenschaften aufs Spiel zu setzen."
Sonst bleiben am Ende nur Maloche, Moloche, Molche und solche. (Hal Faber) (jk)