Vorsicht vor dem eAuto!

Nach einer Fahrt mit dem Prototypen von Nissans Elektroauto ist mir klar: Diese flüsterleisen Beschleunigungsmonster stellen eine unerhörte Gefährdung im Straßenverkehr dar. Mindestlärmverordnungen für eAutos reichen bei weitem nicht.

vorlesen Druckansicht 30 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling

Ich kann nun wirklich nicht behaupten, einer der ersten Elektroautofahrer gewesen zu sein. Und es war nicht einmal meine erste Fahrt mit einem eAuto. Aber immerhin konnte ich am Montag mit einer Horde von Journalisten einen Prototypen des ersten Großserien-Stromers über Nissans Testpiste in Yokohama jagen. Das richtige Modell soll am 2. August vor der Welt enthüllt werden und 2010 auf den Markt kommen. Aber selbst das Vorserienmodell in Form eines Nissan Tiida versetzte einen beruflichen Testfahrer in Entzücken: Der Schwerpunkt sei wegen der im Fahrzeugboden mittig untergebrachten Lithium-Ionen-Batterien tief und in der Mitte des Wagens, schwärmte er. „Das Ding fährt sich wie ein Rennauto!“

Nun, mit meiner auf Straßenautos beschränkten Erfahrung konnte ich ihm das nur glauben, nicht aber selbst beurteilen. Aber in einem hat er recht: Wie schon bei Hondas Brennstoffzellenauto FCX Clarity würde ich mit der sofortigen Kraftentfaltung des Elektromotors wohl jeden Porsche an der Ampel alt aussehen lassen. Wenigstens hat es damals im Clarity mit einem Toyota Lexus locker geklappt. Und dabei surrt der Motor so leise, dass man ihn fast für Windgeräusche halten könnte. Doch als ich nach dem kleinen Beschleunigungsrausch aus dem Gefährt aussteige, ereilt mich die Erleuchtung: Japans und Amerikas Regierungen haben recht! Die vermeintlichen Ökomobile sind lebensgefährlich – für Fußgänger. Da muss man was tun.

Interessanterweise haben in den beiden führenden Hybridnationen die Regierungen fast gleichzeitig angefangen, auf die Gefährdung zweibeiniger Verkehrsteilnehmer durch flüsterleise Autos zu reagieren. In den USA legten die Senatoren John Kerry und Arlen Specter im April einen vom US-Blindenverband hoch gelobten Gesetzentwurf vor, der zur Erforschung von Methoden verpflichtet, die „blinde und andere Fußgänger vor Verletzung oder Tod durch geräuschlose Fahrzeugtechniken schützen“. Denn plötzlich warnt kein Motorengebrumm Blinde, Fahrradfahrer, Alt und Jung vor der heran rollenden Tonne Blech. Hybride und eAutos seien daher „extrem gefährlich“ in Situationen, wo sie mit Fußgängern in engen Kontakt kämen, erklärt der Blindenverband. Im Juli folgte Japans Transportministerium mit der Einrichtung eines Ausschusses, der als konkreten Vorschlag eine Art Mindestlärmverordnung für leise Autos studieren soll.

Wer diesen Eifer für übertrieben hält, den belehrt Lawrence Rosenblum von der University of California eines besseren. Unter 25 bis 30 Stundenkilometern ließe sich nur schwer beurteilen, von wo sich wie schnell eine Elektromotor getriebenes Auto nähere, hat er herausgefunden. Erst darüber reicht das Reifengeräusch.

Es ist unverzeihlich, dass diese Gefahr vom Gesetzgeber so lange vernachlässigt wurde. Schließlich sind Problematik wie Lösungen schon seit Jahrzehnten bekannt. Vor zwölf Jahren stellte ein Autoren-Trio in dem Werk „Foundations of orientation and mobility“ drei bis heute gültige Methoden vor, wie Blinde leise Autos besser wahrnehmen könnten: Autos müssen einen Mindestlärm in einem bestimmten Frequenzband abgeben; Blinde erhalten ein Gerät, das ihnen Richtung und Tempo heranschleichender Mobile meldet oder einen Sender, der nahende Wagen loslärmen lässt.

Allerdings erscheinen „Klingeltöne“ fürs Auto derzeit als die wahrscheinlichste Variante. Der Gründer des eAuto-Batteriewechselunternehmens Better Place, Shai Agassi, hat sich daher vorsorglich den Namen „Drivetones“ schützen lassen. Ich plädiere dafür, eAutos ein „Muh“ oder wahlweise Vogelzwitschern oder Hufgetrappel vorzuschreiben. Das würde ihre vermeintliche Umweltfreundlichkeit auch akustisch unterstreichen. Nur werden sich Motorenimitationen wohl doch durchsetzen – aus der Macht der Gewohnheit. Schließlich simulieren auch Digitalkameras immer noch das Geräusch nicht mehr vorhandener Verschlüsse.

Aber nach meiner Testfahrt muss ich sagen: Leise Autos laut zu machen, greift noch viel zu kurz. Viel gefährlicher erscheint mir die rasante Beschleunigung von eAutos an Ampeln. Da sind zum einen Fußgänger und Fahrradfahrer, die kurz bevor es grün wird, eben noch über die Kreuzung huschen. Die träge Kraftentfaltung der Verbrennungsmotoren bei niedrigen Drehzahlen ließ sie bisher noch unverletzt entkommen, prompt bei grün los sprintende eAutos nicht. Zum anderen drohen aus nämlichem Grund Karambolagen mit Autos, die bei orange noch mal mit Karacho eine Kreuzung passieren. Da hilft nur eines: Die Regierungen in aller Welt müssen das Beschleunigungsverhalten von eAutos gesetzlich auf das von Benzinautos drosseln. Das eAuto darf nicht mehr Fahrspaß bieten als Verbrenner, sondern muss sich anhören und fahren wie seine Rivalen – alles andere wäre ein unlauterer Wettbewerbsvorteil. Zero-Emission im Fahrbetrieb muss als Verkaufsargument reichen. (wst)